Doku „Seestück“ im Kino : Vom Salzwasser gegerbt

Immanuel Kant und Caspar David Friedrich haben in diesen Wellen gebadet: Volker Koepps Doku „Seestück“ feiert die Schönheit der Ostsee.

Der Warner. Biologieprofessor Michael Succow
Der Warner. Biologieprofessor Michael SuccowFoto: Edition Salzgeber

Das ist anständig von der häufig bleiern daliegenden Ostsee, dass sie wogt und schäumt, wenn Volker Koepp an ihren Gestaden erscheint. Kein anderer deutscher Dokumentarfilmer hat sich diesem geografischen Raum so hingebungsvoll gewidmet wie der 1944 in Stettin geborene Koepp. Mehr als 70 Dokumentarfilme hat der Pommer gedreht und in etlichen davon – wie „Kalte Heimat“, „Memelland“ oder „In Sarmatien“ – diesen Kulturraum ausgelotet. Immer in seinem längst zur Marke gewordenen, durch Landschaften und Menschenleben mäandernden Stil, den der eher beobachtende als reflektierende Plauderton Koepps prägt.

Dem „Seestück“ ging vor zwei Jahren das „Landstück“ voraus. Darin feierte Koepp die Schönheit seiner zweiten Heimat, der Uckermark, und konfrontierte idyllische Bilder der Kulturlandschaft mit ihrer Gefährdung durch Bodenspekulation und Agrarindustrie. Bei „Seestück“ greift dieselbe Methode. Den der Malerei entlehnten Namen trägt der Film zu Recht. Aus vielen Details vervollständigt sich das Sehnsuchtsbild eines Meeres.

Plastikmüll und Klimaerwärmung setzen dem Binnenmeer zu

Und das ist neben dem ewigen Wechsel des Wetters und der Lichtspiele, die Kameramann Uwe Mann ausgiebig in allen Schattierungen von Grau und Blau abschwenkt, vor allem von einer vergessen geglaubten Furcht geprägt – der Angst vorm Russen. „Ich habe schon zweimal geträumt, dass der dritte Weltkrieg ausbricht“, erzählt eine junge Lettin am Kap Kolka. Ein unvermittelt herausplatzender Satz, der so gar nicht zum sonnigen Wesen der Mutter zweier strohblonder Töchter passt. In den Schären weiß ein schwedischer Pensionär sofort, warum er einst Berufssoldat wurde: „Weil die Russen 1968 in die Tschechoslowakei einmarschiert sind.“ Als Oberst war er im Baltikum stationiert, wo nach der Krim-Annexion die Sorge vor möglichen russischen Aggressionen wieder greifbar ist. Eine Lehrerin auf Bornholm mustert argwöhnisch die Manöver der Kampfflugzeuge. Die Bernsteinsucherin auf der Kurischen Nehrung, die Koepp 1994 erstmals besuchte, wirkt dagegen entspannt: „Einen kalten Krieg bemerken wir nicht.“

Auch Ewald Hellfritz hat die Ruhe weg. Sein Mutterwitz trägt dazu bei, dass er mit 81 Jahren als einer der letzten Strandfischer Usedoms gelassen den immer spärlicheren Heringsfang aus den Netzen pult. Diesem salzwassergegerbten Original und dem Biologieprofessor Michael Succow, der schon in „Landstück“ als Kenner des Ökosystems glänzte, gehören Koepps besondere Sympathien. Ihm stehen aber noch weitere akademische Welterklärer zur Seite, die bis hinauf nach Kaliningrad die Geistesgeschichte der Ostsee umreißen. Immanuel Kant und Caspar David Friedrich haben schließlich in diesen Wellen gebadet.

Die Wasserqualität hat sich seitdem jedoch verschlechtert, wie Exkursionen zu Windparks, Containerhäfen und Pipelines belegen. Nicht nur der Plastikmüll und die Agrarindustrie, auch der Klimawandel setzen dem Binnenmeer zu. Ginge es nach Succow, sollten die Menschen die Ostsee wieder mit demselben Staunen betrachten, das der Romantiker Caspar David Friedrich in seinem „Mönch am Meer“ verewigt hat. Der ebenso der Aufklärung wie der Romantik verpflichtete Volker Koepp fügt dem Mare Balticum trotz der desillusionierten politischen Stimmung an seinen Küsten ein Quentchen Magie hinzu.

In den Kinos Delphi Lux,, FT am Friedrichshain FSK, Krokodil, Tilsiter, Wolf

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