Karl Hagemeister im Auktionshaus Ketterer : Grüner als die Natur erlaubt

Die Berliner Dependance von Ketterer Kunst und das Museum Potsdam kooperieren für ihre Ausstellungen über Karl Hagemeister.

Hagemeisters „Herbstwald“ (1899) hängt als Leihgabe des Potsdam Museums im Auktionshaus Ketterer.
Hagemeisters „Herbstwald“ (1899) hängt als Leihgabe des Potsdam Museums im Auktionshaus Ketterer.Potsdam Museum

Schon im Bröhan-Museum war 2017 diese eigenartige Fotografie zu sehen: Der Maler Karl Hagemeister dreht sich mit selbstbewusstem Blick und Palette in der linken Hand zu seinem Kollegen Hermann Hirzel, der ihn mit der Kamera porträtiert. Irritierend an dem Motiv, das damals die Ausstellung über Hagemeisters Landschaftsgemälde begleitete und nun im Potsdam Museum – Forum für Kunst und Geschichte studiert werden kann, ist einmal die Situation. Der Künstler steht draußen im Schnee, vor sich ein halbfertiges Bild, dessen untere Kante ein Stück weit im Eis versinkt. Mindestens so sehr aber verwundert, dass Hagemeister um 1890 den Ausflug in die Natur überhaupt noch braucht. Sein Werk, dass zeitgleich in Potsdam wie in der Berliner Dependance des Auktionshauses Ketterer gezeigt wird, offenbart im besessenen Naturmaler einen mindestens ebenso genialen Konstrukteur.

Wie klug und perfekt komponiert er den Blick lenkt

Gemälde wie „Seerosen“ oder „Uferrand mit Wasserampfer“ in Potsdam, wie „Herbstwald“ und das Pastell „Märkische Uferlandschaft am Schielowsee“ bei Ketterer Kunst machen klar, womit der Künstler sein Publikum zu fesseln vermag. Wie klug und perfekt komponiert er den Blick lenkt: vom bewegten Gras über die feinen Strukturen der Blätter mit ihren differenzierten Grüntönen zu einem aufstrebenden Baum, der die Sicht auf das Wasser oder den Horizont halb versperrt. Als Konsequenz pendelt das Auge zwischen extremer Nah- und Fernsicht, wähnt sich zugleich zwischen dichter Fauna und am weiten Ufer. Schließlich impft Hagemeister die märkische Landschaft mit zarthellen Tupfen, hauchdünnem Schilf und auf dem Wasser schwebenden Seerosen, die man von eigenen Spaziergängen im Umland eher nicht kennt. Der Japonismus, die Faszination der Europäer für die japanische Kunst, scheint auch ihn im ausgehenden 19. Jahrhundert nachhaltig beeinflusst zu haben.

Impressionismus an der Spree

Mit Verismus, der akademischen Punktlandung in Nachbarschaft zum Realismus der Fotografie, hat diese Malerei nichts zu tun. Da wundert es kaum, wenn Hagemeister 1898 mit Gleichgesinnten wie Max Liebermann, Käthe Kollwitz oder Walter Leistikow die progressive Berliner Secession gründete: Es galt, den Impressionismus an der Spree vor den Anachronisten zu schützen. Vielleicht verwendete der Küstler aus Werder, der bis zu seinem Tod 1933 jagend wie malend in der Umgebung von Potsdam lebte, deshalb so viel Energie darauf, immer wieder seine Nähe zur Natur zu dokumentieren.

Bis 1884 war er gereist, nach Weimar, München, Rom oder Venedig und in Paris den französischen Landschaftsmalern begegnet. Nach seiner Rückkehr verzichtete Hagemeister auf ein Atelier. Lieber malte er im Freien, zog die Stille in Ferch oder Werder dem Moloch Berlin vor. Dennoch ließ sich der Künstler nicht allein vom „Licht, das ewig wechselt“, beeinflussen – ein Satz Hagemeisters, der der Potsdamer Retrospektive ihren Titel gab. Sein an der Fürstlichen freien Zeichenschule in Weimar klassizistisch geschulter, später individuell fortentwickelter Stil verbindet das Gesehene mit dem ästhetischen Ideal der Natur, das Hagemeister im Kopf hatte. Oder besser: im Gefühl. Stimmung und Empfindungen im Angesicht dunstiger Landschaften, sich aufbäumender Wellen oder glitzernder Sonnenflecken auf dem Wasser gehören zu den Botschaften, die Hagemeisters Motive über die Jahrzehnte anziehend machen und bis in die Gegenwart katapultieren. Dass er sich in Paris intensiv mit den Bildern von Edouard Manet beschäftigt hat, zeigt jener Mix aus erkennbaren Details und abstrakten malerischen Akzenten, die bis heute für Manets Modernität stehen. Hagemeister arbeitet ähnlich wie der Franzose, ohne ihn zu kopieren.

Eine Kooperation, die beiden etwas bringt

All das macht die beiden Ausstellungen vorbehaltlos sehenswert. Das Potsdam Museum, dessen Schau nach Schweinfurth ins Museum Georg Schäfer und weiter nach Ahrenshoop wandert, stellt die Landschaftsbilder ins Verhältnis zu Werken von Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt oder Lesser Ury, der sich dem urbanen Berlin verschrieb. Ketterer Kunst konzentriert sich auf Pastellarbeiten, von denen die meisten aus Privatbesitz stammen und selten öffentlich zu sehen sind. Dass in den Räumen des Auktionshauses mit dem großformatigen Ölgemälde „Herbstwald“ auch eine Leihgabe aus dem Potsdam Museum hängt, symbolisiert die enge Zusammenarbeit beider Häuser.

Für gewöhnlich sind museale Institutionen und Versteigerer keine nahen Partner – viel zu unterschiedlich verzweigen sich die Interessen und Strategien. Hier nun wird sichtbar, wie gut dies funktionieren kann. Verkäuflich ist keine der Arbeiten, und sicher muss Ketterer auch nicht für Hagemeister werben: Wenn etwas aus seinem Oeuvre in den Handel gelangt, reißen sich die Interessenten ohnehin um den Maler. Trotzdem wirkt die Doppelschau wie ein Verstärker: Das Museum adelt den immer noch viel zu wenig bekannten Berliner Impressionisten, während Ketterer mit seiner Auswahl für einen Besuch in Potsdam wirbt. Besser kann eine Kooperation kaum funktionieren.

„Karl Hagemeister: Das Licht, das ewig wechselt“, Potsdam Museum, Am Alten Markt 9, Potsdam; bis 5. 7., Di, Mi, Fr 10–17 Uhr; Do 10–19 Uhr; Sa/So 10–18 Uhr

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„Karl Hagemeister – Bewegte Stimmung“, Ketterer Kunst Berlin, Fasanenstr. 70; bis 6. 6., Mo–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–16 Uhr

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