Doku über M.I.A. : Einfach nur Hits schreiben ist keine Option

Multiple Identitäten, tamilische Kultur – und die Sache mit dem Mittelfinger: Ein intimer Dokumentarfilm nähert sich Sängerin M.I.A.

Zurück zu den Wurzeln. M.I.A. hat ihren eigenen Sound nach einem Aufenthalt auf Sri Lanka entwickelt.
Zurück zu den Wurzeln. M.I.A. hat ihren eigenen Sound nach einem Aufenthalt auf Sri Lanka entwickelt.Foto: Universal Music

Eigentlich sollte es um Weltfrieden gehen bei Madonnas Show zur Halbzeit des Super Bowl von 2012. Doch noch während der „World Peace“-Schriftzug zum großen Konzertfinale aufleuchtete, sprach ganz Amerika nur noch von M.I.A. Die britische Rapperin hatte während ihres Gastauftritts für ein paar Sekunden den Mittelfinger in die Kamera gestreckt – ein Skandal, dessen Ausmaß in Europa schwer vorstellbar ist. Die US-Football-Liga verklagte den Popstar auf 16,6 Millionen Dollar, während Journalisten des rechtskonservativen Senders Fox News sich echauffierten, dass M.I.A. als Nicht-Amerikanerin sowieso nichts bei der Veranstaltung zu suchen hätte. Selbst Madonna, einst Königin der Provokation, nannte die Geste kindisch und deplatziert. Sie hätte den Fokus lieber auf ihrer Botschaft von Liebe und Einigkeit gehabt.

Ironischerweise ist es nicht Madonna, sondern die heute 43-jährige M.I.A., die sich ihre gesamte Karriere lang politisch engagiert hat und dafür oft verspottet wurde. Was sie dabei motiviert, zeigt der Dokumentarfilm „Matangi/Maya/ M.I.A.“, der großteils aus selbstgedrehtem Material der Musikerin besteht. Seit ihrer Kindheit führte sie ein visuelles Tagebuch. Das umfangreiche Filmmaterial hat M.I.A. ihrem Freund Steve Loveridge überlassen, den sie beim Studium an einer Londoner Kunstuniversität kennenlernte. Der Regisseur hat es kunstvoll zusammengeschnitten und durch Aufnahmen von M.I.A.s Auftritten und ihren Musikvideos ergänzt. Herausgekommen ist das intime Porträt einer außergewöhnlichen Künstlerin.

Kampf für Selbstachtung und Identität

Der Filmtitel spielt auf die multiplen Identitäten der Sängerin an. Der Popstar M.I.A., die Britin Maya, aufgewachsen in einem armen Viertel von London, und die Tamilin Mathangi Arulpragasam, die im Alter von zehn Jahren mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern aus Sri Lanka flüchten musste. Der Vater, Gründer einer tamilischen Widerstandsorganisation, blieb zurück. In einer eindrücklichen Szene fragen die Kinder ihren inzwischen nach London gereisten Vater, was ihm der vergebliche Widerstandskampf gebracht hat, für den er seine Familie opferte. Selbstachtung und Identität, antwortet er. Damit lassen sich wohl auch viele von M.I.A.s Entscheidungen begründen.

Der Film zeigt die Musikerin als Teenie, wie sie HipHop für sich entdeckt, von rassistischen Beleidigungen gegen sich erzählt und vor ihren Geschwistern überschwängliche Reden hält: Ihre Familie könne stolz sein, dass der Vater „Terrorist“ ist. Das sei wenigstens etwas Besonderes - nicht so wie Tankstellenbesitzer oder Arzt. Ihren eigenen Sound, eine Mischung aus HipHop, Elektro und Weltmusik, entwickelt M.I.A. nach einem monatelangen Aufenthalt bei ihren Verwandten auf Sri Lanka. Die Musik bleibt im Film aber Nebensache: Die ersten Klänge ihres Welthits „Paper Planes“ werden von Schüssen unterbrochen. Sinnbild dafür, dass der Höhepunkt von M.I.A.s Karriere 2009 mit dem blutigen Ende des Bürgerkrieges in Sri Lanka zusammenfiel. Immer wieder redete M.I.A. in Interviews über die Massaker und wurde dabei von ihren Gesprächspartnern selten ernst genommen.

Spirituelle Geste oder Sexismus-Kritik?

Eine Frau, die als Popstar ein derartig privilegiertes Leben führt, könne sich nicht glaubwürdig einsetzen gegen Unterdrückung, Krieg und Genozid, so der Tenor. Nach Erscheinen eines vernichtenden Porträts stellte M.I.A. einst die private Telefonnummer der verantwortlichen Journalistin ins Internet. Diese oft überzogenen Reaktionen auf Kritik zeigt der Film nicht. Trotzdem bemüht sich Steve Loveridge, seine Freundin nicht nur im positiven Licht zu zeigen. Nach dem Super- Bowl-Skandal ändert M.I.A. mehrmals ihre Begründung für den Mittelfinger, von „spiritueller Geste“, darüber, dass sie einfach ein „Bad Girl“ sei bis hin zu einer Kritik am Sexismus der NFL-Manager. Letztlich gibt sie zu, selbst nicht so genau zu wissen, was sie getan hat.

Ein kurzer, ungewöhnlicher Moment des Zweifelns. Doch der Film zeigt vor allem, dass M.I.A.s Kampf gegen Ungerechtigkeit authentisch ist und begründet liegt in ihrer Biografie. Einfach nur Hits schreiben und dankbar sein ist für sie keine Option. „Wenn ich mit meiner Kunst nichts sagen würde, nähme es mit mir ein schlimmes Ende“, sagt sie einmal. Eine Dringlichkeit, die man ihr abnimmt.

Lichtblick, fsk, Sputnik-Kino, Il Kino

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