• Jafar Panahis Roadmovie „Drei Gesichter“: Auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen

Jafar Panahis Roadmovie „Drei Gesichter“ : Auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen

Der Regisseur als Chauffeur: Jafar Panahis Roadmovie „Drei Gesichter“ über die Eigenarten der ländlichen Bevölkerung im Iran.

Gemeinsam unterwegs. Behnaz Jafari, Marziyeh Rezaei und Jafar Panahi im archaischen Norden Irans.
Gemeinsam unterwegs. Behnaz Jafari, Marziyeh Rezaei und Jafar Panahi im archaischen Norden Irans.Foto: Jafar Panahi Film Production

Je stärker die Bevölkerungsdichte in strukturschwachen Regionen abnimmt, desto unkonventioneller organisiert sich mitunter das Zusammenleben der Menschen. In ländlicher Abgeschiedenheit kann die rustikale Mischung aus Pragmatismus und einem gesunden Misstrauen gegenüber jeder Form von Obrigkeit erst so richtig gedeihen. Das Phänomen ist im türkischsprachigen Norden des Iran genauso anzutreffen wie in der bayrischen Provinz oder im mittleren Westen der USA. Wo sich soziale Milieus dem Einfluss staatlicher Autorität schon rein geografisch entziehen (auch weil die Politik schlicht das Interesse verloren hat), übernehmen alltagserprobte Regeln und Rituale die Aufgaben einer öffentlichen Ordnung. Nur heißen diese Regelwerke nicht mehr Gesetz, sondern werden stattdessen mit verklärenden Begriffen wie Tradition legitimiert. Und natürlich sind sie eine Erfindung von Männern.

Junge Frauen gelten in diesen Gemeinschaften als unehrenhaft, wenn sie Schauspielerinnen werden möchten. Sie dürfen auch keine körperliche Arbeit verrichten, etwa dabei helfen, die Infrastruktur in den unwegsamen Bergregionen des Irans zu verbessern. Stattdessen denken sich die Männer komplizierte Morsecodes mit Autohupen aus, um den Verkehr auf einem einspurigen Bergpass zu regeln. Das Hupsignal unterliegt wie alles gesellschaftliche Leben männlicher Willkür. Das absurdeste Bild dieses archaischen Patriarchats aber ist der Zuchtbulle des Dorfes, für den die Bauern aus dem Umland mit ihren Kühen anreisen. Einmal lässt der sich mitten auf der einzigen Zufahrtsstraße nieder und legt so den Verkehr lahm.

Die Übergänge von Wirklichkeit und Fiktion verlaufen fließend

Jafar Panahi beobachtet in „Drei Gesichter“, seinem vierten Film, seit das iranische Regime ihm 2010 ein Berufsverbot erteilte, die Eigenarten der ländlichen Bevölkerung mit amüsierter Distanz. Der iranische Regisseur ist in der Region aufgewachsen, die persönliche Verbundenheit schafft eine Vertrauensbasis: Die Älteren erkennen an seinem Dialekt sofort, dass Panahi von hier stammt. An seinem Geburtsort zu drehen, hat aber auch praktische Gründe. So kann er sich dem Zugriff der staatlichen Organe entziehen und unbehelligt arbeiten. Der Dissident genießt abseits der Metropolen dieselben Vorteile wie die Männer des Dorfes mit ihren traditionellen Rollenbildern.

Die Übergänge von Wirklichkeit und Fiktion verlaufen in den letzten Filmen Panahis fließend, was bei einem Regisseur, der in der Illegalität arbeitet, zwangsläufig den Umständen geschuldet ist. Panahi spielt sich in „Drei Gesichter“ also wieder selbst, er genießt aufgrund seiner Geschichte inzwischen sogar eine bescheidene Prominenz, die die Menschen, denen er begegnet, aber immer wieder konterkarieren. Man kennt sein Gesicht, obwohl Panahis Filme nur den wenigsten Iranern bekannt sein dürften. Diesmal wird er jedoch von seiner Begleiterin in den Schatten gestellt. Behnaz Jafari, die sich ebenfalls selbst spielt, ist in ihrer Heimat ein Film- und Fernsehstar, selbst in der Provinz wird sie auf der Straße angesprochen. Panahi begnügt sich mit der Rolle des Chauffeurs, es ist auch nicht seine Mission, die die beiden in die entlegene Bergregion geführt hat.

Panahi überlässt den Frauen die Bühne

Jafari hat von der jungen Marziyeh ein Handyvideo erhalten, in dem diese verzweifelt ihren Selbstmord ankündigt, weil die Familie ihr verbietet, die Schauspielschule zu besuchen. Das Filmchen endet mit einem abrupten Schnitt, als sich die Schlinge um den Hals des Mädchens zuzieht. Panahi hält das Video für fingiert, es sieht ihm zu professionell aus. Doch er willigt ein, seine aufgewühlte Kollegin zu begleiten, um das Schicksal von Marziyeh zu klären. Im Dorf angekommen merken sie bald, dass das verschwundene Mädchen hier als Persona non grata gilt. Die Dörfler haben in der Vergangenheit bereits ihre Erfahrungen mit eigensinnigen Frauen gemacht: In einer einsamen Berghütte lebt die Dichterin Shahrzad, ein Star des vorrevolutionären Kinos, die von den Männern aus der Gemeinschaft verbannt wurde. Als Panahi und Jafari das Elternhaus Marziyehs aufsuchen, rastet der ältere Bruder aus, wird aber von der resoluten Mutter vor die Tür gesetzt.

Panahi beweist als stiller Beobachter dieser sozialen Dynamik die Großzügigkeit, den Frauen die Bühne zu überlassen. „Drei Gesichter“ gehört den drei Generationen von Schauspielerinnen, von denen nur Shahrzad, die Panahi aber erlaubte, ihren Namen zu benutzen, nie zu sehen ist. Sie taucht nur einmal schemenhaft im Dämmerlicht ihrer Hütte auf, tanzend. So wie auch die Erinnerung an ihre Filme – und an eine Zeit, in der Frauen wie selbstverständlich das Bild des säkularen Iran prägten – im Lauf der Jahrzehnte immer unschärfer wurde. Bewundernswert ist dabei die Souveränität, mit der es Panahi gelungen ist, sich aus seiner anfänglichen – und zu einem gewissen Grad auch selbst gewählten – Isolation in „Dies ist kein Film“ (2011) und „Closed Curtain“ (2013) zu befreien und sein persönliches Schicksal heute in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Wenn es angesichts der Umstände nicht so frivol klänge, könnte man fast den Eindruck gewinnen, dass Panahi nie gelassener und selbstironischer war. Er bedient sich der Dramaturgie einer Detektivgeschichte, wie auch schon „Taxi Teheran“ das Genre des Roadmovies adaptierte, um mit seinen mäandernden „Ermittlungen“ das soziale Panorama an der Peripherie der iranischen Gesellschaft zu konturieren. Damit positioniert sich „Drei Gesichter“ in Panahis Werk als komödiantisches Gegenstück zu seinem klaustrophobischen Paranoiadrama „Crimson Gold“ von 2003. Der Gesellschaftsanalytiker Panahi scheint am äußersten Rand der (mutmaßlich) modernen Zivilisation das Grundübel entdeckt zu haben. Es wird symbolisiert von einem Gastgeschenk, das ihm einer der Dorfältesten zum Abschied mit auf den Weg gibt: die beschnittene, in Salzlake eingelegte Vorhaut seines Sohnes. Ein bizarrer Glücksbringer, für den das Kino heute glücklicherweise keine Verwendung mehr hat.

Ab Mittwoch in den Berliner Kinos b-ware!, Delphi LUX, FT am Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei; OmU im fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe Kino, Moviemento, Rollberg, Wolf

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