Geschichte Libanons : Ein Balanceakt

Der Weg Libanons in die Unabhängigkeit von der französischen Mandatsmacht.

Libanons Premierminister Sami Solh (l.) mit dem französischen Gouverneur General Georges Catroux im Jahr 1943.
Libanons Premierminister Sami Solh (l.) mit dem französischen Gouverneur General Georges Catroux im Jahr 1943.Foto: Sami Solh Album/AFP

„Die Lage im Libanon ist instabil. Doch diese Instabilität ist von einer gewissen Stabilität – und was morgen geschieht, weiß niemand.“ So umriss der Archäologe Rolf Hachmann, der in den sechziger und siebziger Jahren im Libanon in der Bekaa-Ebene mit seinen Studenten arbeitete, die Situation, um die besorgten Eltern zu beruhigen. Diese Einschätzung der Lage ist immer noch aktuell.

Die libanesische Republik feiert ihren 75. Geburtstag, doch die Weichen für das bis heute fragile Gebilde wurden schon viel früher gestellt. Ein Blick zurück hilft, die heutige Situation besser zu verstehen. Das mächtige Libanon-Gebirge entwickelte sich im Osmanischen Reich zu einem Zufluchtsort libanesischer Christen. Schon im 19. Jahrhundert schwangen sich europäische Nationen zu „Schutzmächten“ einzelner Religionsgemeinschaften auf, und so wurden soziale Konflikte zu religiösen Konflikten. Der Kampf der bäuerlichen Drusen gegen die Steuern eintreibenden Maroniten entwickelte sich1858 zu einem Konfessionskonflikt, der durch europäische Intervention 1861 unterbunden wurde.

Die Provinz „Klein-Libanon“, in der vor allem Christen wohnten, wurde durch das „règlement organique“ fortan der Hohen Pforte in Istanbul unterstellt. Hier gründeten französische und amerikanische Christen Schulen und Universitäten. Die Provinz blühte wirtschaftlich bis zum Ersten Weltkrieg auf. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches teilten sich Frankreich und Großbritannien – wie im 1917 geschlossenen Sykes-Picot-Abkommen festgelegt – ihre Einflusssphären auf, statt den Arabern, wie ursprünglich versprochen, die nationale Unabhängigkeit zu geben.

Christen und Muslime rivalisierten um Macht und Einfluss

Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sich Frankreich als Mandatsmacht für die Errichtung eines „Grand Liban“ unter christlicher Vorherrschaft. Die Macht hatten die Franzosen inne. Der 15-köpfige Verwaltungsrat zählte nur fünf Muslime. Nach Protesten wurde der Rat auf 17 erweitert, sechs Sitze waren nun reserviert für Maroniten, drei für Griechisch-Orthodoxe, einer für Griechisch-Katholische, einer für Drusen, vier für Sunniten und zwei für Schiiten. Die meisten Ratsmitglieder waren Landbesitzer und bedeutende bürgerliche Händler, wie Fawwaz Traboulsi in seiner „History of Lebanon“ schreibt. Damit war eine Struktur gelegt, die sich in Varianten wie ein roter Faden durch die gesamte libanesische Geschichte zieht, mit Perspektiven des Ausgleichs und Proporzes, aber auch großer Risiken.

In den zwanziger Jahren erlaubte die französische Mandatsmacht armenischen Flüchtlingen, sich im Libanon anzusiedeln, 1929 waren es bereits mehr als 90 000, für Frankreich ein willkommener Zuzug von Christen. Fortan kam es zu ständigen Rivalitäten um Macht und Einfluss zwischen Muslimen und Christen, die noch über eine knappe Mehrheit in der Bevölkerung verfügten.

Mit dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Situation schlagartig. Ein bereits ausgearbeiteter Vertrag zur Unabhängigkeit Syriens und des Libanon wurde nach der deutschen Besetzung Frankreichs für ungültig erklärt, aber die Vichy-Statthalter in Libanon und Syrien wurden von franko-britischen Truppen vertrieben. In einem nur mündlich existierenden „Nationalpakt“ in Reden und Interviews einigten sich der Maronit Bechara Khoury und der Sunnit Riad Sohl auf die Ämter als Präsident beziehungsweise Ministerpräsident und auf die Besetzung aller Ämter nach konfessionellem Proporz.

Der Konflikt zwischen Verfassung und gelebter Praxis

Damit verfestigte sich diese Struktur aus dem 19. Jahrhundert. Am 8. November 1943 kappte das libanesische Parlament einseitig alle Verbindungen zur Mandatsmacht, worauf Frankreich führende Köpfe der Unabhängigkeitsbewegung verhafteten ließ. Auf einen Generalstreik hin entsandte die Mandatsmacht am 11. November 1943 französische und senegalesische Truppen nach Beirut, wo bei Kämpfen 18 Demonstranten getötet und 66 verletzt wurden.

Nun setzten Ägypten, Saudi-Arabien und Irak sowie der britische Premierminister Winston Churchill die Franzosen unter Druck. Am 19. November stellte der britische General Spears den Truppen des Freien Frankreichs ein Ultimatum, die libanesischen Politiker freizulassen. Wenige Stunden vor Ablauf des Ultimatums ließ General Georges Catroux am 22. November 1943 die Libanesen frei und erklärte das französische Mandat für beendet. So war Libanons Unabhängigkeit letztendlich das Ergebnis einer Entente zwischen Ägypten und Großbritannien, wie Traboulsi schreibt. Die französisch gesinnte Oberschicht erkannte zudem, dass sie als „französischer Handelsposten“ in einem britisch dominierten Nahen Osten nicht überleben könnte. Wirtschaftliche Interessen der libanesischen Oberschicht und ausländische Interessen bestimmten fortan die Geschicke in der libanesischen Politik.

In dem Nationalpakt wurde der konfessionelle Proporz festgelegt sowie die Identität als arabische Republik mit kulturellen Banden zum Westen. Libanon sollte fortan keine Basis mehr für koloniale Ambitionen sein und künftig die Muslime besser an der Verwaltung teilhaben lassen. „Der Nationalpakt kann als Bestätigung politischer Garantien für die Christen im Austausch für politische und sozio-kulturelle Versprechen für die Muslime gesehen werden“, schreibt Fawwaz Traboulsi. „Die Geschichte der Anwendung des Kompromisses von 1943 ist zum Großteil die Geschichte des Konflikts zwischen Verfassung und gelebter Praxis.“

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