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"Sitzendes Mädchen (Moritzburg)" (1910) von Max Pechstein.

© bpk

Impressionismus-Expressionismus-Ausstellung in Berlin: Die wiedervereinte Moderne

Renoir trifft Pechstein, Pissaro begegnet Kirchner: Die Alte Nationalgalerie in Berlin stellt in einer großartigen Ausstellung Impressionismus und Expressionismus gegenüber.

„Zu“ prangt in Riesenlettern an der Glasfront der Neuen Nationalgalerie. Ein garstig Wort. Für die nächsten drei, vier, fünf Jahre wird der Mies-van-der-Rohe-Bau am Kulturforum wegen Sanierung geschlossen sein. Aber wie das im Leben manchmal so ist: Weil die eine Türe zugegangen ist, kann sich eine andere öffnen. Dieses Glück erfährt gerade die Alte Nationalgalerie, die von der Schließung der Berliner Dependance für das 20. Jahrhundert profitiert. Deren Schätze schlüpfen bei ihr unter; Kirchner, Heckel, Schmidt-Rottluff ziehen Richtung Museumsinsel.

Die Klassiker der Moderne bereichern nicht nur das hohe Haus und erweitern es zur Gegenwart, sie schenken ihm auch die wichtigste Ausstellung der Staatlichen Museen in diesem Sommer: „Impressionismus – Expressionismus. Kunstwende“, knackig „ImEx“ genannt. Das klingt nach Import/Export, und genau darum geht es: um das Rein und Raus, das Hin und Her der Bilder, der Künstler und ganzer Stile, um den Austausch zwischen Ausstellungshäusern und Ländern, zwischen Deutschland und Frankreich.

Danach hatte es lange nicht ausgesehen. Impressionismus und Expressionismus waren wie zwei entfremdete Geschwister. Hundert Jahre lang wurde vor allem bemerkt, was die beiden Richtungen voneinander trennt: die Behandlung des Lichts, hier die weichen Valeurs, dort die scharfe Kontur, hier das Flächige, dort die Tiefe. Stimmt nicht, ruft die Forschung jetzt, die beiden haben mehr gemeinsam, als sie trennt. Der von Herwarth Walden in die Welt gesetzte Begriff von der „Kunstwende“ trifft es nur bedingt. Für die Impressionisten wie für die Expressionisten galt Subjektivität, das Authentische als höchstes Gebot, beide befreiten die Malerei, schenkten der Sicht des Künstlers Priorität, beide gingen raus in die Natur und opponierten gegen das Establishment.

"Badende mit offenem, blonden Haar" (um 1903) von Auguste Renoir.

© bpk

Die Alte Nationalgalerie macht auf "MoMA in Berlin"

In Berlin hat dieser Kampf der Moderne Geschichte geschrieben, hier setzte sie sich durch, an eben dem Ort, an dem die Ausstellung nun zu sehen ist. „Der deutschen Kunst“ ist über den Eingang des Kunsttempels gemeißelt. Direktor Hugo von Tschudi holte trotzdem die französischen Impressionisten herein, 1896, noch bevor sie in Paris ins Museum gelangten. Das ging nur am Kaiser vorbei, indem er die Bilder mit Spendengeldern erwarb. Sein Nachfolger Ludwig Justi wagte den nächsten mutigen Schritt mit den Expressionisten, die er 1918 als das Neueste vom Neuen im Kronprinzenpalais Unter den Linden zeigte. Allerdings schon von den Impressionisten separiert, die mittlerweile in der Beletage zu sehen waren, als akzeptierter Stil.

Damit begann auch schon das Schisma, das sich heute in den Museen auf der ganzen Welt manifestiert. Kuratorin Angelika Wesenberg dreht nun die Uhr zurück und zeigt wieder zusammen, was damals fast zeitgleich wahrgenommen wurde. Dass es sich bei beiden Richtungen heute um Publikumsmagneten handelt, deren Attraktivität sich in der Kombination noch einmal potenziert, passt gleichfalls ins Bild. Die Alte Nationalgalerie macht auf „MoMA in Berlin“, nach dem Kassenknüller von 2004. Schließlich war Alfred Barr von der 1918er-Ausstellung im Kronprinzenpalais zur Gründung des New Yorker Museum of Modern Art inspiriert worden. Jetzt hängt wieder ein Highlight neben dem anderen, 160 Bilder, von denen die Hälfte aus eigenen Beständen stammt.

Pissarros „Boulevard Montmartre an einem Wintermorgen“ (1897).

© SMB

Zunächst allerdings knirscht es im Konzept. Was hat Renoirs zuckriger Akt mit dem nackten Mädchen von Max Pechstein zu tun? Nur weil sie beide unbekleidet sind? Welche Gemeinsamkeit besitzt Pissaros getupfter Montmartre bei Nacht mit Kirchners zackigem Nollendorfplatz, der sich wie ein Kartenhaus hochklappt? Nur weil es sich um Stadtansichten handelt? Solche Bezüge ließen sich kreuz und quer durch die gesamte Kunstgeschichte herstellen. Doch wer einmal die andere Brille aufgesetzt hat, spielt das Spiel, die heitere Motivsuche zunehmend willig mit. „Vergleichendes Sehen“ hat Ludwig Justi es genannt, das den Betrachter lehrt, Eigenheiten und Ähnlichkeiten der Bilder im Nebeneinander zu erkennen.

Raus an die Luft drängte es die Künstler beider Richtungen, dort wo der Mensch bei sich sein kann, die Natur erlebt, Freiheit spürt und der Großstadt entflieht. Gleichzeitig malten Impressionisten wie Expressionisten mit Hingabe ihr urbanes Umfeld – Brücken, Plätze, Straßen – und sangen das Hohelied der Metropole und ihrer Bewohner. Die Motivation für das eine wie das andere Sujet ist ebenfalls vergleichbar. Die Künstler beobachteten eine durch Industrialisierung, Großstadtbildung veränderte Lebenswelt. Der Maler auf Motivsuche in den Cafés und auf den Boulevards lieferte für Charles Baudelaire das Vorbild des Flaneurs, der alles um sich herum wohlwollend registriert.

Was den Parisern die Seine war und den Hamburgern die Alster, waren den Berlinern die Grunewaldseen

Auf den Standpunkt kommt es an. Der wird von Impressionisten und Expressionisten unterschiedlich gewählt. Pissarro mietet sich in hochgelegenen Hotelzimmern ein, um den Blick von oben auf den Boulevard zu richten, während sich Kirchner mitten ins Getümmel begibt, die Stadt in der Untersicht malt. Die Pfeiler der Rheinbrücke klappen über dem Betrachter zusammen, die Kokotten vom Potsdamer Platz schauen auf ihn herab. Beide Kunstrichtungen versuchen den Moment zu erfassen, das Authentische des Augenblicks. Bei Monet sind die Passanten vor der Kirche Saint Germain l’Auxerrois nur noch flüchtige Schatten, was die Zeitgenossen empörte, die darin „Spuckeflecken“ zu erkennen glaubten.

Den Malern lag jedoch nichts ferner, als die von ihnen dargestellten Personen zu denunzieren. Vielmehr versuchten sie, die Menschen aufrichtig in ihrem Alltag zu erfassen, bei ihren Freizeitbeschäftigungen, im Bierlokal oder Zoologischen Garten, wo der Städter sich vergnügt. Was den Parisern die Seine war, bedeutete den Hamburgern die Alster, den Berlinern die Grunewaldseen. Auch wenn diese Gegenwelt den Horizont weitet, nochmals Licht und Luft hereinlässt, so scheint es dort für die Ausflügler keine reine Lust gewesen zu sein. Missmutig schauen sie meistens drein, im besten Fall traumverloren. Eine Ausnahme bildet der junge Mann in Manets Gemälde „Beim Père Lathuille, im Freien“, der seine Angebetete im Gartenlokal so hingebungsvoll anschmachtet, dass man seinen Blick kaum von dem schönen Paar losreißen kann, genau wie der im Hintergrund stehende Kellner mit dem Kännchen Kaffee in der Hand.

Das Desaster des 1. Weltkriegs trennt auch die Künste

Die gewisse Übellaunigkeit entspricht dem neuen Lebensgefühl des Städters. Sie ist ein Zeichen seiner Individualität, er muss nicht mehr gefallen, schon gar nicht im Porträt. Das gilt für Männer und Frauen, ja sogar für die Kinder. Bei den Malern beider Gruppen entstanden erstaunlich große Familienbildnisse, die wie Szenen in einem Theaterstück der Naturalisten erscheinen: Menschen sitzen, stehen zusammen und driften doch auseinander. Ob Max Beckmanns „Unterhaltung“, Kirchners „Selbstbildnis mit Mädchen“ – es gibt keinen Zusammenhalt.

Hier scheint als Ahnung auf, was sich im letzten Kapitel der nach Motiven durchkonjugierten Ausstellung zeigt, das „Ende eines Welttages“, wie Georg Heym es nennt. 1913 ist von fern schon Kanonendonner zu hören, die Balkankriege künden bereits von der heraufziehenden Bedrohung für ganz Europa. Franz Marc hat seinem in diesem Jahr entstandenen Gemälde „Die Wölfe“ den Untertitel „Balkankrieg“ verliehen. Die Gefahr kommt näher. Noch bevor ein Schuss zwischen Deutschland und Frankreich gefallen ist, malen Nolde und Meidner bereits Schlachtfelder. Hier zeigt sich der Unterschied: Der Impressionismus blieb bei seinen Alltagsthemen, den heiteren Beobachtungen, während der Expressionismus Zeitkritik betrieb und politische Überlegungen anstellte.

Was in der Alten Nationalgalerie als vergnügter Parcours mit Badenden beginnt, endet im Desaster, das nicht nur die Länder, sondern auch die Künste trennt. Welche Willkür in dieser Zäsur besteht, zeigt nun das einträchtige Beieinander der Bilder hundert Jahre später.

Alte Nationalgalerie, geöffnet ab Freitag, 22. Mai, bis 20. September; Di, Mi, So 10–18 Uhr, Do, Fr, Sa 10 - 20 Uhr. Katalog (Hirmer Verlag) 49,90 €. Eintritt 12 €, ermäßigt 6 €. Infos: www.imexinberlin.de

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