Klaus Lederer zur Berlin Art Week : „Berlin könnte mehr in Kultur investieren“

Kommerziell trifft experimentell auf der Berlin Art Week. Kultursenator Klaus Lederer über Fördermittel, Teilhabe und wie er die Verdrängung stoppen will.

Klaus Lederer (44) ist seit Dezember 2016 Berliner Kultursenator und Stellvertreter des Regierenden Bürgermeisters.
Klaus Lederer (44) ist seit Dezember 2016 Berliner Kultursenator und Stellvertreter des Regierenden Bürgermeisters.Foto: Kai-Uwe Heinrich

An diesem Mittwoch beginnt die Berlin Art Week. Gefördert wird sie unter anderem von der Senatsverwaltung für Kultur. Anlass für ein Gespräch mit Kultursenator Klaus Lederer (Linke) über Kunst, Künstler und - Geld.

Herr Lederer, in Berlin gibt es jede Woche Ausstellungseröffnungen, diverse Kunstevents, zahllose Termine. Warum braucht die Stadt dann noch eine Art Week?

Die Art Week holt unterschiedliche institutionelle, freie, junge, kommerzielle Akteure zusammen. Berlin ist mit einer so reichhaltigen Kulturlandschaft gesegnet, dass viele einander gar nicht mitbekommen. Wir verbinden die Aktivitäten miteinander: die beiden Kunstmessen Art Berlin und Positions, den Gropius-Bau mit den Kommunalen Galerien, den freien Szenen, den Projekträumen. Dazu kommen der Europäische Monat der Fotografie und vier Preisverleihungen. Auch die Privatsammler steigen ein. Diese Vernetzung, die konzentrierte Positionierung, ist klasse.

Sie beschreiben eine Wirkung nach Innen. Ist nicht gerade auch an die Außenwirkung gedacht? Die Sichtbarmachung Berlins im Vergleich zu anderen internationalen Kunststädten?

Die Vernetzung wirkt auch nach außen. Klar ist es gut, dass sich die beiden Kunstmessen auf einen gemeinsamen Termin geeinigt haben. Aber bei mir als Kultursenator hat die kreativwirtschaftliche Seite nicht die absolute Priorität. Mir ist vor allem wichtig, dass durch den Austausch kulturelle Weiterentwicklung entsteht, die Kommunikation zwischen Akteuren gefördert wird, die sonst nicht zusammenkämen.

Warum sind Sie dann so spät in die Finanzierung eingestiegen? Die ersten sechs Jahre gab nur die Senatsverwaltung für Wirtschaft Zuschüsse.

Anfangs muss man schon schauen, ob so ein Format die entsprechende Resonanz erzeugt … und hält. Die Förderung künstlerischer Aktivitäten gemäß dem Bedarf ist mit den vorhandenen Haushaltsmitteln ohnehin nicht zu leisten. Berlin könnte immer noch mehr in Kunst und Kultur investieren, als zurzeit geschieht. Auch bei anderen intermediären Aktivitäten wie dem Karneval der Kulturen kamen die Fördermittel zuvor aus Bereichen, bei denen nicht klar zwischen Kunst- und Wirtschaftsförderung zu trennen war. Der Festivalfonds gibt uns jetzt die Möglichkeit, aus dieser Hängepartie rauszukommen, er ermöglicht Planungssicherheit. Für die Art Week geben wir 300.000 Euro, die Wirtschaftsverwaltung 150.000 Euro, die Sponsoren 50.000 Euro. Damit ist die Grundfinanzierung gesichert, nicht mehr.

Anfang des Jahres sah es fast so aus, als würde die Art Week ausfallen, da unsicher war, ob zwischen der Kunstmesse Art Berlin als Zugpferd und der Kölner Messegesellschaft ein Vertrag zustande kommt. Hätte da nicht die Berliner Messe einspringen müssen?

Das ist eine kreativwirtschaftliche Frage, auf die ich keine Antwort habe. Ich bin für die Kunstförderung zuständig. Da gibt es zwischen den Ressorts eine klare Zuständigkeitsverteilung.

Müssten Sie nicht als Kultursenator in einer solchen Situation vermitteln?

Es gibt klare Zuständigkeiten, auch wenn ich mit der Wirtschaftssenatorin zusammenarbeite wie bei der Art Week. Für die Galerien und Messe ist sie die Ansprechpartnerin, bei mir sind diejenigen adressiert, die im nichtkommerziellen Bereich produzieren. Deshalb kommen solche Vorgänge wie der Messe-Vertrag in der Regel erst bei mir an, wenn es schon zu spät ist. Im damaligen Fall war das Problem schon gelöst, als ich das erste Mal damit konfrontiert wurde.

Ist die Einteilung in Kreativwirtschaft und Kulturförderung nicht willkürlich? Das Schaffen junger Künstler und die Arbeit der Galerien greifen ineinander. Die Galeristen ermöglichen den Künstlern von ihrer Arbeit zu leben. Viele machen mehr Verlust als Gewinn.

Der Unterschied zwischen Kreativwirtschaft und Kunst besteht darin, ob jemand gewinnorientiert arbeitet. Dem liegt auch der Geschäftsverteilungsplan des Senats zugrunde. Trotzdem machen Ramona Pop als Wirtschaftssenatorin und ich jedes Jahr zum Gallery Weekend eine gemeinsame Tour, hören uns die Probleme der Beteiligten an und versuchen Lösungen zu finden. Wir wissen, dass die Grenzziehung an vielen Stellen nicht strikt funktioniert. Zum Beispiel sitzen beim Music Board Wirtschafts- und Kulturverwaltung gemeinsam im Aufsichtsrat. Gesellschaftliche Zusammenhänge greifen immer ineinander. Trotzdem sind Regierungen nach Ressorts gegliedert.

Das heißt, Sie könnten gar kein Förderprogramm für Galerien auflegen, auch wenn Sie es wollten?

Wir haben jetzt zum Beispiel gemeinsam den Berliner Verlagspreis ins Leben gerufen. Die Idee kam aus der Kulturverwaltung. Wirtschafts- und Kulturverwaltung haben sich dafür zusammengetan. Und die Art Week ist auch ein Joint Venture.

Auch bei den Ateliers greifen die verschiedenen Zuständigkeiten ineinander. Es gibt immer mehr Schließungen. Die Künstler werden an die Peripherie verdrängt. Was machen Sie da?

Wir haben ein Arbeitsraumprogramm, für das sich Künstlerinnen und Künstler bewerben können. Bei der Auswahl spielen auch soziale Kriterien eine Rolle. Wir sehen uns da in der Pflicht. Die Sicherung von Räumen für die Kunstproduktion ist eine Herausforderung: Immobilien aufzutreiben, mit Vertretern der Sparten Kriterien für die Herrichtung der Räume zu entwickeln.

Bei der Art Week feiert Berlin sich selbst als boomende Kunststadt. Gleichzeitig müssen Projekträume und Galerien schließen. Wo sehen Sie die Stadt in 20 Jahren?

Ich wünschte mir, dass Berlin diese boomende Kunststadt bleibt. Ich weiß, wir müssen eine Menge dafür tun. Es fehlen ja nicht nur Räume für Kunstproduktion und -präsentation, sondern auch für Kitas, für soziale Träger. Ich werbe dafür, dass bei der wachsenden Stadt nicht nur die vermeintlich harten Belange, sondern auch andere wie die Kultur als wichtige Aufgabe geschätzt werden. Wir betreiben ja nicht Kunstförderung als Stadtmarketing, sondern weil Kunst in einer Großstadt ein wichtiges Medium des Austausches, der Selbstverständigung ist. Wenn wir da nicht in die Zukunft investieren, wird das austrocknen.

Arthur Jafas Video „Apex“ in der Stoschek Collection erzählt vom Erbe afroamerikanischer Musik.
Arthur Jafas Video „Apex“ in der Stoschek Collection erzählt vom Erbe afroamerikanischer Musik.Foto: Simon Vogel / Kai-Uwe Heinrich

Die Art Week bringt 20 Millionen Euro in die Stadt, hat die Wirtschaftssenatorin nachgerechnet. Sie fördert den Qualitätstourismus. Was möchten Sie, was von der Art Week in Berlin hängen bleibt?

Kunst ist nicht irgendein Distinktionsmerkmal eines bestimmten Teils der Stadtgesellschaft. Es wäre nicht zu rechtfertigen, öffentliche Mittel in Bereiche zu stecken, von denen im Zweifelsfall nur jene profitieren, die sozial gut dastehen. Deswegen ist mir die Investition in Kunst an Kitas, Schulen, für junge Leute so wichtig. Wir haben den Projektfonds „Kulturelle Bildung“ verdoppelt, die Ausstattung der Musik- und Jugendkunstschulen vorangetrieben, um die soziale Teilhabe an Kultur zu stärken.

Schlägt Ihr Herz als Kultursenator also weniger für die Hochkultur?

Das eine schließt das andere nicht aus. Es gibt nur Spitzenkunst, wenn man auch Breitenkunst fördert – wie im Sport. Nur hatte die Teilhabe in der Kulturpolitik lange Zeit nicht den Stellenwert, den sie verdient. Mein Herz schlägt in der Tat für eine Kunst, die nicht primär dem Zweck dient, den Markt zu befeuern. Künstlerinnen und Künstler müssen leben und produzieren deswegen auch für den Markt. Ich denunziere das nicht. Wir leben nun einmal in einer Marktökonomie. Meine Kulturpolitik richtet sich aber auf die anderen. Wie fördern wir diejenigen, denen es nicht gut geht? Wir ermöglichen ihnen durch unsere Förderung, zu experimentieren und neue Akzente in der Kunstproduktion zu setzen, für die sich am Markt vielleicht noch keiner interessiert, die aber für die Gesellschaft wichtiger sind.

Welche Rolle spielt für Sie dann das privatwirtschaftliche Engagement in der Kunst? Zur Art Week eröffnet das Palais populaire der Deutschen Bank im Prinzessinnenpalais, immer mehr Sammler zieht es in die Stadt. Braucht Berlin mehr Engagement dieser Art oder gibt es auch Grenzen?

Zunächst freue ich mich, wenn Privatsammler hier Räume eröffnen und sie öffentlich zugänglich machen. Wenn das unabhängig davon erfolgt, ob Menschen sich den Besuch leisten können oder nicht, weil alle kostenfrei hineindürfen, finde ich das großartig. Die Privatsammlungen schließen zum Teil Lücken, die etablierte Kunstinstitutionen nicht bedienen können. Zum Beispiel die Ausstellung des Filmkünstlers Arthur Jafa in der Julia Stoschek Collection – das ist eine Bereicherung des kulturellen Raums in der Stadt. Das ist doch das Schöne an der Art Week, dass sie unterschiedliche Zugänge zur Kunst bietet.

Können Sie etwas empfehlen?

Ich bin auf das Planetariumsexperiment auf dem Mariannenplatz gespannt. Planetarien sind schon ein genialer Ort, um künstlerische Beziehungen aufzunehmen. Außerdem auf die Interventionen im öffentlichen Raum, die politischen Künstlerplakate der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst im U-Bahnhof Alexanderplatz.

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