"Kannawoniwasein" von Martin Muser : Kuh im Cabrio

Schön turbulent: Martin Musers zweite „Kannawoniwasein!“–Geschichte, "Manchmal fliegt einem alles um die Ohren".

Neue unglaubliche Abenteuer von Finn und Jola.
Neue unglaubliche Abenteuer von Finn und Jola.Foto: Carlsen Verlag

Manchmal muss man einfach zweimal hinschauen, um so einen Titel entziffern und verstehen zu können: „Kannawoniwasein!“ heißen die zwei Bücher über seine zehn Jahre alten Helden Finn und Jola, die der Berliner Drehbuchautor Martin Muser vermutlich zu einer ganzen Reihe ausbauen wird. „Manchmal fliegt einem alles um die Ohren“ [Carlsen Verlag, Hamburg 2019. 160 Seiten. 12€. Ab zehn Jahren]ist das neue Abenteuer von Finn und Jola untertitelt, die sich seinerzeit, nämlich im ersten Band, auf recht seltsame Weise kennengelernt haben.

Finn will mit dem Regionalzug von Neustrelitz nach Berlin, wird aber vom Schaffner einkassiert und in Oranienburg aus dem Zug geworfen und der Polizei übergeben. Finn ist allein, zu jung und überdies ohne Fahrkarte, nachdem er im Zug beklaut worden war. In Oranienburg soll er dann auf die Wache, doch bevor er da landet, kracht ein Transporter in den Polizeiwagen. Während einer der zwei Polizisten „Kannawoniwasein!“ ruft, also:  „Das kann ja wohl nicht wahr sein“ auf Hochdeutsch, lernt Finn ein Mädchen mit wuscheligen Haaren kennen, das mit ihrem Onkel Wojciech in dem Transporter sitzt: Jola. Sie stellt sich ihm so vor: „Also genau genommen heiß ich Jolanta. Aber das klingt immer so nach Tante“. Jola animiert Finn, gemeinsam zu verduften, und in Folge geraten beide von einer Turbulenz in die nächste, bis sie die „Tzitti“ erreichen, Berlin. Auch Brandenburg kann ziemlich wild sein, wie man schon in  Wolfgang Herrndorfs Roadroman „Tschick“ gelernt hat.

Auch Brandenburg kann ziemlich wild sein

Im Vergleich zum Vorgänger geht es nun in der zweiten Finn-und-Jola-Geschichte vergleichsweise ruhig zu. Beide verbringen eine Woche ihrer Ferien gemeinsam in Polen, in dem kleinen, früher „Zehden“ geheißenen Örtchen Cedynia, „gleich hinter der Grenze an der Oder. Nur anderthalb Stunden mit dem Auto von Berlin entfernt“, auf dem Bauernhof von Jolas Großeltern Babcia und Dziadek.

Sie haben also einen Ruhe- und Fluchtpunkt – doch auch in Cedynia ist einiges los. Da will etwa das Rätsel des seltsamen Pakets gelöst sein, das Wojciech an einer Tankstelle entgegennimmt, da gilt es, eine Floßfahrt auf der Oder zu überstehen, da muss ein junger, kleiner Bulle wieder eingefangen werden (eine der lustigsten Szenen, wie dieser mit allen vieren in ein Cabrio springt), und da heißt es vor allem, die Großstadt-Rabauken Bosse und Lasse zu bekämpfen, die Finn, Jola und ihrem Freund Antek übelwollen.

Man merkt auch in diesem „Kannawoniwasein!“-Band, dass Muser sein Handwerk beim Fernsehen gelernt hat. Er schreibt bildstark, seine Settings sind gut und jeder Dialog sitzt wie angegossen. Gerade Jola, die selbstbewusster, draufgängerischer als Finn ist, läuft häufig zu Hochform auf, zum Beispiel wenn sie sich immer wieder unerschrocken mit Lasse und Bosse anlegt: „Wisst ihr, was ihr seid? Ihr seid Banausen! Banausen aus Arschlochhausen.“

Muser hat sein Handwerk beim Fernsehen gelernt

Aber auch auf leisere Töne versteht sich Muser, gerade auf das Innenleben des zart besaiteten Finn, der erstmals ein paar Schmetterlinge im Bauch herumschwirren spürt, und da macht es fast gar nichts, dass Finn als Einzelkind geschiedener Eltern auch eine arg typische Kinder- und Jugendbuch-Problembiografie hat, ohne die es anscheinend nie geht.

Nebenher kümmert sich Muser noch um die deutsch-polnische Völkerverständigung. Jolas Großeltern kochen polnische Spezialitäten, Jola bringt Finn polnische Wörter bei, er bekommt Geschichtsunterricht, und im Anhang findet sich ein Wörterbuch, in dem etwa Buchstaben erklärt werden, die das deutsche Alphabet nicht hat. Oder erklärt wird, dass man in Polen gern verniedlicht und Koseformen gebraucht. Nur dass Lasse und Bosse sich mit Polen-Böllern eindecken, illegalen, versteht sich, ist etwas klischeehaft.

Am Ende, so gehört sich das, wird alles gut, auch weil man sich bei der Lektüre keine Sekunde gelangweilt hat. Sicher schreibt Martin Muser schon am nächsten Finn-und-Jola-Band, der dann vielleicht mit „Kannawowasein!“ überschrieben ist.

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