Diane Kruger spielt „Die Agentin“ : Undercover in Teheran

Der Feind in meinem Bett: In dem Thriller „Die Agentin“ ist Diane Kruger als Rachel für den Geheimdienst Mossad unterwegs - bis sie sich verliebt.

Arno Raffeiner
In der Klemme. Diane Kruger als Mossad- Agentin.
In der Klemme. Diane Kruger als Mossad- Agentin.Foto: Weltkino

Sie schnallt sich ihren Kugelbauch ab. Gerade hat Rachel, als Schwangere getarnt, in einem Hotelaufzug zwei Männer in eine tödliche Falle gelockt. Jetzt steht sie vor dem Spiegel, nimmt die Perücke ab und lässt das schlabbrige Gummidings von ihren Hüften zu Boden gleiten.

Es wirkt beiläufig und ist doch eine Kernszene in Yuval Adlers Film „Die Agentin“, der im Februar bei der Berlinale Weltpremiere feierte. Die Erwartung zukünftigen Menschenlebens ist nur eine Finte im Wettkampf um die gegenseitige Auslöschung.

Diane Kruger spielt Rachel, eine Frau ohne soziales Netz, die in Deutschland lebt, aber sich nirgendwo heimisch fühlt. Sie wird vom israelischen Geheimdienst Mossad angeworben, und weil sie sich bei ersten Missionen bewährt, schickt ihr Führungsoffizier Thomas ( Martin Freeman) sie für einen langfristigen Undercover- Einsatz nach Teheran.

Getarnt als Englischlehrerin soll sie eine Elektronikfirma ausspionieren und das iranische Nuklearprogramm sabotieren. Dabei verliebt Rachel sich nicht nur in die Stadt, sondern auch in Farhad (Cas Anvar), den Eigentümer der Firma, und wird schwanger.

Die Kunst des Agentenfilms, James Bond mal ausgenommen, besteht im Allgemeinen darin, dem Publikum zu verklickern, dass es die Gesamtzusammenhänge hinter all dem Intrigieren und Massakrieren sowieso nie verstehen kann. Und dass es trotzdem in jeder Sekunde gefesselt sein muss vor Spannung und Erwartung.

Die Rädchen der Informationskriege greifen zu diffizil ineinander, die Mächte im Hintergrund sind unfassbar – aber die Gefahr, die Kaltblütigkeit und Coolness der Akteure müssen unmittelbar auf der Haut zu spüren sein.

Yuval Adler, in New York lebender Israeli und studierter Mathematiker, unternimmt mit seinem zweiten Spielfilm nach „Bethlehem“ (2013) den reizvollen Versuch, all das auf die Haut einer Frau zu übertragen: einer Einzelkämpferin, die so unsicher wie undurchsichtig bleibt und wenig Heldinnenhaftes an sich hat.

Wie soll man in diesem Business mit Gefühlen klarkommen?

Der Film beruht auf dem Roman „The English Teacher“ von Yiftach Reicher Atir, der selbst für den Mossad tätig war. Adler spitzt die Geschichte deutlich zu. In Atirs Buch bleibt der Schauplatz der Undercover-Operation ungenannt, bei Adler arbeitet eine Deutsche im Auftrag Israels gegen den Iran.

Bei Atir geht es um biologische Kampfstoffe, bei Adler um das Nuklearprogramm, an dem sich gerade ein globales Bedrohungsszenario hochschaukelt. Zugleich schafft der Regisseur es nicht, sich in anderen Aspekten von der Vorlage zu lösen. Vor allem die gestelzte Konstruktion einer aus zwei Perspektiven erzählten Rückblende, die fast die gesamte Handlung umfasst, lähmt den Film von Anfang an.

Adler nimmt sich viel Zeit, um den zentralen Konflikt herauszuschälen – nur um sich dann in Nullkommanichts wieder davonzustehlen.

[In elf Berliner Kinos, OV: Cinestar Sony Center, OmU: Kino in der Kulturbrauerei]

Zwischendurch gibt es eine Reihe entscheidender Impulse. Adler lässt sie ein ums andere Mal verpuffen. Wie soll man in diesem Business mit Dingen klarkommen, die nicht vorgesehen sind, mit Gefühlen zum Beispiel? Wie geht man in einem Betrieb, in dem Verstellung zum Handwerk gehört, mit kleinen Heimlichkeiten oder größeren Lebenslügen um?

Was schreibt das Protokoll vor, wenn der Babybauch einer Mitarbeiterin ausnahmsweise echt ist? Wie verarbeitet man einen Mord? Wie kommt man aus dieser Maschinerie raus, wenn der Apparat keine Verwendung für einen hat?

All diese Fragen ploppen auf, ohne dass sie Raum zur Entfaltung bekommen. Der Antrieb in Adlers Film ist Psychologie, nicht Action. Aber gerade auf dieser Ebene versagt er.

Rachels Beziehung zu ihrem Observationsobjekt in Teheran wird nicht recht greifbar, das ambivalente Verhältnis zu ihrem Vorgesetzten bleibt ein blinder Fleck, die immer wieder herbeizitierte problematische Vaterfigur ist nicht mehr als ein Phantom. So kann „Die Agentin“ das Potenzial, das in der aufgeladenen Grundkonstellation steckt, nie entfalten. Auf Dauer ist das ganz schön frustrierend, nicht nur für Rachel.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!