• Isabel Allende, Frank Schätzing, Robert Seethaler: Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Isabel Allende, Frank Schätzing, Robert Seethaler : Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Der Literaturkritiker Denis Scheck bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“.

Literaturkritiker Denis Scheck, 53.
Der Literaturkritiker Denis ScheckFoto: Oliver Schmauch

10.) Volker Klüpfl Michael Kobr: Kluftinger (Ullstein Verlag, 476 Seiten, 22 €.)

Der neue Kluftinger-Krimi, schon der zehnte, verrät nicht nur die Vornamen des Kommissars – Adalbert Ignatius heißt er –, sondern führt in die überraschend bewegte Jugend des bräsigen Allgäuers. Obendrein inszenieren Klüpfl und Kobr zum Jubiläum sogar ein Zusammentreffen Kluftingers mit Jörg Maurers genialem Kult-Kommissar Jennerwein: quasi King Kong meets Godzilla auf Bayrisch. Nicht dumpf, einfach sehr deutsch – und sehr vergnüglich.

9.) Maja Lunde: Die Geschichte des Wassers (Deutsch von Ursel Allenstein, btb, 480 Seiten, 20 €.)

Waldsterben, Klimaerwärmung, Plastikmüll: Wir Deutschen lassen uns schrecklich gern ins Bockshorn jagen, die berühmte German Angst. Die Norwegerin Maja Lunde bewirtschaftet diesen nationalen Hau von uns Deutschen inzwischen recht auskömmlich und hat auf ihren Roman über das Bienensterben nun einige moralinsaure Erzählungen über die Folgen des verheerenden Treibens von uns Klimaferkeln folgen lassen. Leider hat Lunde ihre Prosa zu nah am Wasser gebaut: So richtig die Botschaft ihres Buches sein mag, so staubtrocken ist seine Schulmeisterei.

8.) Karin Slaughter: Ein Teil von mir (Deutsch von Fred Kinzel, HarperCollins, 608 Seiten, 19,99 €.)

Da geht man mit seiner krebskranken Mutter mal in einer Shopping Mall frühstücken, als ein Amokläufer zwei Menschen erschießt und Mutti diesen routiniert abmurkst. Tochter Andrea kommen daraufhin Zweifel, wer ihre Mutti Laura wirklich ist. Aber wir Leser wissen längst, dass wir mal wieder in einem dumpfen Gewaltporno der unwandelbaren Karin Slaughter gelandet sind, die mit den Gestaltungsmitteln eines Vorschulkindes quälend langweilige Bum- Bum-Literatur schreibt.

7.) Jojo Moyes: Mein Herz in zwei Welten (Deutsch von Karolina Fell, Wunderlich, 592 Seiten, 22,95 €.)

Jede Zeit produziert ihren eigenen Kitsch. Wer sich durch die fast 600 Seiten dieses Dummerchen-in-Amerika- Schmökers gequält hat, kann sich bei den Nachgeborenen nur entschuldigen: Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut der Prinzessin-Lillifee-Püppchen, der Diddlmäuse und Jojo-Moyes-Romane, in der wir untergegangen sind, gedenkt unserer mit Nachsicht.

6.) Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen (Deutsch von Ursel Allenstein, btb, 512 Seiten, 20 €.)

In einem Erzählbogen, der vom 19. Jahrhundert bis ans Ende des 21. Jahrhunderts reicht, erzählt Maja Lunde zwar konventionell, aber unterhaltsam vom Leben mit und ohne Bienen.

5.) Maxim Leo/Jochen Gutsch: Es ist nur eine Phase, Hase (Ullstein, 144 S., 12 €.)

Wenn erwachsene Männer aus heiterem Himmel plötzlich mit Marathonlaufen, Biken oder Kitesurfen anfangen, dann setzt nach Diagnose von Leo und Gutsch die „Alterspubertät“ ein. Humor ist ja bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. So lustig die Grundidee, so schwerfällig die Umsetzung. Das permanente Schielen auf den Mainstream führt zu Dauergewitzel auf Stammtischniveau.

4.) Isabel Allende: Ein unvergänglicher Sommer (Suhrkamp Verlag, Deutsch von Svenja Becker, 350 Seiten, 24 €.)

Gewiefte Erzählerin, die sie ist, verkettet Allende die Schicksale dreier Figuren in Brooklyn durch einen Autounfall, bei dem eine Leiche im Kofferraum zum Vorschein kommt: Richard ist ein verknöcherter Professor, Evelyn stammt aus Guatamala und arbeitet illegal als Kindermädchen, Lucia ist einst vor Pinochet aus Chile geflohen und nun als Gastdozentin nach New York zurückgekehrt. „Sie wollte einen, mit dem sie den Sonntagvormittag zeitunglesend im Bett verbringen, im Kino Händchen halten, herumalbern und Gedanken austauschen konnte. Die Begeisterung für flüchtige Abenteuer lag hinter ihr“, schreibt Allende zu Anfang ihres Romans. Muss erwähnt werden, dass Lucia am Ende des Romans mit Richard am Sonntagmorgen im Bett liegt und genüsslich Zeitung liest? Und genau so wie ein faul im Bett verbrachter Sonntagmorgen ist auch dieser Roman: Man tut zwar nichts für seine intellektuelle Fitness, aber zum Ausspannen lässt sich kaum Besseres denken.

3.) Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann (Dumont, 320 Seiten, 20 €.)

Die Wirklichkeit ist bunter, vielfältiger und überraschender, als es auf den ersten Blick scheint. Diese grundsympathische Arbeitshypothese hat Lekys Roman über ein Dorf im Westerwald dank der Empfehlungen der deutschen Buchhändlerinnen und Buchhändler zum Bestseller des Jahres gemacht. Leky lässt in diesem Buch die Zügel ihrer Fantasie schießen und schafft es dank ihres disziplinierten Schreibstils, der deutschen Provinz ein wenig von der Magie von Gabriel Garcia Marquez’ Macondo einzuhauchen.

2.) Frank Schätzing: Die Tyrannei des Schmetterlings (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 734 Seiten, 26 €.)

Mit der Witterung eines Bluthunds schafft es Frank Schätzing, Themen aufzugreifen, die unser aller Leben in naher Zukunft bestimmen werden. In „Die Tyrannei des Schmetterlings“ beschäftigt sich Schätzing mit Paralleluniversen und der Frage, was ein künstliche Intelligenz entwickelnder Computer eigentlich von uns, seinen Schöpfern halten würde. Ein intellektuelles Abenteuer, das mich insbesondere durch die Sprache beeindruckt hat, mit der Schätzing einen sich seiner selbst bewusst werdenden Supercomputer beschreibt.

1.) Robert Seethaler: Das Feld (Verlag Hanser Berlin, 239 Seiten, 22 €.)

Ich lese unter anderem deshalb Literatur, weil ich wissen möchte, was die Menschen zu sagen haben, die auf dem Friedhof liegen. Robert Seethaler macht dies in seinem neuen Roman zum erzählerischen Prinzip und lässt die Menschen auf einem Dorffriedhof die ungeschönte Bilanz ihres Lebens ziehen. Selten war ein Totentanz unterhaltsamer!

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