Doku „Kolyma – Straße der Knochen“ : Unterwegs im Eiszipfel Russlands

Roadtrip durch Sibirien: Stanislwaw Mucha folgt in „Kolyma – Straße der Knochen“ den Spuren seines Großvaters, der unter Stalin als Spion verhaftet wurde.

Eis, Eis, Baby. Eine Szene aus "Kolyma".
Eis, Eis, Baby. Eine Szene aus "Kolyma".Foto: W-Film

Hier kamen sie an, in der Bucht von Magadan, sie nannten sie „das Tor zur Hölle“. Die junge russische Hotdog-Verkäuferin im Hafen hat keine Ahnung, wo sie sich hier befindet. Ob ihr Stand nicht besser „Café Hot Gulag“ heiße, fragt der Regisseur. Sanft irritiert schauen ihre schönen, unwissenden Augen. Hot Gulasch? Nein, Gulag. Das Wort habe sie noch nie gehört.

Die Preise lieben Stanislaw Mucha. 2003 bekam der in Polen geborene Regisseur den Grimme-Preis für sein Kinodokumentardebüt „Absolut Warhola“, sein letztes Werk hieß „Tristia“: Die Reise ums Schwarze Meer wurde zum Publikumserfolg. Diesmal, bei „Kolyma – Straße der Knochen“ ist es kälter, minus 50 Grad gelten als normal im nordöstlichsten Eiszipfel Russlands. Mucha folgt den Spuren seines Großvaters. Er war als angeblicher Spion verhaftet worden. Kam Ende 1952 genau hier an, in der Bucht von Magadan, und dann fuhr er auf dieser Straße entlang, die sie „die Straße der Knochen“ nannten. 2000 Kilometer bis nach Jakutsk, nur 15 cm unter der Oberfläche liegen die Schädel und Gebeine. Die Straße ist eigentlich ein Friedhof.

Der Film unterwandert das Koordinatensystem unserer Wahrnehmung

Die Ureinwohner Sibiriens, noch immer zum Schamanismus neigend, sind davon überzeugt, dass der Schmerz der Millionen noch anwesend ist, „dass er eine gewaltige Energie über uns bildet“. Muchas Kamera und wir aber sehen vor allem Schönheit, das strahlende Weiß der Berge ringsum, und die Menschen von Kolyma, solche, die immer schon da waren und solche, die – freigelassen – irgendwann vergessen haben zu gehen. Mucha spricht mit Menschen, die nicht verbergen, dass sie einst getötet haben, ja, eine gewisse Routine darin besaßen. Dann der Kommandantenfriedhof: Die Gesichter auf den Bildern sind nicht selten zerschossen. Gold, Silber und Platin gibt es noch immer in Kolyma. Unlängst sollen 3 Tonnen Gold gestohlen worden sein. 2 Tonnen, korrigiert ein Wächter. Und 17 Tonnen Silber. „Kolyma“ findet das richtige Verhältnis zwischen Reden und Schweigen, Zeigen und Verbergen. Er macht, was jeder gute Dokumentarfilm tun sollte: er unterwandert das Koordinatensystem unserer Wahrnehmung.

Ende 1952 kam Muchas Großvater in Kolyma an, im März 1953 starb Stalin, und er war frei. Das Einzige, was er hier tat: Er baute einem Lagerkomandanten eine große Kinderschaukel. Mucha hat die Schaukel wiedergefunden. Und der Großvater lernte einen Mann kennen, der seit 22 Jahren in Haft war: Warlam Schalamow, dessen „Erzählungen aus Kolyma“ zur großen russischen Literatur des 20. Jahrhunderts gehören.

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