Ernst Jüngers Naturbild : Blut und Blüten

Der Wehrmachtsoffizier geht Pilze sammeln: eine inspirierende Studie über Ernst Jüngers Versuch, Natur und Nation zu verklammern.

Ernst Jünger im Jahr 1960, bei der Betrachtung seiner Insektensammlung.
Ernst Jünger im Jahr 1960, bei der Betrachtung seiner Insektensammlung.Foto: Fritz Fischer/dpa

Am 4. Oktober 1942 notierte der Wehrmachtsoffizier im besetzten Frankreich in sein Journal: „Ausflug nach Saint-Remy-les-Chevreuse. Nach dem Frühstück in den Wäldern geschweift. In ihrer Feuchte gedeihen jetzt die Pilze, deren Kappen im Moose zwischen beperlten Spinngeweben aufleuchten.“ Ein Sprachgourmet bereitete sich sein verbales Pilzgericht. Ernst Jünger (1895–1998) hatte bereits das berühmte, 1920 erschienene Kriegstagebuch „In Stahlgewittern“ veröffentlicht, als er hier Flora und Fauna auflas und mit Feder, Lupe und Pinzette festhielt.

Gesetze seien bestimmt „durch Zeit, Raum und Blut“, hatte Jünger geraunt. Parlamente, Pazifismus waren ihm zuwider, das Hören einer Hitlerrede hingegen hatte ihn schon vor 1933 als ein „Elementarereignis“ erfasst – und neben dem Jubel für Blut fand sich eine vitalistische Faszination für Blüten, für Blumen, Kräuter, Käfer, Insekten: ein darwinistischer Ästhetizismus. Heute sind Nationalisten wieder gepackt von Jüngers kruden Aufrufen an die „Kräfte der radikalen, der völkischen und der nationalsozialen Gruppen“. Als literarische Leitfigur dient er der neurechten Szene zur Nobilitierung: ein waschechter, preisgekrönter Literat auf ihrer Seite.

Umso relevanter ist die fortgesetzte Entzauberung Jüngers, wie jetzt in der innovativen Arbeit der Literaturwissenschaftlerin Sibylle Benninghoff-Lühl. Im Marbacher Literaturarchiv untersuchte sie die Natur-Metaphorik der Tagebücher Jüngers, um Passagen, Sätze, Wörter, sogar Silben, sprachanalytisch aufzufalten und auszuleuchten. Gelungen ist dabei eine originelle, inspirierende Studie, die Jüngers Versuch deutlich macht, Nation und Natur brutal zu verklammern. („Die ganze Welt ein Garten? Flora und Fauna in Ernst Jüngers schriftlichem Nachlass“, Kulturverlag Kadmos, Berlin, 2018, 256 Seiten, 29, 80 €.)

Es scheint, resümiert die Autorin, „als interessiere sich der Autor für die zu erobernde Welt wie für einen Garten“ – und erkennbar wird dabei bald ein Garten des Grauens. Inmitten der nationalsozialistischen Menschenjagd auf Juden und Résistance-Mitarbeiter notiert Jüngers „Ich“ emsig Eindrücke von Pfingstrosen, Orchideen, Lilien, Narzissen, von Leuchtkäfern, Faltern oder Fliegen.

Benninghoff-Lühls Analyse erkundet auch Jüngers Pressblumen

Benninghoff-Lühls „ikonographische Lektüre“ tastet sich dechiffrierend am Text entlang wie an Abbildungen. Jünger zeichnete und botanisierte, er fixierte Pflanzenfunde mit transparenten Klebstreifen auf den Seiten seiner Kladden und schrieb ihnen ich-bezogene Bedeutungen zu. Benninghoff-Lühls Analyse lässt solche Pressblumen aufquellen – und zu Quellen werden. Dabei weist ihr Verfahren weit über Jüngers Texte hinaus, ertragreich anwendbar ist es durchaus auch für das mikrologische Lesen versteckter Ideologie in anderen Genres.

Gemeinsam mit Wehrmachtsoffizieren residierte Jünger in Pariser Luxushotels, genoss Austern und Rotwein und verkostete Amouren. Ein „Sträußlein“ Maiglöckchen erwirbt er, um das Poussieren mit einer französischen Kontoristin zu feiern, mit der er im Mai 1941 in Vincennes „im Lichtspiel“ sitzt. „Ich berühre dort ihre Brust“, hält er fest, während „unsere Angriffe in Afrika, Serbien und Griechenland“ gezeigt werden. Im Kino werden Angstschreie angesichts der Panzer laut, die er als „Krustentiere, Schildkröten, Krokodile und Insekten“ naturalisiert. An einem jungen Deserteur kurz vor dessen Hinrichtung fesselt Jünger dessen naturhaftes „Blühen“: „Ich sehe, dass die Erregung ihm etwas Krauses, Blühendes, ja Kindliches verleiht.“ Keine Definition von Geschmacklosigkeit könnte solcher Kälte beikommen.

Blaue Astern, nationalistische Schimmelpilze: eine detaillierte Entlarvung

„Wenn uns die Welt erschüttert scheint, kann der Blick auf eine Blume die Ordnung wiederherstellen“, beharrte Jünger Mitte Oktober 1945 im besiegten Deutschland und widmete diesen Eintrag elegisch einer „blauen Aster“ in seinem Garten. Benninghoff-Lühls Blick auf Jüngers Blumenblick lässt den Autor am Ende jämmerlich dastehen, als Architekt hohler Räume voller nationalistischer Schimmelpilze und trockener, floraler Dekoration. Detaillierter als Benninghoff-Lühl es hier unternimmt, wurde Jünger wohl kaum je entlarvt.

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