Dresden ehrt Rembrandt : Flotter Strich

Rembrandts Grafikkunst inspiriert noch heute. 350 Jahre nach seinem Tod feiert Dresden das Genie mit einer üppigen Schau.

Unkonventionell ist Rembrandts Radierung „Pissende Frau“.
Unkonventionell ist Rembrandts Radierung „Pissende Frau“.Foto: Städel Museum Frankfurt am Main/bpk

Soviel Rembrandt war noch nie – zumindest in den Niederlanden. Am 4. Oktober 1669, also vor 350 Jahren, ist der Ausnahmekünstler in Amsterdam gestorben. Keine niederländische Stadt, die etwas mit Rembrandt zu tun hat, lässt sich dieses Jubiläum entgehen. Das Rijksmuseum Amsterdam zeigt noch bis zum 10. Juni die Werke aus seinem Besitz, die größte Rembrandtsammlung der Welt.

In Deutschland nehmen, neben Köln, München und Hamburg, die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden das 350. Todesjahr zum Anlass für eine Ausstellung. Hier werden im Kupferstich-Kabinett vom 14. Juni bis zum 16. September unter dem Titel „Rembrandts Strich“ die Werke aus der eigenen Sammlung zu sehen sein. Dresden konzentriert sich dabei auf das grafische Werk. Vor allem die sächsischen Kurfürsten im 18. Jahrhundert haben die meisten wunderbaren Radierungen erworben.

In der Ausstellung werden rund 100 Werke aus allen Schaffensperioden Rembrandts zu sehen sein: Zeichnungen, Radierungen und Kupferstiche. Rund 20 Zeichnungen gelten als von ihm selbst ausgeführt oder überarbeitet, 45 wurden von seinen Schülern gefertigt. Ergänzt wird die Schau durch 50 Radierungen und Zeichnungen, die von Schülern stammen oder von Künstlern, die Rembrandt wiederum als Inspirationsquelle zum Vorbild nahmen.

Dazu zählt heute gewiss die südafrikanische Malerin Marlene Dumas, die sich mit ihrem frechen Gemälde „Peeing with a Blue Dress on“ von 1996 auf Rembrandts Radierung „Pissende Frau“ bezieht – ein Blatt, das im Krieg verloren ging und nun als Leihgabe aus dem Frankfurter Städel nach Dresden kommt.

Marlene Dumas muss Rembrandts Blatt gekannt haben, als sie 1996 "Peeing with a Blue Dress on" malte.
Marlene Dumas muss Rembrandts Blatt gekannt haben, als sie 1996 "Peeing with a Blue Dress on" malte.Foto: CNAC-MNAM / Estate Brassaï

Rembrandt war als Grafiker wegen seines lockeren Stils seiner Zeit voraus. Seine Radierungen wie seine Gemälde waren zum Verkauf bestimmt. Die Zeichnungen dagegen betrachtete er als Privatangelegenheit, niemals hätte er sie für Geld angeboten.

Grafik hat in seinem Werk immer eine bedeutende Rolle gespielt. Vor allem der späte Rembrandt setzte zunehmend auf die Kaltnadelradierung, die viel expressiver ist als die Radierung, bei der nur die dünne Wachsschicht über der Platte geritzt wird, während die Kaltnadel direkt in die Kupferplatte geht. Der Strich wird dadurch automatisch nicht so verspielt und rund, da ja auch Kraft im Spiel ist. Die Linien wirken eckiger und nähern sich dem Stil seiner Zeichnungen an. Der Metallgrat, der am Rand der Linie stehen bleibt, lockert den Strich auf.

Sehr gut ist Rembrandts Meisterschaft in dieser Technik an dem großen Blatt „Christus, der die Kranken heilt“ von 1648 zu erkennen, besser bekannt als der „Hundertguldendruck“, der für den damals ungeheuren Preis von 100 Gulden verkauft wurde. Mit der Kaltnadeltechnik gelingt Rembrandt fast ein flächiger, malerischer Ton mit Hell-Dunkel-Effekten.

Rembrandts Selbstporträts waren stilbildend für andere Künstler

Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit Rembrandts Selbstporträts, die stilbildend für spätere Künstler waren. Zu sehen sind Arbeiten mit dem Künstler als Lehrendem und Lernendem und mit Saskia van Uylenburgh, seiner Ehefrau und Muse.

An Rembrandts Porträts orientierten sich Schüler und Nachfolger wie Samuel van Hoogstraaten (1627–1678), aber auch Bendetto Castiglione (1609–1664) sowie später Francesco Goya (1746–1828), Eugène Delacroix (1798–1863), Lovis Corinth (1858–1925) und Pablo Picasso (1881–1973).

In dem Kapitel „Strich als Prozess“ wird gezeigt, wie eine Druckgrafik entsteht. Dabei werden erstmals auch die Vorzeichnungen zum „Hundertguldenblatt“ ausgestellt. Sie zeigen einen fast zeitlosen, modernen Künstler, der mit wenigen Strichen eine Figur erfasst. Am Beispiel der großen Radierung „Ecce Homo“ wird demonstriert, wie Rembrandt seine Kompositionen entwickelte und korrigierte. Das hat vor allem Picasso fasziniert, der um 1970 eine Serie „Ecce Homo“ nach Rembrandt produzierte.

In der Gegenwartskunst ist es neben Marlene Dumas auch der südafrikanische Künstler William Kentridge, der sich von Rembrandts grafischer Kunst inspirieren lässt. Wer in Berlin dem Genie des Goldenen Zeitalters zum 350. Todestag die Ehre erweisen will, kann in die Gemäldegalerie gehen und seine Werke in der reichen Sammlung selbst suchen.

Residenzschloss Dresden, 14. Juni bis 15. September 2019

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