Fotografien von Ute und Werner Mahler : Eine kleine Bildgeschichte der DDR

Models und Mietskasernen: Die Berliner Galerie Springer zeigt das fotografische Lebenswerk von Ute und Werner Mahler.

Trabbi-Ballett: Die Primaballerina Jutta Deutschland 1980 im Prenzlauer Berg.
Trabbi-Ballett: Die Primaballerina Jutta Deutschland 1980 im Prenzlauer Berg.Foto: Ute Mahler / Galerie Springer

Darf man die Wirklichkeit im Foto verschönern? Zum Beispiel so: Da spazieren drei Frauen auf der Allee zwischen Orangerie und Belvedere in Potsdam. Die hohen Bäume links und rechts umsäumen die drei wie Wälle, die sie von der übrigen Welt abschirmen. Zwei Frauen, die man schnell als Models erkennt, wenden der Fotografin – der 1949 geborenen Ute Mahler – den Rücken zu, die dritte schaut zurück, damit man das Strickoberteil in Augenschein nehmen kann, das sie im Auftrag des Mode- und Kulturjournals „Sibylle“ trägt.

Die Aufnahme entstand im Jahr 1979. Ob man die „Sibylle“ am Kiosk erwischte und ob der Pullover irgendwo auf dem Ladentisch lag, ist eine andere Frage. Am besten, man strickte selbst. Aber schon dieses Bild wie die anderen vorzüglichen Modefotografien aus der Hand Ute Mahlers waren ein Glücksfall für den Betrachter. Viele davon gehören heute zum eisernen Bestand der Fotogeschichte der DDR. Damals konnten diese Inszenierungen fast schon als Provokationen aufgefasst werden, zumindest aber als Ermunterung, nicht nur in der Kleiderwahl eigene Wege zu gehen. Vielleicht wie die Primadonna der Komischen Oper, Jutta Deutschland, die keck ihren Fuß auf eine Bank des S-Bahnhofs Prenzlauer Allee gestellt hat. Ein paar Leute schauen neugierig zu. Die typisch Ostberliner Details mit Mietskasernen rechts und dem Gasometer im Hintergrund bilden den bloßen Rahmen für das von der „Sibylle“ zum Selbstschneidern vorgeschlagene Kleid. Fast schon übergeschnappt wirkt es, wenn Ute Mahler ihre liebste „Darstellerin“ auf einer Straße im damals schon angesagten Stadtteil Prenzlauer Berg lachend einen Trabbi umarmen lässt. Das tänzerisch abgespreizte Bein soll natürlich nur den Chic des Kleides betonen.

1990 waren beide Mitbegründer der Fotoagentur Ostkreuz

Mit gut fünfzig Arbeiten unternimmt die Galerie Springer einen Streifzug durch einige, nicht alle Kapitel des in vier Jahrzehnten stetig angewachsenen, vielfältigen Lebenswerks des Fotografenpaares Ute und Werner Mahler. Beide haben in den siebziger Jahren als Absolventen der Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst ihren Weg angetreten, beide fanden von früh an Nischen und Aufträge, die ihnen Bekanntheit verschafften. Fotografisch gingen sie, sieht man von der Bevorzugung schwarzweißer Formate ab, getrennte Wege. Ute Mahlers Fotoarbeiten erschöpften sich nicht im „Sibylle“-Stil, der mehr zur Lebenssicherung diente. Heute mögen gerade sie als bestechend schöne Prints (ab 4500 Euro) manchen Sammler verlocken. Ihre dokumentarischen Serien – zum Beispiel 1990 aus dem Frauengefängnis Hoheneck – stehen auf einem anderen Blatt. Werner Mahler, Jahrgang 1950, machte sich dagegen von Anfang an mit Reportagen und Serien aus der Arbeitswelt einen Namen. Aber auch die intensiven Landschaftsbilder von ihm beeindrucken bis heute.

1990 waren beide die Mitbegründer der Fotoagentur Ostkreuz. Zu einem gemeinsamen Fotoprojekt sollte es erst 2009 kommen, als Ute Mahler mit einer Großbildkamera für die Serie „Monalisen der Vorstädte“ durch mehrere europäische Hauptstädte zog und Werner Mahler ihr dabei tatkräftig assistierte. Die schöne Serie chargiert formal noch immer am Rande der Modefotografie. Aber anstelle eines Models schaut nun, Ödland im Rücken, eine Giulia am Stadtrand von Florenz, eine Adda in Reykjavik, eine Tanja in Minsk posenfrei in die Kamera.

Die selbstbewussten jungen Frauen stehen für eine neue europäische Generation – zu der man sich die jungen Männer allerdings hinzudenken muss. Jede trägt ihre gewöhnlichen Sachen, und ob eine von ihnen auf eine Karriere aus ist, scheint zweifelhaft. Allenfalls einmal für einen Auftritt vor der Kamera.

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Galerie Springer, Fasanenstr. 13; bis 5.1.2019, Di–Fr 12-18 Uhr, Sa 12–15 Uhr. Am 30.11. um 19 Uhr: Künstlergespräch

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