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Der Regisseur und seine Stars. Klaus Lemke (2. v. li.) zwischen Cleo Kretschmer, Zora Z. und Wolfgang Fierek 1979 bei der Premiere von „Arabische Nächte“.
© dpa

Klaus Lemke wird 80: Der Schwabing-Cowboy des deutschen Kinos

Klaus „Bad Boy“ Lemke hat die Branche immer gerne herausgefordert, als Person und mit seinen Filmen. Heute wird das Regiewunder 80 Jahre alt. Eine Gratulation.

Von Andreas Busche

Es gibt wenige Regisseure, denen man die Anrede „Cowboy“ im Jahr 2020 noch ernsthaft durchgehen ließe. Wer solche Worte in den Mund nimmt, sollte mindestens über eine John–Wayne-Statur verfügen – oder den nötigen Pioniergeist. Bei Klaus Lemke bestehen zumindest an letzterem keine Zweifel. Der Wahl-Münchner ist unerschrocken, er zieht auch schneller als die meisten anderen; „to shoot a picture“ sagte man früher in Hollywood schließlich nicht ohne Grund.

Und wer nicht schnell genug in Deckung geht, bekommt die volle Ladung Lemke ab: das deutsche Förderkino, Filmhochschulen mitsamt Berliner Schule, verweichlichte Millennials, Regisseure, die sich nichts trauen oder am Leben vorbeifilmen – und natürlich die Berlinale, gegen die er 2012 mit nacktem Hintern auf dem roten Teppich protestierte.

Den imaginären Cowboyhut hat er längst gegen eine tief ins Gesicht gezogene Schiebermütze eingetauscht: Heute posiert der Nick Knatterton des unabhängigen deutschen Films vor Kameras als der last man standing.

Der auf Krawall gebürstete Lemke, der am Dienstag seinen 80. Geburtstag feiert, aber immer noch weiß, wie die Twenty-Somethings quatschen (eine Fantasie-Cowboy-Jugendsprache), hat inzwischen die kollektive Erinnerung an einen der aufregendsten Filmemacher der sechziger und siebziger Jahre gekapert.

Lemke macht seit seinem Debüt „48 Stunden bis Acapulco“ von 1967 im Prinzip immer denselben Film: über harte Jungs und hübsche Mädchen; oder Jungs, die denken, sie wären tough – und am Ende nehmen sich die Mädchen, was ihnen zusteht. Nur die flotten Mackersprüche klingen nach über fünfzig Jahren etwas schal. Auch ein Clint Eastwood ist ja in seinen Filmen irgendwann mal vom Pferd gefallen.

Er fand seine Stars auf der Straße

Weil Lemke aber immer noch unermüdlich weiter dreht, seit 2016 jedes Jahr ein neuer Film, neigt man leicht dazu, diese beispiellose Karriere vom Ende her zu erzählen. Anlässlich des runden Jubiläums lohnt sich darum noch mal eine Würdigung des Frühwerks, in dem sich einige Juwelen, oder besser gesagt: Rohdiamanten, des deutschen Films verstecken.

Die dritte Werkphase, die mit der Dokufiktion „Die Leopoldstraße kills me“ von 2001 beginnt, setzt im Grunde ja nur fort, was Lemke schon in den Sechzigern gemacht hat: seine Stars auf der Straße finden und sie frei Schnauze reden lassen.

Iris Berben hatte 1968 bei Lemke („Brandstifter“) und dessen Bruder-im Geiste Rudolf Thome („Detektive“) einen denkwürdigen Doppelauftritt, für „Rocker“ (1972) entdeckte er den Biker Gerd Kruskopf von den Bloody Devils auf St. Pauli, für die Rohmer-Hommage „Liebe, so schön wie Liebe“ den jungen Rolf Zacher.

Die gelernte Drogistin Cleo Kretschmer, mit der er zehn Filme drehte (und liiert war), lernte Lemke in einer Münchner Szenebar kennen. Und wäre Andreas Baader, mit dem er, so die Legende, in einer WG gelebt haben soll, (in den Grauzonen des Lemke-Mythos bietet es sich an, es wie sein Kino-Vorbild John Ford zu halten: „If the legend becomes fact, print the legend“) nicht in den Untergrund abgetaucht, hätte er auch ihn noch zum Filmstar gemacht.

Leben und Kino fallen bei Lemke immer schon in eins. Darum sehen seine „Heimatfilme“ auch nie wie Milieustudien aus – und seine Romantic Comedies wie aus der Hüfte geschossen.

Es gab eine Zeit, da waren seine Filme primetime-tauglich

Im schönsten Film aus dieser Zeit, der Fernsehproduktion „Amore“ von 1978, muss sich Kretschmer als Tochter eines Münchners Gemüsehändlers zwischen dem untreuen Pietro vom Großmarkt und dem nett-langweiligen Franz (Wolfgang Fierek, auch eine Lemke-Entdeckung) entscheiden.

Natürlich schnappt sich Maria nach ein paar gepfefferten Wortwechseln den heißblütigen Hallodri. Die Kabbeleien zwischen Kretschmer und Fierek ziehen sich durch alle ihre zehn Filme mit Lemke, mit der Verwechslungskomödie „Arabische Nächte“ feiert das Trio 1979 schließlich seinen größten Erfolg. Es gab tatsächlich mal eine Zeit, da war „Bad Boy Lemke“ gesellschaftsfähig und primetime-tauglich.

Heute kann es sich Lemke leisten, über das deutsche Förderwesen zu lästern und gleichzeitig seine öffentlich-rechtlichen Guerillafilme vom Gebührenzahler querfinanzieren zu lassen. Man mag dieses Rebellentum aufgesetzt finden.

Lemke liebt es, wenn Filme sich selbstständig machen

Aber Lemke bleibt ein Solitär im deutschen Film, obwohl er eine eigene Schule begründet hat. Seine ehemalige Hauptdarstellerin Saralisa Volm produziert gelegentlich Filme („Fikkefuchs“), Henning Gronkowski hatte im vergangenen Jahr sein Regiedebüt „Yung“ in den Kinos. Beide entdeckte er 2006 für den WM-Film „Finale“.

Lemke liebt es, wenn Filme sich selbstständig machen, wie er es mal ausdrückte. Er wolle die „geballte Irrationalität des Lebens“ auf die Leinwand bringen. Das deutsche Kino sollte also weiter in Deckung bleiben. Unser Schwabing-Cowboy hat noch eine Kugel im Lauf.

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