Kinderbuch zu "First Nations" in Kanada : Der Zerstörung widerstehen

Grit Poppe erzählt von der systematischen kulturellen Entwurzelung der Kinder der First Nations in Kanada, die erst 1996 beendet wurde.

Heute werben die Bundesstaaten Kanadas mit der Kultur der First Nations,. wie hier in Manitoba, wo sich Ureinwohner zu einer religiösen Zeremonie treffen. Noch im 20. Jahrhundert wurde den Kindern die kulturelle Identität mit Gewalt ausgetrieben.
Heute werben die Bundesstaaten Kanadas mit der Kultur der First Nations,. wie hier in Manitoba, wo sich Ureinwohner zu einer...Foto: Travel Manitoba/dpa/gms

Zu Hause hatte sie „nachts auf einem Bärenfell gelegen, das älter war als sie selbst, viel älter…“ Jetzt ruht die neunjährige Alice Littlebird vom Volk der Cree auf einem Gestell „mit dem straffgezogenen weißen Stoff und einem Ding, das auf den ersten Blick aussah wie eine vom Himmel gefallene Wolke“. Alles ist ihr fremd. „Wieso war sie an diesem Ort? Was sollte sie hier? Wo war ihr Bruder?“ All das bewegt Alice in der ersten Nacht in diesem großen Schlafsaal der Black Lake Residential School im kanadischen British Columbia. Ihren Bruder Terry hatte die Polizei schon vor zwei Jahren hierher verschleppt.

Grit Poppe erzählt in ihrem Roman „Alice Littlebird“ [Grit Poppe: Alice Littlebird. Roman. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2020. 240 Seiten. 15 €. Ab elf Jahren] die unglaubliche Geschichte einer kulturellen Entwurzelung, wie sie seit 1876 an den Kindern der First Nations mit Gewalt in Kanada an Internatsschulen durchgezogen wurde. Zuchtmeisterin an diesem Internat in Poppes Roman ist eine Nonne, „die Rabenfrau“, wie Alice sie wegen ihrer schwarzen Tracht nur nennt, die versucht, im Namen Gottes aus den „Wilden“ gute Menschen zu machen. Als Erstes wird dem neunjährigen Mädchen der Kopf kahlgeschoren, ihre ledernen Mokassins muss sie gegen Holzschuhe tauschen. Gesprochen wird nur Englisch statt Cree. Für die Kinder ist es ein Kulturschock, kälter als ein Eimer kaltes Wasser.

Grit Poppe erzählt von einem kirchlichen Internat, an dem Kinder der First Nations systematisch mit Gewalt ihrer kulturellen Identität beraubt wurden.
Grit Poppe erzählt von einem kirchlichen Internat, an dem Kinder der First Nations systematisch mit Gewalt ihrer kulturellen...Foto: Peter Hammer Verlag

Bei jeder Gelegenheit müssen die Kinder beten. „Sie beteten in einer fremden Sprache, ahmten die Worte nach, die ihnen vorgesagt wurden. Es waren fremde Laute, die ihnen nichts sagten. Sie murmelten nach jedem Gebet Amen, obwohl sie nicht wussten, was es bedeutet.“ Im Internat ist Alice Nummer 47. Alle Kinder sind nur noch Nummern. Jegliche Persönlichkeit und Identität wird ihnen geraubt. Das Neue, das ihnen nahegebracht werden soll, verstehen sie nicht. Und dieser Mann am Kreuz mit Lendenschurz? „Wenn er euer Häuptling ist, warum kleidet ihr ihn nicht wie einen Häuptling?“, fragt sich Alice. Auch ihr Lieblingsbuch „Alice im Wunderland“ mit den schönen Bildern hatte man ihr abgenommen. Warum?

Mühsam lernt sie schreiben, doch plötzlich setzt es Schläge auf die Hand, bis sie blutet. „Wir schreiben mit der rechten Hand“, sagt die Lehrerin. „Die linke Hand ist die Hand des Teufels.“ Poppe steigert geschickt die Spannung, das Mädchen möchte mit ihrem Bruder dieser Hölle entfliehen, aber wie? Sie freundet sich mit Shirley an, die jetzt Nummer 23 heißt. Dann verschwindet Shirley, flieht über den Black Lake.

Die Natur als Gegenwelt

Poppe entwickelt daraus eine sehr spannend zu lesende Geschichte, die den Atem stocken lässt, vor allem, was das Verhalten der „Rabenfrau“ und des Paters angeht. Hinweise auf sexuellen Missbrauch finden sich, aber Poppe belässt es nur bei Andeutungen. Dass Terrorregiment kann nicht verhindern, dass den Kindern zunächst die Flucht gelingt. Wichtig ist auch, dass die Köchin der Schule sich ihre Menschlichkeit bewahrt hat und dem Regime der Nonnen sanften Widerstand leistet. Auf der Insel jenseits des Sees erleben sie die Natur als Gegenwelt zur vermeintlich zivilisierten Welt. Wie sich das Ganze entwickelt, soll hier nicht verraten werden. Man muss sich allerdings beim Lesen immer darüber im Klaren sein, dass dieser Roman auf Tatsachen beruht. Die letzte dieser Schulen wurde erst 1996 geschlossen.

Poppes Roman über den gewaltsamen Versuch einer kulturellen Entwurzelung reicht weit über Kanada hinaus. Sie zeigt, was die Identität eines Volkes bedeutet, was es heißt, Menschen ihre Sprache und ihre Geschichte zu rauben und etwas Fremdes als das angeblich bessere überzustülpen. In diesem Geschehen sind Kinder verloren. Junge Leser aber verstehen: Die Zerstörung der kulturellen Identität eines Menschen ist ein Verbrechen.

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