"Jedermann" im Kloster Neuzelle : Dein Gepäck, schenk es weg

Mehr Volksoper als Musical: Peter Lunds „Jedermann“ im Kloster Neuzelle setzt den Tod als Weltenherrscher ein.

Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Der wahre Weltenlenker Tod (Sophie Catherin), zeigt Jedermann (Reuben Scott Walker), wo’s langgeht.
Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Der wahre Weltenlenker Tod (Sophie Catherin), zeigt Jedermann (Reuben Scott Walker), wo’s...Foto: Bernd Geller

Erster! In dieser Festspielsaison sind sie im kleinen Neuzelle mit der „Jedermann“-Premiere früher dran als im großen Salzburg. Dort werden sich am Sonntag wohl wieder die Gemüter erregen, wenn Michael Sturmingers letztjährig schon aufgeführte, stark modernisierte Fassung von Hugo von Hofmannsthals Klassiker den Hauptdarsteller Tobias Moretti in die Psychiatrie schickt.

Im weltoffenen Brandenburg dagegen wird eine komplett neue Version am Donnerstagabend ohne Murren geschluckt, ja sogar mit Jubel und anhaltendem Applaus bedacht. Und das liegt nicht nur an der Erleichterung darüber, dass der Schnürlregen über dem Kloster Neuzelle am späten Nachmittag aufhört und die Premiere von „Jedermann – ein Musical vom Sterbenlernen“ im stimmungsvollen Kreuzhof des teils gotischen, teils barocken Gemäuers stattfinden kann.

Weiße Schuhe, lila Anzug, eine grasgrün gerüschte Hemdbrust – dieser heiße Dirigentenlook darf Schule machen. Zumal der 1994 geborene Valentin Egel, der wie üblich bei diesem Sommerfestival vom Dirigentenforum des Deutschen Musikrats ausgewählte musikalische Leiter, und das 20-köpfige bulgarische Kammerorchester mit den besten Job des Abends machen. Wunderbar, wie differenziert sie Wolfgang Böhmers detailreicher Partitur die Bühne bereiten, zumal die Akustik des vom museal genutzten Kreuzgang umschlossenen Hofs dem Orchesterklang freundlicher gesinnt ist als den Gesangsstimmen.

Peter Lund und Wolfgang Böhmer sind ein erprobtes Team

Die zehn Sängerinnen und Sänger der Oper Oder Spree versteht nur gut, wer in der Gesangsrichtung sitzt. Das ist schade, denn zum 20. Bestehen des von der Stiftung Stift Neuzelle und der Burg Beeskow getragenen Festivals kann sich der Gesangsnachwuchs, der dort auch an einem internationalen Opernkurs teilnimmt, zur Abwechslung mal an zeitgenössischen Texten abarbeiten. Texter Peter Lund ist Musicalprofessor an der Universität der Künste zu Berlin und hat mit Komponist Wolfgang Böhmer schon mehrfach großartige Musiktheaterstücke herausgebracht, zuletzt „Stella – das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“. Das packende Musical über die Gestapo-„Greiferin“ Stella Goldschlag nimmt die Neuköllner Oper am 4. Oktober zum dritten Mal wieder auf.

Umstellt. Der Kreuzhof des Klosters Neuzelle während einer Aufführung der Oper Oder Spree.
Umstellt. Der Kreuzhof des Klosters Neuzelle während einer Aufführung der Oper Oder Spree.Foto: Bernd Geller

Ein Stich Neuköllner Oper blitzt auch in der Inszenierung von Rainer Holzapfel auf. Aus der Not des schmalen Budgets macht er die Tugend einer puristischen Kostümierung und Ausstattung und lässt das Ensemble auf der T-förmigen Bühne mit transportablen „Jedermann“-Leuchtbuchstaben hantieren. Bühnenleute einsparen und (Schein-)Dynamik herstellen, indem die Darsteller selbst den Minimalumbau besorgen, das machen sie auch in Neukölln gern. Und für den Fall, dass einer angesichts der völlig neu gewichteten Figurenkonstellation des auch im Berliner Dom jahrelang durchgenudelten „Jedermann“ verwirrt ist, schadet es nichts, wenn der Stücktitel auf der Bühne steht. Dem noch ein wenig unterentwickelten darstellerischen Charisma des stimmlich soliden Ensembles hülfe Schauspielerführung aber mehr als Geräume.

Jedermann wendet sich vom Götzen Mammon ab und hin zum christlichen Glauben, er tut fortan Gutes: Lunds Version der aus mittelalterlichen Mysterienspielen hervorgegangenen, vielfach bearbeiteten Geschichte einer Läuterung war bereits 2014 in Erfurt zu sehen. Als auf den Domstufen aufgeführte Rockoper, die Wolfgang Böhmer nun für den lauschigen Neuzeller Kreuzhof als kammermusikalische Volksoper und eben nicht als Musical neu bearbeitet hat, was toll funktioniert. Der Clou der betont säkularen Lund-Version: Der Tod hat nicht nur das letzte, sondern auch das erste Wort, das noch bei Hofmannsthal Gott gebührt. Oder wie es in einer Arie heißt: „Der Tod ist mir ein liebes Ding, weil er uns so zum Leben zwingt.“ Er ist der wahre Weltenlenker, der Ansager, genauer: die auch mal „Seid ihr gut drauf?“ schreiende Spielmacherin.

Barocke Saufgelage dekadenter Prasser? Fehlanzeige.

Die mit einem warmen Mezzosopran gesegnete Französin Sophie Catherin spielt sie als Conférencieuse mit Stock und Zylinder. Das ist charmant, könnte aber (durchaus auch erotisch) abgründiger sein. Auch der verführerische Tod bleibt schließlich ein Sensenmann, äh, ein Sensenweib. Kein Wunder, dass der blass ausfallende Titelheld des Baritons Reuben Scott Walker nur einmal so richtig Angst hat. Als ihm die Conférencieuse mittels zweier mit Sand gefüllter Plastikflaschen wenig subtil, aber wirkungsvoll den Ernst der unerbittlich verrinnenden Lebenslage zeigt. Das ist eine Freude spendende Einlage, die verdeutlicht, dass Rainer Holzapfels Verweigerung der bei volkstümlichen „Jedermann“-Aufführungen üblichen barocken Saufgelage dekadenter Prasser als Regiekonzept nicht genügt.

Doch im Text steckt Überraschung, ja Revolte. Jedermanns Geliebte Buhlschaft – sonst eine röckeraschelnde Trophäe mit fünf Sätzen – heißt Liebste, trägt Jeans, ist heiratsscheu und traut weder dem Geld noch Gott über den Weg. Die frische, in den Höhen etwas indisponiert wirkende Sopranistin Sophie Antoinette Mödig verkörpert eine im Stück bis dato unbekannte Allegorie, die der Aufklärung. Trost spendet dem Sterbenden am Ende eine traditionelle Figur, „Werke“ genannt. Im Walzertakt empfiehlt Kristina Jean Hays’ sehr hübsche Arie: „Leicht sollst du sein. Auf deiner Reise nutzt kein Gepäck, gib’ es her, schenk’ es weg.“ Er kann so areligiös ausfallen, wie er will, Gott sei Dank bleibt der „Jedermann“ ein Erbauungsstück.

Weitere Vorstellungen: Kreuzhof Kloster Neuzelle: 21., 26.-28. Juli, Burghof Burg Beeskow: 2./3. August. Informationen zur Oper Oder Spree und zum Kloster Neuzelle: www.operoderspree.de, www.750jahre-klosterneuzelle.de, www.neustart.zisterzienserkloster-neuzelle.de

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