zum Hauptinhalt
Abrechnung mit der Konsumgesellschaft. Pier Paolo Pasolini um 1971. Foto: Imago/Leemage
© imago/Leemage

Intellektueller Mythos: Freiheit und Rebellion sind meine süße Speise

Der Letzte einer glückseligen Generation: Dem Dichter, Filmemacher und Polemiker Pier Paolo Pasolini zum 100. Geburtstag.

Von Gregor Dotzauer

Unter den Schriftstellern, von denen man keine Zeile gelesen haben muss, um sich einzubilden, man könne allein aus ihrem Äußeren eine Vorstellung von ihrer inneren Welt gewinnen, war er ein trügerischer Latin Lover. Gleich neben Albert Camus in seinem Trenchcoat, Samuel Beckett mit seinem Habichtgesicht oder Susan Sontag mit ihrer Löwenmähne wirkte Pier Paolo Pasolini wie eine strengere, schmallippigere Ausgabe seines italienischen Landsmannes Marcello Mastroianni.

In jungen Jahren fast schön, setzten ihm die wenigen Jahrzehnte, die ihm auf Erden vergönnt waren, doch allmählich zu: mit Wangengrübchen, die sich zu tiefen Furchen auswuchsen, und mit einem libidinösen intellektuellen Hunger, der aus seinen Augen glühte, wenn er diese nicht hinter einer Sonnenbrille verbarg.

Als erstes von der Aura zu sprechen, die ihn zu seinem 100. Geburtstag am heutigen Samstag umgibt, hat mit einem Eingeständnis zu tun, das die zahllosen Feierlichkeiten in seiner Geburtsstadt Bologna, in Rom und anderswo zu leugnen versuchen: Je mehr er sich als Denker entfernt, desto näher rückt er als bloßer Mythos.

Zur schwulen Ikone taugte er schon zu Lebzeiten, als öffentlicher Intellektueller wurde er vor allem deshalb so übermenschlich groß, weil er eine Leerstelle besetzt, die nicht nur mangels geeigneten Personals, sondern auch wegen grundlegend veränderter politischer und medialer Rahmenbedingungen vakant ist.

Pier Paolo Pasolini hat seit seiner Ermordung im Jahr 1976 zahlreiche Wiederbelebungsversuche erlebt – auch weil sich inzwischen mehrere Forschergenerationen in die Stollen seines Nachlasses begeben haben, angefangen mit dem Fragment gebliebenen Romankoloss „Petrolio“. Für eine Auferstehung hat es immer weniger gereicht. Mit jeder Ausstellung, jedem Symposion und jeder nachgereichten Veröffentlichung, zeigte sich mehr, wie tief er mit seiner Zeit verwoben war.

Was heißt überhaupt Denker? So polemisch er ein Italien aufmischte, zu dessen Kraftlinien zwischen „Klerikalfaschismus“, Christdemokratie und Kommunismus er als unorthodoxer, von der PCI ausgeschlossener Marxist und zum Unglauben bekehrter Katholik er gleichermaßen querstand, lag seine Stärke weniger in der theoretischen Durchdringung als in einer wortmächtig eruptiven Intuition für die historische Lage.

Pasolini war in erster Linie Dichter und Erzähler, in zweiter Filmregisseur und in dritter Intellektueller und Publizist. Theresia Prammer, die sich als Nachgeborene um sein Werk seit vielen Jahren verdient gemacht und nun für Suhrkamp einen zweisprachigen Prachtband mit hierzulande unveröffentlichten Gedichten aus zwei Jahrzehnten übersetzt hat, weist in einem Aufsatz für das „Schreibheft“ (Nr. 73) zurecht auf die Durchlässigkeit der Gattungen beim späten Pasolini hin.

Er wollte dem Kino Poesie einhauchen und ihm zugleich die Erinnerung an die Malerei zurückbringen. In der Poesie versuchte er, alles Lyrische hinter sich zu lassen und ein wildes Prosa-Parlando anzustimmen. Man könnte aber auch sagen, dass ihm mit den Beschränkungen gleich welcher Kunst schnell langweilig wurde und er ungeduldig sämtliche Grenzen niederriss.

Im Kino haben vor allem seine frühen, von ihm als Zeugnisse eines „kritischen Realismus“ bezeichneten Arbeiten – „Accattone“ oder „Mamma Roma“ – überdauert, bevor es didaktischer wurde („Teorema“) oder theatralischer („Edipo Re“). Sein letzter, unvollendeter Film „Salò oder Die 120 Tage von Sodom“, der den Sadomasochismus des Marquis de Sade auf Mussolinis Faschismus projiziert, mag für sein Verständnis von Sexualität und Politik entscheidend sein – in seinen Erniedrigungsritualen sind die vollen 145 Minuten bis heute eine Zumutung von fragwürdigem Erkenntniswert.

Gewonnen haben dafür die vor Ideen und Sinnlichkeit vibrierenden offenen Textflächen der späten Gedichte – trotz ihrer mitunter diskursiven Schlagseite. Mit den sorgsam erarbeiteten, von Dante übernommenen Terzinen, wie er sie zuletzt 1957 in „Gramsci’s Asche“ verwendete, haben sie nichts mehr gemein.

Welche Metamorphosen Pasolini durchlief, zeigen die soeben unter dem Titel „in persona“ erschienenen Gespräche und Selbstzeugnisse: eine ideale Einführung in sein Werk. Der Band enthält auch „Coccodrillo“, einen erstmals auf Deutsch veröffentlichten Nachruf in Versen, den Pasolini 1968 auf Einladung der amerikanischen Zeitschrift „Avant Garde“ schrieb.

Er ergänzt das gleichfalls dokumentierte, zwei Jahre zuvor entstandene Langgedicht „Who is me. Dichter der Asche“, das in ausdrücklicher Verehrung für Allen Ginsberg alle wichtigen Lebensstationen Revue passieren lässt.

Dieser „Coccodrillo“ spricht wieder einmal von der vergötterten Mutter und dem verhassten Vater, bekennt sich aber auch zu jenem romantischen Verständnis von Politik, das zu Pasolinis problematischstem Erbe gehört. „Freiheit und Rebellion“, heißt es, „waren sein Brot (jenes, sagten wir, / nicht bittere, sondern vielmehr süße: ausdruckslose alltägliche Speise)“. Mit dieser Art von vitaler Unschuld, die einen großen Teil von Pasolinis Anziehungskraft ausmacht, lässt sich heute kein Staat, nicht einmal mehr eine Graswurzelrevolution machen.

Der Abschied von der geschlossenen und sinnerfüllten bäuerlichen Welt, die er im Friaul der Großeltern erfahren hatte und in Rom als zerstörerische Modernisierung erlebte, nachdem er als Homosexueller aus dem Schuldienst in Casarsa entlassen worden war, schwingt darin in seiner ganzen Nostalgie mit. Pasolini suchte seine kapitalistisch noch nicht untergepflügten Paradiese samt ihrer sexuellen Abenteuer schließlich außerhalb Europas, in Marokko und Tunesien.

„In den Salons / kann man keine Liebe machen und auch nicht in den Betten“, heißt es im „Coccodrillo“. „Man braucht eine entlegene Wiese, ein Stück Wüste, / die Steppe, die Heide – kurzum, all jene Orte, / wo das Gras spärlich, verbrannt ist und heiß; die langen Rippen / am Mittelmeer, wo wilde Pflänzchen wachsen, / die die Mutter nicht erntet, die Mutter, welche dablieb / bei den kleinsten Geschöpfen, in den Gassen. / Es gibt Nächte, in denen ist es absurd, anderes zu machen als Liebe. / Er starb, nachdem er diese Nächte anderer Jahrhunderte gekostet hatte. / Er gehörte zu einer der letzten so glückseligen Generationen.“

Die sich ausbreitende Konsumgesellschaft empfand er als „Höllenvision“. Welches Inferno hätte er erst gesehen, wenn er den heutigen Überwachungskapitalismus erlebt hätte? Die „anthropologische Mutation“, die er im Zeichen eines alle Werte verschlingenden Hedonismus fürchtete, hat sich, sofern man Pasolinis Deutung folgen will, längst ereignet.

Zumal in der westlichen Welt gibt es kaum noch kulturelle Binnentraditionen, die sich der globalen „Kolonisierung“ widersetzen würden. Mit dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz steht vielmehr das Menschsein selbst auf dem Spiel.

Wie zwiespältig Pasolinis Haltung ist, zeigt sich auch daran, dass er sich zu Lebzeiten wohl nicht hätte träumen lassen, dass sich einmal die Neue Rechte für ihn interessieren würde. 2014 adelte ihn Jürgen Elsässer, der Chefredakteur des „Compact“-Magazins, mit einem unveröffentlichten Interview in einem Dossier zu einem „Querdenker jenseits von rechts und links“. Und Martin Lichtmesz, ein führender Kopf der identitären Bewegung, entdeckte in Pasolinis marxistischem Kampf gegen einen konsumistischen Totalitarismus dennoch gemeinsame Gegner: „Konformismus, Vermassung, Gleichmacherei, Sprachverlust, flächendeckende Medienindoktrination“.

Diese Indienstnahme ist kein Zufall, auch wenn sich die intellektuelle Rechte an Pasolini letztlich die Zähne ausbeißen wird. Er musste jedoch schon deshalb in ihren Blick rücken, weil sie die Schriften des marxistischen Theoretikers Antonio Gramsci für ihre Zwecke umcodiert hatte. Insbesondere der reichlich vage Begriff der „kulturellen Hegemonie“, der über den neurechten Vordenker Alain de Benoist auch in deutsche Kreise Eingang fand, machte Furore.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Mit seinem Sinn für die emanzipatorische Kraft des Volkstümlichen und einem glänzenden literarischen Stil hatte Gramsci Pasolini von Grund auf geprägt. „Der einzige geistige Vorfahre, der zählt, ist Marx“, erklärte er 1963 in einem Interview, „und sein sanfter, struppiger, leopardianischer Sohn Gramsci.“

„Ragazzi di vita“ heißt Pasolinis erster, im Mai 1955 erschienener und nun neu aufgelegter Roman. Eine wilde Reise mit dem jungen Ricetto und seiner Clique an die halbkriminellen Ränder der Ewigen Stadt, die subproletarischen borgate. Vielleicht ist das, lange vor der ausbuchstabierten Kulturkritik, der beste Ort, um sich auf die ungebrochene Kraft des Chronisten Pasolini einzulassen – an einem Punkt seines Lebens, an dem er schon viele Feinde hatte, aber noch keine falschen Freunde auf den Plan rief.

NEUERSCHEINUNGEN ZUM JUBILÄUM

[Pier Paolo Pasolini: Nach meinem Tod zu veröffentlichen. Späte Gedichte. Italienisch – Deutsch. Herausgegeben, aus dem Italienischen übersetzt und mit einem Nachwort von Theresia Prammer. Suhrkamp, Berlin 2021. 628 Seiten, 42 €.

Pier Paolo Pasolini: in persona. Gespräche und Selbstzeugnisse. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Gaetano Biccari Aus dem Italienischen von Martin Hallmannsecker u. a. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022. 208 Seiten, 22 €

Pier Paolo Pasolini: Rom, Rom. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki u.a. Verlag Klaus Wagennach, Berlin 2022. 120 Seiten, 18 €.

Pier Paolo Pasolini: Ragazzi di vita. Roman Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Moshe Kahn. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022. 288 Seiten, 13 €. (Neuauflage)

Pier Paolo Pasolini: Teorema oder Die nackten Füße. Roman. Aus dem Italienischen von Heinz Riedt. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2022. 192 Seite, 13. €. (Neuauflage)

Valerio Curcio: Der Torschützenkönig ist unter die Dichter gegangen – Fußball nach Pier Paolo Pasolini Mit einem Vorwort von Moritz Rinke Aus dem Italienischen von Judith Krieg. Edition Converso, Karlsruhe 2022. 190 S., 22  €

Florian Baranyi, Monika Lustig: Pier Paolo Pasolini. Eine Jugend im Faschismus Mit dem Originaltext „Italienische Kultur und europäische Kultur in Weimar“. Edition Converso, Karlsruhe 2022.  128 S., 18 € (Erscheint am 1. 4.)

Comizi d’autore – Zeitgenössische italienische Filmemacher*innen auf den Spuren von Pier Paolo Pasolini. Filme von PPP und seiner Verehrer*innen, begleitet von zahlreichen Einführungen und Gesprächen. Bis 29. März 2022 im Berliner Kino Arsenal, Details unter: www.arsenal-berlin.de]

Zur Startseite