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Haltung, bitte! Die Künstlerin Henrike Naumann und ihre Installation „2000“ in Kiew.
© Maksym Bilousov, Pinchuk Art Centre

Kultureller Austausch im Krieg: Die Möglichkeiten der Kunst

Verstrickt: Welche Kompromisse soll man für Ausstellungen eingehen?

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die Schirmherrschaft für die aktuell in der Moskauer Tretjakow-Galerie gezeigte Ausstellung „Diversity United“ zurückgezogen. So war es zu Beginn der Woche aus dem Bundespräsidialamt zu erfahren. Die Ausstellung mit Arbeiten von rund 90 jungen wie auch etablierten Künstlerinnen und Künstlern aus 34 Ländern war im Juni vergangenen Jahres von Steinmeier in Berlin eröffnet worden.

Im November zog sie nach Moskau weiter. Auch Wladimir Putin ist Schirmherr der inzwischen vorzeitig geschlossenen Schau.

Das klingt jetzt, nachdem eben dieser Schirmherr einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat und mit aller Härte durchzieht, unerträglich. Aber was war es davor? Kulturdiplomatie? Blauäugigkeit? Viele Institutionen in Europa folgen nun dem verzweifelten Ruf der Ukrainer und brechen ihre kulturellen Beziehungen zu Russland ab.

Man will den Despoten treffen, wo es nur geht. Sich in keiner Hinsicht mehr verbinden. Verständlich. Ein Projekt wie „Diversity United“ zeigt aber auch, wie verstrickt die Kunst in Macht- und Interessenskonflikte ist, wie gründlich man Kompromisse abwägen muss.

Fragen der Macht stehen immer im Raum

Um die Ausstellung und deren Veranstalter, den Bonner Kulturmanager Walter Smerling, hatte es zuvor bereits Auseinandersetzungen auf lokaler Ebene gegeben. Smerling hatte nach der Schau im ehemaligen Flughafen Tempelhof, in denen er zwei Hangars bespielte, besagte Hallen für bis zu zwei Jahre von der landeseigenen Tempelhof Projekt GmbH zur Verfügung gestellt bekommen. Er nannte das Projekt „Kunsthalle Berlin“, gab ihr dadurch den Anstrich einer Institution.

Gegen die Art, wie in diesem Fall öffentliche Flächen – ohne Ausschreibung, ohne öffentliche Diskussion – an einen gut vernetzten Privatveranstalter vergeben wurden, der noch dazu früher schon durch die Verquickung von kulturellen, wirtschaftlichen, persönlichen Interessen aufgefallen war, regte sich Protest.

[Alle aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg können Sie hier in unserem Newsblog verfolgen.]

Es gab Boykott-Aufrufe, viele Künstler zogen ihre Arbeiten aus der Ausstellung zurück. Manche, wie der Fotograf Wolfgang Tillmans, wollten nicht mehr Teil der Pariser Folgeschau sein, die inzwischen abgesagt ist. Aber etlichen lag grade die Moskauer Station am Herzen, die engagierte Arbeit der jungen Kuratorinnen der Tretjakow- Galerie.

Die Berliner Künstler:innen Hito Steyerl und Clemens von Wedemeyer und Kritiker Jörg Heiser legten in einem offenen, vielfach unterzeichneten Brief ausführlich dar, wie die Kunst in diesem Fall instrumentalisiert worden ist. Sie forderten die öffentliche Hand und die Kulturstaatsministerin auf, mehr Sorgfalt bei der Auswahl ihrer Kooperationspartner walten zu lassen. Die Moskauer Station des ursprünglich als Teil des Deutschlandjahres in Russland geplanten Projekts wurde vom Auswärtigen Amt mit einer Million Euro gefördert.

Welchen Regeln folgt der Kulturaustausch?

Auswärtige Kulturpolitik braucht ethische Richtlinien. Aber auch jeder einzelne Künstler muss sich bei jedem Projekt neu fragen, wer dahintersteckt, mit wem sie oder er sich einlässt. Mit welchem Geldgeber, welcher Institution; wessen Image man hier vielleicht gerade aufpoliert.

Eine Diskussion über diese Gemengelage hat die 1984 in Zwickau geborene Künstlerin Henrike Naumann angestoßen, die auch bei „Diversity United“ dabei war. Naumann hat zum NSU gearbeitet, sich immer wieder mit unbequemen politischen Themen auseinandergesetzt.

Detail: Henrike Naumanns Installation in Kiew im Pinchuk Art Center.
Detail: Henrike Naumanns Installation in Kiew im Pinchuk Art Center.
© Maksym Bilousov/PinchukArtCentre

In einem Text, den sie in den aufgewühlten Tagen vor dem Einmarsch der russischen Truppen in Kiew verfasst und in ihrem Newsletter veröffentlicht hat, wägt sie ab, welche Kompromisse sie bereit ist einzugehen, um ihre Kunst im Ausland zu zeigen. „Ich sehe meine Arbeit als einen Weg, um Kontexte und Grenzen zu überschreiten und an Orten zu kommunizieren, an denen ein Dialog schwierig oder unmöglich ist“, schreibt sie. Und freut sich über die Selfies, die das Publikum in ihren Installationen macht.

Naumanns Werk „Ostalgie“, ein gekipptes Zimmer mit 90er- Jahre-Schrankwand, das in seiner kultigen Trostlosigkeit an die uneingelösten Hoffnungen im wiedervereinten Deutschland verweist, war in der Tretjakow-Galerie zu sehen. Zeitgleich wurde ihre Arbeit „2000“ in Kiew präsentiert, in der Gruppenausstellung zum „Future Generation Art Prize“ im Pinchuk Art Centre.

„Hier enden die Möglichkeiten der Kunst“

„Ich bin eine der wenigen Künstlerinnen, die bis zum Beginn der Invasion sowohl in Kiew als auch in Moskau ausgestellt haben. Die Arbeit an beiden Orten und die Begegnungen mit den Menschen dort haben mir ein Verständnis für die Situation und die bevorstehenden Probleme vermittelt.

Ohne diese Ausstellungen wäre dieser Austausch nicht möglich gewesen. Und dieser Austausch mit dem Publikum ist der Grund, warum ich tue, was ich tue. Gestern sollte der letzte Tag unserer Ausstellung in Kiew sein. Aber seit dem Beginn der Invasion in der Ukraine am 24. Februar ist das Museum verbarrikadiert.

Die Schau in Moskau muss jetzt geschlossen werden. Ich mache Ausstellungen für mein Publikum. Und mein Publikum in der Ukraine wird gerade umgebracht. Hier enden für mich die Möglichkeiten der Kunst.“

Der Krieg zerstört Verbindungen, vielleicht für sehr lange Zeit. Ist der Kulturaustausch mit diktatorischen Systemen eine Illusion? Sind Ausstellungen an Orten der Unterdrückung per se unmoralisch, fragt Naumann. Sicher nicht.

Einfache Antworten gibt es darauf nicht. Fragen der Instrumentalisierung, nach Macht- und Interessenstrukturen, stehen bei jeder Großausstellung, jeder Biennale außerhalb der westlichen Welt im Raum. Auch die auswärtige Kulturpolitik kennt diese Fragen – und muss sie sich selbst immer wieder stellen (mit dpa).

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