Filmfestival in Cannes : Neue Superhelden in Cannes

Ein Biopic über Elton John, poröse Menschlichkeit bei Ken Loach und die erste Regisseurin des diesjährigen Wettbewerbs

Elton John auf dem Roten Teppich von Cannes mit seinem Ehemann, dem Kanadier David Furnish bei der Premiere von "Rocketman".
Elton John auf dem Roten Teppich von Cannes mit seinem Ehemann, dem Kanadier David Furnish bei der Premiere von "Rocketman".

Auch Filmfestivals lieben Popstars. Da müssen sich auf dem roten Teppich gelegentlich selbst Filmstars hinten anstellen, erst recht wenn es sich um Elton John handelt. Der britische Exzentriker, der heute zurückgezogen an der Côte d’Azur lebt, hat nur eine kurze Anreise an die Croisette, wo am Donnerstag das Biopic “Rocketman” außer Konkurrenz Premiere feierte.

Hauptdarsteller Taron Egerton kniet auf dem roten Teppich sogar vor dem am Knöchel lädierten Popstar nieder und schnürt ihm ehrfürchtig die Schuhe. Aber Demut ist nicht angebracht. Egerton spielt Elton John als richtige Rampensau, der sich einmal durch das gesamte Suchtprogramm des Rock'n'Roll arbeitet. “Ich bin ein Alkoholiker, drogenabhängig, sexsüchtig und kaufsüchtig", beichtet er gleich am Anfang seiner Therapiegruppe.

 Exzesse der 70er

“Rocketman” ist nach “Bohemian Rhapsody” gerade der zweite Musikfilm aus Hollywood, das die 70er-Popikonen (auch in kommerzieller Hinsicht) als neue Superhelden zu entdecken scheint. Tatsächlich dürften die Kostüme, die Egerton vorführt, Captain America und die Avengers-Crew neidisch machen. Regisseur Dexter Fletcher (selbst kein Kind von Traurigkeit), der schon den Freddie-Mercury-Film nach dem Abgang von Bryan Singer fertig drehte, lässt die Siebziger herzhaft aufleben. Kein Exzess wird ausgelassen. Die schwule Sexszene zwischen dem jungen Reggie und seinem Manager John Reid dürfte überhaupt die erste in einer großen Studio-Produktion sein.

Ansonsten hakt Fletcher pflichtbewusst die wichtigsten Stationen in der Karriere Elton Johns ab. Das schwierige Verhältnis zur kaltherzigen Mutter und dem lieblosen Vater, seine uneingestandene Homosexualität, die der Film aber – anders als “Bohemian Rhapsody” – nicht herunterspielt, das Ausbeutungsverhältnis zu seinem Manager und Lover sowie die Freundschaft mit seinem langjährigen Partner Bernie Taupin, der einen Großteil von Johns Hits schrieb.

Dabei verfällt der Film immer wieder in einen düsteren Tonfall, wenn er vom Selbstzerstörungstrieb des manisch-depressiven Musikers erzählt. Doch es sind die Musikeinlagen, in denen “Rocketman” sich zu einer deliranten, bombastischen Pop-Psychedelik aufschwingt, die in ihren besten Momenten an die Musicals eines Baz Luhrmann erinnert.

Überlebenskampf einer Familie

Deutlich bodenständiger fällt dagegen “Sorry We Missed You” aus, der neue Film von Ken Loach. Der Chronist der britischen Arbeiterklasse hatte sich eigentlich schon vom Kino verabschiedet, aber irgendwie wird er noch immer gebraucht. Loachs Film über den Überlebenskampf einer Familie aus der unteren Mittelschicht (so heißt das heute euphemistisch) gehört zu seinen schönsten Arbeiten der letzten Zeit.

Ricky will sich und seiner Familie endlich den Traum vom Eigenheim erfüllen, darum nimmt er als Scheinselbstständiger einen Job bei einem dubiosen Kurierunternehmen an. Den Lieferwagen muss er selbst finanzieren, seine Frau, die als Altenpflegerin Hausbesuche macht, braucht ihren Wagen. Zu allem Überfluss bereitet den beiden ihr ältester Sohn Probleme: Er hat Ärger in der Schule und wird beim Ladendiebstahl erwischt. Aber irgendwie muss das Leben weitergehen.

 Poröse Menschlichkeit

Unaufgeregt und frei von Klassenpathos erzählt Loach mit poröser Menschlichkeit, die sich allein dank emphatischer Alltagsbeobachtungen einstellt. Es gibt keine Krisen zu bewältigen, der Alltag selbst ist eine einzige Krisensituation. Das Geld reicht in dem Doppelverdienerhaushalt kaum aus, um über die Runden zu kommen.

Vor drei Jahren erhielt Ken Loach mit “Ich, Daniel Blake” den Vorzug vor “Toni Erdmann”, ein Kandidat für die Goldene Palme ist “Sorry We Missed You” daher wohl nicht. Trotzdem beweist der 82-jährige Veteran, dass er noch immer etwas über unsere Gegenwart zu sagen hat.

Erste Regisseurin im Wettbewerb

Am anderen Ende des Altersspektrums gilt das auch für die Französin Mati Diop, der ersten Regisseurin im Wettbewerb. Diop ist die Nichte des senegalesischen Filmemachers Djibril Diop Mambéty, der 1973 mit “Touki Bouki” einen Klassiker des neuen afrikanischen Kinos schuf, ihre Mentorin ist die Regisseurin Claire Denis. Diops Spielfilmdebüt “Atlantique” verbindet das reale Migrationsdrama, das sich seit Jahren im Mittelmeer abspielt, mit einer jugendlichen Liebes- und einer Geistergeschichte.

Am Stadtrand von Dakar arbeiten junge Senegalesen unter menschenunwürdigen Bedingungen auf der Baustelle für einen neuen Supertower. Als ihre Gehälter ausbleiben, machen sich die Männer auf den gefährlichen Weg nach Europa. Darunter auch der junge Souleiman, in den sich Ada (Mama Sané, schon jetzt eine der Entdeckungen des Festivals) verliebt hat – die wiederum dem neureichen Jüngling Omar zur Frau versprochen ist.

 Männer aus dem Jenseits

Je stärker die Sehnsucht des Mädchens nach ihrem verlorenen Lover wird, desto weiter entfernt sich Diop von den Konventionen des Sozialdramas und lässt ihren Film in das Zwischenreich der Geister abgleiten. Die sind in der Gestalt junger Frauen zurückgekehrt, um den Lohn einzufordern, der ihnen rechtmäßig zusteht. Indem “Atlantique” die Tragödie der Flucht durch die Augen der Frauen erzählt, die ohne Kenntnis vom Schicksal ihrer Männer in den Herkunftsländern zurückbleiben, gelingt Diop eine lyrische Atmosphäre, die dem Trauma der Flucht eine neue Subjektivität verleiht.

Ada und ihre Freundinnen, allesamt von Laiendarstellerinnen gespielt, bilden eine solidarische Einheit, während die Männer sich aus dem Jenseits heraus an ihrem Ausbeuter rächen dürfen. In Mati Diop, die bislang nur einige kurze Experimentalfime gedreht hat, hat das Kino eine neue, ausdrucksvolle Erzählstimme gefunden.

 

 

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