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Die Geste zählt oft so viel wie die Tat. Demonstrant gegen Muammar al-Gaddafi vor der libyschen Botschaft in Kairo 2011.
© REUTERS

Kulturwissenschaft und Rebellion: Die Macht des Schutzlosen

Iris Därmann sucht nach den Möglichkeiten von Widerstand, wo ihn nicht jeder sieht.

Die SS nannte den Weg „Himmelfahrtstraße“. Er war etwa drei Meter breit, 150 Meter lang, und an seinem Ende standen die Gaskammern. Ein Häftling hatte die Aufgabe, den Weg zu harken, gerad war eine Gruppe polnischer Juden in den Tod gegangen. „Es war schrecklich. Jeder Fußabdruck im Sand erzählte eine Geschichte der Verzweiflung“, notierte der Mann später. „Hunderte von Fußabdrücken, die mit jedem Zug der Harke dem Boden gleichgemacht wurden, die großen Fußabdrücke der Erwachsenen und die der kleinen Kinder.“

Doch da war noch etwas am Boden. „Ich bückte mich, um die Fetzen aufzuheben. Es war Geld. Das rote Papier schien von sowjetischen Scheinen zu stammen, das grüne von amerikanischen Dollars.“

Die Menschen wussten, dass sie sterben würden und hatten auf ihren letzten Schritten noch die Scheine zerrissen, um sie nicht ihren Mördern zu überlassen. Der Autor dieser Erinnerungen heißt Thomas Blatt, er nahm am Aufstand von Sobibór teil und gehörte zu den wenigen, denen die Flucht gelang. Bis zu seinem Tod im Jahr 2015 hielt er das Gedenken an den Holocaust wach. Widerstand begann für ihn nicht erst damit, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Er konnte auch darin bestehen, die jüdischen Gebräuche im Lager aufrechtzuerhalten, das Kaddisch zu sprechen oder Sabotageakte wie diese unter Lebensgefahr festzuhalten, mithin: die Spuren im Sand der „Himmelfahrtsstraße“ zu bewahren.

Akte flüchtiger Rebellion

Blatt ist damit ein Kronzeuge für Iris Därmann, Professorin für Kulturwissenschaft an der Humboldt Universität. In ihrem neuen Buch „Widerstände“ sammelt sie Akte flüchtiger Rebellion. Neben den vom Nationalsozialismus Verfolgten konzentriert sie sich dabei auf die Geschichte der afroamerikanischen Sklaverei. Brisant an dem schmalen Band ist Därmanns niedrigschwelliger Begriff von Widerstand. Die Flucht von den Plantagen etwa ist für sie nicht nur ein Entkommen vor der Gewalt, sondern auch eine Form von Auflehnung gegen die Inbesitznahme der Sklaven, ihrer Behandlung als Eigentum.

[Iris Därmann: Widerstände. Gewaltenteilung in statu nascendi. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 189 Seiten, 20 €.]

Die Master sprachen von „stealing themselves“, sie selbst beschrieben ihre Fluchten als „stealing away“, als ein „Sich-Wegstehlen“. Därmann subsummiert auch das Dummstellen, Selbstverstümmelung oder Abtreibung, um nicht das Kind eines Masters gebären zu müssen, unter Widerstand. Ebenso Suizid, da er wenigstens den Zeitpunkt des Todes selbst festlegt, genauso aber das schlichte Weiterleben und – noch kühner – sogar die Träume der KZ-Gefangenen, insofern sie sich für kurze Zeit wenigstens imaginativ aus der totalen Gefangenschaft befreiten.

Der Untertitel des Buchs lautet „Gewaltenteilung in statu nascendi“. Laut Därmann ist Gewalt stets mit etwas konfrontiert, das sich ihr entzieht und sie infrage stellt. Aggression sei nie ohne Widerspruch zu denken. „Menschen lassen sich nicht widerstandslos in ,klaglose Tiere’ oder ,Reaktionsbündel’ verwandeln, auch nicht in den Gewalträumen, den Vernichtungslagern und Ghettos des NS-Regimes.“ Zu Beginn ruft sie Emmanuel Levinas in Erinnerung, dessen Familie von den Nazis erschossen wurde.

Blöße als Schutz vor Gewalt

Der französisch-litauische Philosoph hat der Philosophie des 20. Jahrhundert eines der eindrücklichsten Denkbilder geschenkt: Jemand hat eine Waffe auf einen anderen gerichtet. Schutzlos steht dieser da und eben diese Blöße stört den Ablauf der Gewalt. Das bedürftige Antlitz des Bedrohten rührt den Aggressor an, fordert ihn und versichert: „Du wirst keinen Mord begehen.“ Jede Begegnung steht in diesem Bild immer schon unter dem Zeichen potenzieller Auslöschung, sie kann aber nicht einfach vollzogen werden, muss stets eine Hürde nehmen, die sich gerade in der Hilflosigkeit des Bedrohten zeigt.

Levinas’ Philosophie ist getragen von unbedingter Verantwortung für das Leben des anderen. Diese Verantwortung kann man wörtlich verstehen, als Unmöglichkeit, nicht auf die Forderung nach Verschonung zu antworten. Wobei Verschonung auch bedeutet, den anderen anzuerkennen und als solchen nicht anzutasten, nicht nur sein Leben, sondern auch seine Andersheit zu wahren.

Därmann macht diese Fundamentalethik für ihre politische Theorie fruchtbar. Sie verwehrt sich dagegen, Menschen als reine Opfer darzustellen, so totalitär die Gewalt auch sein mag, die sie erfahren haben. Denn der Opferstatus degradierte sie rückwirkend erneut zu Objekten der Täter. Es geht ihr hingegen darum, Unterdrückte als politische Subjekte zu verstehen. Ihre Argumentation gleicht selbst einer Art Widerstandskampf gegen tradierte Vorstellungen dessen, welches Handeln als politisch gelten darf.

Sie widerspricht dem auf Aristoteles zurückgehenden Dogma der politischen Philosophie, dass die Polis, also der öffentliche Raum, Ort des Politischen und der Oikos, das Private, diesem entzogen sei. Hierauf gründende Konzepte brächten alle jene Widerstandsaktivitäten zum Verschwinden, „die sich im Modus eines ,unzivilen Ungehorsams’ gegen Machthaber im ökonomischen und häuslichen Bereich richten, gegen sexualisierte Gewalt und rassistische Folter in extralegalen und extraterritorialen Lagern und Gefängnissen, in Gewalt-, Folter- und Machträumen, abseits öffentlicher Sichtbarkeit und Vernehmbarkeit.“

Privates und Öffentliches, gewaltsam getrennt

Man darf somit die tradierte Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Raum bereits als Gewaltakt für sich verstehen, schließt er die Unterdrückten doch vom Ort des Politischen aus und setzt ihnen damit hohe Hürden, ihre Situation zu verändern.

Därmanns Buch schließt direkt an den Vorgänger „Undienlichkeit“ an, in dem sie die Ambivalenz der politischen Ideengeschichte nachzeichnete. Aristoteles hat Ratgeber für Sklavenhalter geschrieben, Hobbes und Locke waren Kolonialisten. Der liberale und demokratische Kanon entwickelte Universalismus und Menschenrechte, begrenzte aber deren Gültigkeit. Freiheit und Gleichheit wurden unter Ausschluss einer Gruppe von anderen erstritten.

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Die Aufklärung lasse sich laut der Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak mit einem Kind vergleichen, das aus einer Vergewaltigung hervorgegangen sei, und das wir dennoch lieben müssten. Eine gereifte Liebe wäre das, die nicht die Augen vor der blanken Gewalt verschlösse, die noch unter dem Signum des Fortschritts möglich war oder sogar erst durch sie möglich wurde.

Diese Neubewertung ist gerade erst im Entstehen, sie erfordert auch eine Relektüre jüngerer Klassiker. So wendet sich Därmann ausdrücklich gegen Hannah Arendt, die behauptete, die Juden hätten keinen nennenswerten Widerstand gegen die Nazis geleistet. Damit verschweige sie nicht nur die Aufstände in Ghettos und Lagern, wie dem in Sobibór, sie unterschlage auch alle rebellischen Akte, die nicht mit Waffengewalt geführt wurden.

Für Arendt galt Widerstand nur als solcher, wenn er erfolgreich oder zumindest öffentlich sichtbar war. Werde aber Widerstand an Erfolgskriterien gemessen, so Därmann, „verrät sich eine Tendenz, in den europäischen Juden und Jüdinnen nur Opfer, nicht zugleich politische Subjekte sehen zu wollen, die NS-Vernichtungspolitik demgegenüber für restlos zu erklären“. Der vita activa Arendts setzt sie die Anerkennung einer vita passiva entgegen, die im Sinne Levinas’ den Machtbereich des Schutzlosen auslotet. Sie fordert damit einen geweiteten Blick in die Tiefen der Geschichte, auch dorthin, wo bislang scheinbar nichts zu entdecken war.

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