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Der indische Brunnen am Luisenstädtischen Kanal vor der Waldemarbrücke. Er stand hier schon in den 1920er Jahren.
© Kai-Uwe Heinrich

Serie "Berliner Ufer": Der grüne Kanal

Wasserweg ohne Wasser: eine Berliner Stadtwanderung durch den Luisenstädtischen Kanal, vom Urbanhafen in Kreuzberg bis zur Schillingbrücke an der Spree.

Wellness in Kreuzberg, das wäre es doch. Das heiße Wasser kommt aus der Eisfabrik in der Köpenicker Straße, es fällt ja Wärme ab bei der Kälteerzeugung. Palmen säumen das Engelbecken, Elefanten die Freitreppe, die Wasserspiegelung der Michaelskirche wird zur Fata Morgana des Tadj Mahal – und fertig der Traum von Indien in der Luisenstadt. Geträumt hat ihn der Gartendirektor Erwin Barth, damals, Mitte der 20er Jahre, als der Luisenstädtische Kanal zugeschüttet wurde.

Es ist immer noch eine der verrücktesten Berliner Arbeitsbeschaffungsgeschichten: Erst wurde der Kanal 1852, nach den Entwürfen von Peter Joseph Lenné, vom Urbanhafen in Kreuzberg bis zur Spree in Mitte ausgehoben, gut 70 Jahre später wurde er wieder trockengelegt, mangels Schifffahrtsaufkommen. Beides Maßnahmen, um die Arbeitslosen von der Straße zu holen. Der Kanal wurde zum Grünzug, nur das Engelbecken blieb erhalten, eine Oase mit Wasserkünsten und Badeanstalt, mitten in Berlin.

Aber die Katholiken waren dagegen. Volksbäder vor Sakralbauten! Halbnackte Menschen im Schatten des Michaelsengels!, protestierten die Gläubigen. Von Barths Traum blieb nur der indische Brunnen mit der nackten Göttin im Lotossitz. Da thront sie heute wieder, in Bronze gegossen, auf ihrer von wasserspeienden Fabelwesen umkränzten Blätterpyramide, im Rosengarten zwischen Becken und Waldemarbrücke. Ein Verehrer hat ihr frische Blüten in die feingliedrige Hand gelegt.

Den Namen hat das Engelbecken vom Erzengel Michael

Wieland Giebel sagt, das Wasser ist gut. Weich und warm und dank der Filter auch sauber. Der Gründer des Berlin Story Verlags und des gleichnamigen Museums ist im Bürgerverein Luisenstadt aktiv, er wohnt am Engelbecken und geht hier in der Früh manchmal schwimmen. Den heiligen Michael stört das kein bisschen. Was wohl auch daran liegt, dass der Verein dem namensgebenden Erzengel ein Licht aufgesteckt hat. Damit er leuchtet in der Nacht, mit freier Sicht bis zum Oranienplatz. Kürzlich haben sie die Baustrahler in einer halsbrecherischen Kletteraktion durch wärmeres LED-Licht ersetzt.

Um das Schwanenhaus kümmert der Verein sich auch. Ist ja ein Schwanenteich heute, mit Graffiti an den efeubewachsenen Mauern hinter den Pergolen rund um das Becken, mit Schilf vor dem Café an der Nordseite, sprudelnden Fontänen, Enten, Reihern, einem Kormoran und neuerdings einer Schwanenfamilie. Am Ufer gucken Kinderladenkids zu, wie die Schwanenkinder auf Entdeckungstour gehen, ohne Mama. Drei haben weißes Gefieder, eins ist grau, typisch Patchworkfamilie.

Irgendwelche Blödmänner kippen regelmäßig das Holzhaus auf dem Teich um. Jetzt ist ein Nisthaus aus Metall in Arbeit, das Meisterstück eines Schmiedegesellen. Die Plattform fürs Nest war eh viel zu klein. Im Bürgerverein sind sie jetzt Experten für Schwanennestgrößen.

Sonst hält sich der Vandalismus am Engelbecken in Grenzen. Das Café (abends gibt’s Pizza!) sorgt für soziale Kontrolle, auch die rund 20 Touristen- und Stadtführungsgruppen pro Tag. Zu den Radlern und Rentnern gesellen sich jetzt die Pokémon-Jäger. Selbstregulierung, freut sich Wieland Giebel, und meint beileibe nicht nur den Alltag am Becken. In Geschichte und Gegenwart des gesamten Luisenstädtischen Kanals haben sich immer wieder kleine Wunder der großstädtischen Selbstregulierung ereignet.

Kaiserlinden sollten nach Mauerfall Verkehrstrasse verhindern

Der menschliche Geist, sein Wille, die Vorstellungskraft, schon irre, was sie bewirken können. Das Engelbecken wurde 1961 dann doch trockengelegt, mit Gewalt. Es war Todesstreifen, Zonengrenze, Wüstenei. Bis zum Fall der Mauer und dem Moment, als pfiffige Bezirkspolitiker Archäologie der Neuzeit betrieben, Reste der Barth’schen Gartenanlage ausbuddelten und schleunigst Kaiserlinden anpflanzten. 233 junge Linden setzten sie an den Legien- und Leuschner-, den Engel- und Bethaniendamm. Bäume werden immer verteidigt: Die Idee der Verkehrsplaner, eine Asphaltschneise rüber zur Spree zu schlagen, kam zu den Akten.

Seinen Namen hat das Engelbecken von St. Michael auf dem Dach seiner Kirche. Mit seinem Kreuzstab sticht er in See.
Seinen Namen hat das Engelbecken von St. Michael auf dem Dach seiner Kirche. Mit seinem Kreuzstab sticht er in See.
© Kai-Uwe Heinrich

Man rauft sich zusammen, und manchmal hilft Anarchie, das findet sich überall am grünen Kanal. Ist eh ein Unikum: eine Wasserstraße ohne Wasser, der Urbanhafen, der kein Hafen ist –außer für das Restaurantschiff Van Loon und den Zwischenhalt kleiner Sportboote. Dort im Böcklerpark nimmt der Kanal seinen Anfang. Drüben, vor dem Betonzacken des Urbankrankenhauses, füttern junge Väter mit ihrem Nachwuchs die Enten, Patienten telefonieren im Morgenrock. Und hier, an der Quelle des Kanals, wird es erst mal alpin. Mit fiktivem Wildbachlauf und Felsbrocken am Wiesengrund, fehlt nur noch, dass gleich ein Murmeltier pfeift.

Der Weg am Urbanhafen beginnt alternativ alpin, der IBA sei Dank

Es waren die IBA-Planer der Achtzigerjahre, die dem SO 36-Kiez hier Biosphärenflair verpassten, anthroposophisch schräge Brückchen und einen kurvigen Wanderweg anlegten, heute blauweiß als Nummer 19 markiert. Na ja, es gibt auch Partymüll, Sektflaschen, kalte Asche.

Ein umweltbewusster Scherzvogel hat zwei Plastiktüten voller Kronkorken an einen Ahornbaum gehängt, und ein Schild, dass sämtliche Blechkorken in den Tüten aus dem Umkreis von sechs Metern stammen. Selbstregulierung! Überhaupt wird auf der Wanderung Richtung Engelbecken reichlich geputzt. BSR-Männer stopfen Abfall in Tüten, lärmen mit Laubsaugern, pieksen Abfall auf Gabeln. Auch Pfandflaschensammler sind unterwegs.

In Mitte ticken sie anders: Auf Kiez-Wildwuchs folgt Parkanlage

Der indische Brunnen am Luisenstädtischen Kanal vor der Waldemarbrücke. Er stand hier schon in den 1920er Jahren.
Der indische Brunnen am Luisenstädtischen Kanal vor der Waldemarbrücke. Er stand hier schon in den 1920er Jahren.
© Kai-Uwe Heinrich

Der Weg führt vom Erkelenzdamm mit den stattlichen Elisabethhöfen über das verwahrloste Rund des Wassertorplatzes bis zur Hochbahn an der Skalitzer Straße, dann vorbei am Verkehrskindergarten und weiter zum Oranienplatz, mit fskKino, Max-Taut-Haus und Granit-Drachenbrunnen. Das klobige Viech sollte ursprünglich böser aussehen. Aber der Kiez wollte es lieber etwas abstrakter.

Längst hat sich der Pfad zur urbanen Promenade verbreitert. Die Stadt holt tief Luft hier. „Folge wenigstens einmal in deinem Leben einem Fluss von der Quelle bis zur Mündung“: Bazon Brocks Denkerei im Eckhaus am O-Platz steuert den passenden Schaufensterspruch bei.

Ufer sind Grenzen, Grenzüberwinder. Alles fließt, zwischen Stadt und Natur, Mensch und Tier, Damals und Heute, Bürger und Monarch, Bürger und Bürger. An der Waldemarbrücke, der letzten erhaltenen von einst zwölf Kanalüberquerungen, verläuft die Grenze zwischen Kreuzberg und Mitte, ein Jammer, dass die Luisenstadt bei der Verwaltungsreform von 2001 nicht wiedervereint wurde. In Mitte ticken sie anders, man sieht es sofort. Auf den Kiez-Wildwuchs folgt die Parkanlage, hier wird nicht gestromert, hier wird promeniert. Alles so rechtwinklig hier.

Am Engelbecken holt die Stadt besonders tief Luft

Aber die Graffiti verbinden Ost und West dann doch, auch der Brunnendrachen und die Schwäne und die Kinderladen-Kids. Der Blick weitet sich nochmals, am Engelbecken holt die Stadt besonders tief Luft. Stacheldraht? Wachtürme? Der Wind kräuselt das Wasser, als sei nichts gewesen. „Engelbecken“ heißt ein Film von Gamma Bak und Steffen Reck über die Paranoia in der DDR-Subkultur der Achtziger, eine traurige Liebesgeschichte aus vorvergangener Zeit (Vorführung am 9.9. im Kino des Martin-Gropius-Baus, 19 Uhr).

Das Engelbecken in Mitte: Hier knickt der Luisenstädtische Kanal rechts ab Richtung Spree. Im Café an der Nordseite gibt's leckere Pizza.
Das Engelbecken in Mitte: Hier knickt der Luisenstädtische Kanal rechts ab Richtung Spree. Im Café an der Nordseite gibt's leckere Pizza.
© Kai-Uwe Heinrich

Großstadt ist Vielfalt, kartografiertes Chaos. Kronprinz Friedrich Wilhelm IV. hatte den Kanal mit einem Federstrich auf den Stadtplan gezeichnet, in dem vor Geschichten, Dokumenten und Fotoschätzen geradezu überbordenden Kanalbuch des Thomaskirchen-Pfarrers Klaus Duntze (der vor wenigen Tagen auf dem Luisenstadt-Friedhof beerdigt wurde) kann man ihn sehen. Die herrische und zugleich verwegene Linie knickt östlich ab am Engelbecken und endet am Spreeufer, dort, wo jetzt das Verdi-Haus steht. Wer dem Strich heute folgt, geht am Kinderbauernhof vorbei, an der Thomaskirche und den Klettergerüsten im Bootswrackstil entlang, durch Blütensträuchergarten und urwaldwilde Vegetation. Der Grünkanal, noch einmal anders: Die Kinderbauern können hier Tierfutter pflanzen, und im Unterholz haben ein paar Obdachlose kleine Zelte aufgeschlagen.

Der Kanal, ein Transitraum, eine permanente Metamorphose. Die Bürger hatten dem monarchischen Strich schnell einen Strich durch die Rechnung gemacht und selbstbewusst Gewerbehöfe an den Kanalufern errichtet, auch die Arbeiter widersetzten sich der Obrigkeit. Daran erinnert die Büste von Wilhelm Leuschner unweit des Rosengartens, die Nazis ermordeten den tapferen Gewerkschafter in Plötzensee. Der Leuschnerdamm hier, der Legiendamm drüben, sie hießen mal beide Elisabethufer und wurden getrennt. Aber die Hausnummern blieben. Sie bewahren das Gedächtnis der Luisenstadt auf, indem der Legiendamm nur gerade Nummern hat, der Leuschnerdamm nur ungerade. Geteilt und doch eins, wie schön.

Was der heilige Michael wohl über die Zeitläufte denkt? Der Engel grüßt aus schwindelnder Höhe und umfasst seinen Kreuzstab mit kräftigen Händen, als sei’s ein Riemen zum Rudern.

Zum Weiterlesen: Klaus Duntze: Der Luisenstädtische Kanal, Berlin Story Verlag 2011, 450 S., 24,80 €

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