Herbstsalon im Maxim Gorki : Zuhause ist nur ein Wort

Heimat ist autoritär: Das Berliner Gorki will mit Kunst, Theaterstücken und Diskussionen neue Möglichkeiten der Zugehörigkeit finden.

Heilende Rituale. „Malina“, initiiert von Marta Malikowska, ist zugleich Theaterstück, Konzert und Meditation.
Heilende Rituale. „Malina“, initiiert von Marta Malikowska, ist zugleich Theaterstück, Konzert und Meditation.Foto: Karolina Gorzelanczyk

Der Mann, der alles zähmt, bestimmt und ordnet – ihn hat der bulgarische Künstler Luchezar Boyadjiev symbolisch schon vor Jahren entmachtet. In seiner fortlaufenden Fotoserie „On Vacation“ zeigt Boyadjiev Fotos von Reiterstandbildern aus europäischen Hauptstädten – allerdings stets ohne Reiter.

Die stolzen Herren hat der Künstler wegretuschiert, so dass nur die Rösser übrigbleiben. Teile dieser Fotoserie waren schon beim 1. und 3. Herbstsalon des Gorki Theaters ausgestellt und nun sind sie in der 4. Ausgabe wieder dabei. Sie erzählen jedes Mal eine andere Geschichte.

In diesem Jahr liest man die Bilder, die im Erdgeschoss des Theaters ausgestellt sind, als Kritik an der immer noch präsenten patriarchalen Repräsentation; aber auch als Plädoyer für eine feministische, multiperspektivische Sicht.

„Radikal divers“ will man beim 4. Herbstsalon denken. Kunst, Theater und erstmals auch Diskurs, in Form einer Konferenz, sollen unter dem Motto „De-Heimatize it!“ zusammengeführt werden.

Das Festival hat sich in diesem Jahr vorgenommen – da Diversität in Bezug auf Ethnie, soziale Schicht und Geschlecht ja immer schon ein Schwerpunkt war – feministisch-intersektional zu denken. Soll heißen: Wir sollten zumindest wahrnehmen, dass eine schwarze, arme Frau niemals auf diesem Pferd sitzen wird; und dass das System „Einzelperson plus Pferd“ als Retter von Heimat und Nation sowieso nicht mehr recht passt.

Wer gehört dazu, wer nicht - und wer entscheidet das?

Der Begriff „Heimat“ schließe immer aus, genauso wie der Begriff „Nation“, lautet die These der Festivalmacherinnen rund um Intendantin Shermin Langhoff, Ong Keng Sen oder Rebecca Ajnwojner.

Wenn Politiker, egal ob von den Grünen oder von der AfD den Begriff „Heimat“ nutzen, wird verhandelt, wer dazu gehört und wer nicht. Selbst wenn Heimat jetzt von manchen großzügiger, diverser, gedacht wird, indem diese und jene Randgruppe eingeschlossen wird, bleibt das Konzept doch autoritär. Also – weg damit!

Ein starkes Bild für die geforderte Rekalibrierung, die ja erst mal eine Bestandsaufnahme und eine Loslösung vom Gelernten erfordert, kommt von der iraelischen Künstlerin Yael Bartana. In ihrem Film „Tashlikh“ bezieht sie sich auf einen jüdischen Brauch, bei dem Taschen und Kleider am Ufer von Flüssen und Seen ausgeschüttet werden, um Schuld und Sünden loszuwerden.

In Bartanas Film, der auf der großen Leinwand im Zeughaus Kino läuft, ist zu sehen, wie Gegenstände von oben nach unten fallen, langsam und ruhig, aber von krachendem Sound begleitet: Bibeln, Brillen, Mäntel, Judensterne, alles Repräsentationen für die Völkermorde der Vergangenheit, ob Holocaust oder der Genozid an den Armeniern. Das symbolische Loslassen der Gegenstände im Film soll zum Akt der Befreiung werden, für Opfer und Täter.

Identität entsteht durch Rituale

Neue Rituale sind das bindende Glied der Ausstellung, bei der 40 Künstlerinnen vor allem in den Räumen des Gorki Theaters und im Palais am Festungsgraben ausstellen. Ein Ritual des neu Erzählens liefert zum Beispiel die Künstlerin Grada Kilomba. Ihre Videoinstallation „Illusions Vol. I“ war bereits bei der Berlin Biennale zu sehen.

Für den Herbstsalon hat sie ein neues Kapitel hinzugefügt: „Antigone“. Kilomba hinterfragt in ihrer Serie die Grundstrukturen griechischer Erzählungen und weist auf geschlechtsspezifische und rassistische Machtverhältnisse hin. Angefangen damit, dass die Schauspielerinnen, die Kilomba in den Videos auftreten lässt, schwarz und weiblich sind; die Künstlerin selbst kommentiert den antiken Stoff mit eignen Worten und aus feministischer Sicht.

In dieser Arbeit verbinden sich bildende Kunst und Theater. Der interdisziplinäre Ansatz ist eines der großen Anliegen des Festivals. So sind auch Kunstwerke von Mitarbeiterinnen des Gorki Theaters Teil der Ausstellung, etwa die berührende Installation „Souvenirs“ von Hausregisseur Hakan Savaş Mican oder die grandiosen Zeichnungen von Ensemblemitglied Lea Draeger, die im Erzählen ihrer katholisch geprägten Familiengeschichte auch die Themen Papstverehrung und Hexenjagd aufgreift.

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Schwarze Sexarbeiterinnen aus Kapstadt

Das Thema Hexenjagd als Mittel patriarchaler Machterhaltung, klingt in vielen Arbeiten an, auch in der Installation „Witch Hunt III“ von Delaine Le Bas, gegenwärtig wohl eine der bekanntesten Künstlerinnen mit Roma-Wurzeln. In einem Zelt aus weißen Stoffbahnen thematisiert die britische Künstlerin die Ausgrenzung der Roma-Community.

Auch in der dreitägigen Konferenz, die als Auftakt des Herbstsalons stattfindet, soll diskutiert werden, wie marginalisierte Positionen einbezogen werden können – ohne sich gleich in neue Zugehörigkeitsschablonen drücken zu lassen.

Damit der theoretische Begriff „Intersektionalität“ auch praktisch fruchtbar gemacht werden kann, sind Teilnehmerinnen wie Ethel Brooks aus New York eingeladen. Die Professorin für Women’s und Gender Studies und Soziologie an der Rutgers Universität in den USA, war auch daran beteiligt, das digitale "Rom Archive" zur Kultur der Sinti und Roma ins Leben zu rufen.

Brooks berichtet davon, wie Wissenschaft und Kunst zusammenwirken können. Die theoretische Untersuchung der Begriffe sei wichtig, so Brooks, aber Wissen brauche auch Aktivismus, um wirksam zu werden.

[Ausstellung Eröffnung Sa 26.10., 20.30 Uhr, bis 17. 11., Mo-Fr 16-22 Uhr, Sa/So 12-22 Uhr, Maxim Gorki Theater, Palais am Festungsgraben, Zeughauskino und andere Orte; Konferenz 25.-27.10., Infos unter berliner-herbstsalon.de]

Mit „Romani Triangle Walking Tours“, Spaziergänge zu Orten der Roma-Community, die sie etwa wie London organisierte, träfen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen aufeinander.

Ähnliche Überlegungen finden sich im Werk der Künstlerin Candize Breitz. Von ihr ist unter anderem die Videoinstallation „TLDR“ zu sehen, bei der schwarze Sexarbeiterinnen aus Kapstadt Sichtbarkeit einfordern, indem sie Pappschilder hochhalten und ihre Geschichte erzählen.

Breitz befragt mit diesem Film auch ihre eigenen Privilegien. Kann sie als Berliner Künstlerin marginalisierte Gemeinschaften bei deren Ruf nach sozialer Gerechtigkeit unterstützen? Komplexität und Uneindeutigkeit gehört jedenfalls dazu, auch das ist eine Botschaft der Schau.

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