Dirk Wunderlich im Kunsthandel Karger : Formbar

Mit den Skulpturen von Dirk Wunderlich verlässt die Kunsthandlung Karger ihre traditionellen Pfade. Es ist eine ihrer letzten Ausstellungen.

Christiane Meixner
Dirk Wunderlich: "WU 9836-Pagode"
Dirk Wunderlich: "WU 9836-Pagode"Foto: Kunsthandel Karger

Was Dirk Wunderlich an Geschöpfen erstehen lässt, ist entweder so urzeitlich, dass sie niemand mehr kennt. Oder derart zukünftig, dass sie sich jenseits des Künstlers keiner vorstellen kann. Wunderlichs plastische Gestalten tragen Namen wie „WU 9870 (Shoso-In)“ oder „Volvox“,ihr Material ist Bronze, Styrodur, Gips und silbriges Aluminium. Wie Urwesen, auf Knochen und Zähne reduziert, ruhen sie auf weißen Sockeln im Kunsthandel Wilfried Karger. Verblichene oder auch tiefrot leuchtende Skelette mit floralen Details, die immer noch zu wachsen scheinen. Ein kurviges Element erinnert an den Schwung einer Brücke oder eines kühnen Gebäudes – und plötzlich fällt einem auf, dass Wunderlichs organisches Vokabular ebenso die Sprache der Architektur zitiert.

Einfluss der Aliens

Vielleicht sind die halb biomorphen, halb konstruktiven Arbeiten des gebürtigen Berliners aber auch von HR Giger beeinflusst. Der Schweizer Künstler designte 1979 die Figur des Alien für den gleichnamigen Science Fiction von Ridley Scott. Etwas von der Unheimlichkeit dieser im Weltraum wartenden Aliens tragen auch Wunderlichs Wesen in sich, ohne jedoch den Horror jener Menschen verspeisenden Spezies zu beschwören. Das Verzehrende in seinem plastischen Werk beruht mehr auf seelischen Zuständen, wie sie Christoph Tannert vom Künstlerhaus Bethanien in seiner Eröffnungsrede am Beispiel der mannshohen Arbeit „Ronin II“ von 2019 nachvollzogen hat: Als Versuch über das Thema Bindungslosigkeit, die in den Falten und Tiefen dieser raketenförmigen Skulptur nistet.

Der Kunsthandel Karger schließt

Für Wilfried Karger, der die figürlichen Bronzen eines Rolf Szymanski oder Jo Jastram über Jahrzehnte gezeigt hat und stets ihre Relevanz für die Gegenwart betont, ist die jüngste Ausstellung ein echter Sprung. Aus der „ Berliner Tradition der figürlichen Plastik des 20. Jahrhunderts“, Kargers Konzept, lassen sich die aktuell gezeigten Arbeiten kaum herleiten. Höchstens aus Versatzstücken der Wirklichkeit, die Wunderlich wie in einem Fiebertraum zusammenführt.

Es ist eine der letzten Präsentationen Kargers im Stilwerk. Eine Ausstellung noch, so sagt er, dann ist Schluss für ihn als Mittsiebziger. Ein Jahrzehnt war Karger im Stilwerk, davor gab es die Galerie am Gendarmenmarkt und noch davor am Wasserturm in Prenzlauer Berg. Immer figürlich orientiert, immer konsequent. Und jetzt diese Überraschung.
Kunsthandel Dr. Wilfried Karger, Stilwerk Berlin, Kantstr. 17; bis 16.5., Di–Fr 14–19 Uhr; Sa 10–19 Uhr

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