"Im Herzen der Gewalt" von Thomas Ostermeier : Über die Schmerzgrenze

Schwuler Sex, Ehre und Klassenkampf: Thomas Ostermeier bringt Édouard Louis’ „Im Herzen der Gewalt“ auf die Schaubühne.

Am Tatort. Christoph Gawenda (als Polizist, li.), Laurenz Laufenberg (als Édouard) und Renato Schuch (als Reda).
Am Tatort. Christoph Gawenda (als Polizist, li.), Laurenz Laufenberg (als Édouard) und Renato Schuch (als Reda).Foto: Lieberenz/bildbühne.de

Romane auf der Bühne – muss es denn unbedingt sein? Oft hat man sich schon gefragt, ob es zwingend ist, eine erzählerische Prosa in Theaterform zu bringen, oder ob sich der Regisseur bloß bequemerweise sein eigenes Stück zusammenbastelt, unter anderem Namen. Und wo die Dramatiker bleiben.

Bei Édouard Louis sieht die Sache etwas anders aus. Sein Roman „Im Herzen der Gewalt“ besitzt, wie meist bei den Franzosen, eine rhetorische Anlage, er lebt von den Stimmen, die das Echo einer schlimmen Nacht widergeben – von der Stimme des Autors, der von einer Vergewaltigung berichtet, von einer „Nahtoderfahrung“, wie ein Arzt sie ihm bescheinigt. Es handelt sich um eine Geschichte von Sex und Demütigung, Anziehung und Vorurteil, Rassismus und Klassenverhalten.

Édouard Louis, heute 25 Jahre alt, ist ein Schüler von Didier Eribon. Sie haben das in Frankreich virulentere Thema der sozialen Klassen wieder ins Bewusstsein gehoben, neu formuliert: Eribon führt es in seinem Bestseller „Rückkehr nach Reims“ aus, den Thomas Ostermeier im letzten Jahr auf die Schaubühne brachte und womit er dieses Jahr zum Theatertreffen eingeladen war.

Schwul sein und ein Aufsteiger – das doppelte gesellschaftliche Stigma hilft, den Blick auf die Verhältnisse zu schärfen. Louis hat die Gabe des talentierten Schriftstellers mit Sinn für Timing, für die dramatische Situation, den Kern des Konflikts. Eribon wiederum sitzt am Ende wieder in dem soziologischen Jargon fest, der ihn von seiner Familie unterscheidet, mit dem er sich abgepanzert hat gegen seine Herkunft aus dem bildungsfernen Arbeitermilieu, das sich jetzt auch rechtslastig und ressentimentbeladen zeigt.

Ostermeiers Inszenierung ist klar und intensiv

Thomas Ostermeiers Inszenierung ist klar und intensiv, treffender als seine Lesart der „Rückkehr nach Reims. Sie erinnert an seine frühen Arbeiten damals in der DT-Baracke, an „Shoppen & Ficken“ oder „Messer in Hennen“. Deshalb stellt sich die Frage gar nicht, was Louis und sein Buch „Im Herzen der Gewalt“ auf der Bühne zu suchen haben. Es gehört da hin mit seinem brutalen Melodram, das in Paris abläuft, am Weihnachtsabend.

Die Spielfläche (Ausstattung: Nina Wetzel) bleibt bis auf einige wenige unabweisbare Requisiten – Bett, Kühlschrank, Sessel – leer. Mit dem Handy werden signifikante Szenen gefilmt, und auch mal ein Close-up. Spärlich auch die Musik, auch wenn an der Seite ein veritables Schlagzeug aufgebaut ist. Der Drummer Thomas Witte setzt dezent Akzente, verlagert den Rhythmus. Damit entsteht eine gewisse nervöse Grundspannung.

Es ist eben auch ein Kriminalfall, den die vier Schauspieler hier verhandeln. Vergewaltigung, Diebstahl, möglicherweise versuchter Mord: Édouard hat Reda in seine Wohnung mitgenommen, Reda hat ihn auf der Straße angesprochen, angemacht. Reda stammt aus Nordafrika, macht illegale Jobs, und der Student Édouard macht auf bürgerlich-vornehm, kultiviert sein Anderssein.

Wie Édouard seine Geschichte gegen die Version der Polizei, der Mediziner, der Angehörigen und vor allem gegen seinen Sexpartner und Peiniger Reda verteidigt, das macht den Reiz aus. Der Kampf um erzählerische Hoheit bedeutet nichts anderes als das Ringen um Identität und Würde. Wie man weiterlebt.

Ostermeier macht die Schwester größer als sie im Buch ist

Laurenz Laufenberg – er sieht Édouard Louis ähnlich wie ein Zwillingsbruder – spielt den Jungen sympathisch, naiv, von betörender Unsicherheit. Als es ernst wird, bricht seine Arroganz durch, das Herunterschauen auf den Fremden, das Paternalistische der Bourgeoisie, zu der er gar nicht gehört. Renato Schuch kommt mit entwaffnendem Charme an, der ohne Vorwarnung in Aggression und Hass umschlägt, Selbsthass. Schwulsein passt nicht zu seinem traditionellen Verhaltenscode. Ist er ein Killer? Hat er die Attacke geplant oder übernimmt ihn später erst die dunkle Energie?

Thomas Ostermeier zeigt präzise gelernte und vorgeschützte Verhaltensweisen, ohne sie zu denunzieren. Am besten ist das bei Édouards Schwester zu sehen: Alina Stiegler marschiert als Provinzschönheit auf, raucht Kette, beachtet ihren dumpfen Biertrinker von Ehemann nicht und hat sich anscheinend mit der Tatsache arrangiert, dass sie zu schlau ist und zu attraktiv für ihr deprimierendes Leben. Sie durchschaut ihren Bruder, ist von ihm genervt, leidet mit ihm. Ostermeier macht sie größer, als sie im Buch ist, und das tut der Dramaturgie gut. Sie ist fast ständig da, stiftet Unruhe, stellt stumme Fragen. Christoph Gawenda erledigt den Rest: Polizist, Krankenpfleger, Schwager, Penner und – so trist wie komisch – die Mutter, die im Altenheim putzt.

Auch wenn der zweistündige Abend eine Tendenz zur Harmonisierung hat, zum Abfedern der Schläge, auch wenn die letzte Härte fehlt – „Im Herzen der Gewalt“ konzentriert sich auf die Menschen und ihre Existenz in der Enge, die bestimmt ist von Ehrbegriffen, Ehrgeiz und unwiderstehlichem Begehren. So sieht man das im Theater selten.

Vorstellungen wieder am 20. und 21. Juni sowie vom 1. bis 4. Juli.

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