„Die defekte Katze“ in der Perspektive : Eltern wollen, Kinder sollen

Die deutsch-iranische Regisseurin Susan Gordanshekan und ihr Ehedrama „Die defekte Katze“ in der Perspektive Deutsches Kino.

Susan Gordanshekan, Jahrgang 1978.
Susan Gordanshekan, Jahrgang 1978.Foto: Andreas Müller Fotografie

Boah, was für ein sagenhaft hässliches Biest! Die graue Zottelkatze, die sich Mina ins Haus holt, sieht aus, als stamme sie direkt aus einem Tierversuchslabor. Genauso renitent benimmt sie sich auch. Zerrupft Kians Hemden, pinkelt in die Wohnung. Das Vieh ist einfach unkontrollierbar. Ebenso wenig wie die wechselnde Anziehung und Abneigung, die zwischen den beiden einander fremden, frisch verheirateten Eheleuten besteht.

Und doch ist es nicht der Drehbucheinfall, eine Katze zum Spiegelbild einer dysfunktionalen Beziehung zu machen, der Susan Gordanshekans Drama „Die defekte Katze“ zum Hingucker macht. Es ist der Mut, mit dem die Deutschiranerin gleich zwei in Westlerinnen-Augen stark belastete Themen angeht: den orientalischen Mann und die arrangierte Ehe.

Ersterer gilt bestenfalls als gütiger Familienpatriarch und schlimmstenfalls als gewalttätig, sexuell übergriffig, frauenverachtend. Und letztere als patriarchales Machtinstrument zur Versklavung der Frau. Das sind zwei durch die Wirklichkeit und Kinofilme wie „40 Quadratmeter Deutschland“ und „Die Fremde“ regelmäßig bestätigte (Vor-)Urteile. Susan Gordanshekans Langfilmdebüt bringt es fertig, dass man sie hinterher um einiges differenzierter sieht.

Die 1978 in Kassel geborene, in München und Berlin lebende Tochter iranischer Einwanderer ist zum zweiten Mal in der Perspektive Deutsches Kino vertreten. 2011 lief hier ihr 30-Minüter „Eisblumen“, der vom illegal in Deutschland lebenden bosnischen Pfleger einer dementen Deutschen erzählte.

Zwischen den Kulturen

Das Leben zwischen den Kulturen ist ihr Thema. 2013 erhielt die Absolventin der HFF München, die auch mehrere Dokumentarfilme realisiert hat, ein Nachwuchsstipendium der Filmfestspiele von Cannes. Das hat ihr geholfen, den Stoff zu entwickeln, zu dem sie die Geschichte ihres Vaters inspiriert hat. Er kam in den Sechzigern aus Isfahan nach München, um Medizin zu studieren, erzählt die Regisseurin. Doch weil er dort keine Frau finden konnte, hat er schließlich ihre Mutter aus dem Iran hergeholt. Damit enden dann aber die Parallelen zum Filmehepaar Mina und Kian.

Deren einander behutsam abtastende Dialoge hat Susan Gordanshekan auf Deutsch geschrieben. Ein Freund hat sie dann in Farsi übersetzt. Obwohl sie neulich erst wieder die Verwandtschaft in Isfahan besuchen war, ist ihr eigenes Farsi nicht gut genug. Die Situation im Land sei angespannt, die Arbeitslosenquote hoch, die Leute unzufrieden, antwortet sie und verneint die Frage, ob sie viel von den jüngsten Protesten im Iran mitbekommen habe.

Die Darstellerin Pegah Ferydoni, die durch „Türkisch für Anfänger“ bekannt wurde, und Hadi Khanjanpour spielen die Elektroingenieurin Mina und den Assistenzarzt Kian. Sie sind als Kinder iranischer Flüchtlinge mit Farsi ebenso vertraut wie mit dem Gefühl, zwei Welten zu entstammen. Das tut der schauspielerischen Eindringlichkeit dieses zweisprachigen Kammerspiels gut. Die wenigen Sätze, das gegenseitige Beobachten, die Anspannung, plötzlich mit einem völlig unbekannten Menschen die Intimität der vier Wände zu teilen, das ist ein Eiertanz für Frau und Mann, den Susan Gordanshekan präzise zeichnet.

„Perfekt ist scheiße“

„Ich glaube, dass viele Männer, die schwarze Haare und einen orientalischen Namen haben, in Deutschland unter feindseligen Blicken leiden“, sagt sie. Dagegen stellt sie ihr feinsinniges Drama, das jede Unsicherheit zulässt, egal ob geschlechtsspezifisch oder kulturell bedingt. „Die defekte Katze“, die 2018 noch ins Kino kommen soll, sei weder eine Absage an die romantische Liebe noch ein Plädoyer für die vermittelte Ehe, sagt die Regisseurin. Und so stellt, weil er sich von Mina abgewiesen fühlt, sogar der Vorzeige-Softie Kian patriarchale Reflexe bei sich fest.

Diese Wutausbrüche verstören ihn so, dass er seiner ein vorbildliches Familienleben einfordernden Mutter den Satz „Perfekt ist scheiße“ entgegen schleudert. Dem verbalen Befreiungsschlag entspricht Minas stille Emanzipation. Die erlebt sie im Schwimmbad, das sie nach der Katze im fremden Deutschland am meisten liebt.

Suche nach Liebe

Geheiratet haben Kian und Mina im Iran, nachdem Kians Mutter zuvor von Deutschland aus eine professionelle Vermittlerin engagiert hatte. Minas Mutter im Iran ebenfalls. Und nach dem Begutachten diverser Lebensläufe und einigen Kennenlerntreffen kommt dieses Paar dabei heraus. Das Arrangement soll das familiäre Dauerfeuer, aber eben auch die individuelle Einsamkeit zweier Mitdreißiger beenden. Das ist es ja, was ihre holperige Annäherung so berührend macht. Die beiden suchen die Liebe, na klar. Doch die versteckt sich, wenn man sie finden will.

Sie kenne durchaus Paare, die sich so kennengelernt hätten, erzählt Susan Gordanshekan. Nicht nur Deutschiranische. Auch einer koreanischen Freundin sei das so gegangen. „Das muss nicht, aber es kann funktionieren.“ So wie das Einleben in einem neuen Land. Ihre Figur Kian jedenfalls taugt mit ihrer selbstreflexiven Gabe des Erkennens und Ablegens patriarchaler Kindheitsmuster definitiv zum Rollenmodell für den neuen orientalischen Mann.

20.2., 21.30 Uhr (Acud Kino)

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