Kolumne Fundstücke : Marcel Proust und der Erste Weltkrieg

Sein Asthma schützt ihn vor dem Militär. Schriftsteller Marcel Proust verfolgte den Ersten Weltkrieg in den Zeitungen. Er bewies mehr Hellsicht als viele Zeitgenossen. Die Kolumne Fundstücke.

Trauer um die Toten. Marcel Proust beobachtete den Krieg in den Zeitungen.
Trauer um die Toten. Marcel Proust beobachtete den Krieg in den Zeitungen.Foto: Promo

Vor einhundert Jahren, im Herbst 1918, endete der Erste Weltkrieg, den die Franzosen bis heute nur „La Grande Guerre“ und die Engländer den „Great War“ nennen. Für Karl Kraus bedeutete er die selbst gemachte Apokalypse, die „Letzten Tage der Menschheit“. Und wer an Romane oder autobiografische Prosa zu den Jahren 1914/18 denkt, die mit ihren Folgen das Ende der alten, nicht nur europäischen Welt bedeuteten, dem fallen zunächst wohl Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, Jaroslav Haseks humorige „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ oder Louis-Ferdinand Célines düstere „Reise ans Ende der Nacht“ ein. Und neben Karl Kraus’ oben zitierter Menschheitstragödie als kaltblütiges Gegenbild natürlich Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“.

Nicht sofort im Kopf hat man hierzu vermutlich: Marcel Proust. Doch seine „Suche nach der verlorenen Zeit“ wurde erst wahrhaft zum Anbruch der Moderne durch ebenden Einbruch des Krieges. Gerade erst war im November 1913, nach mehreren Verlagsabsagen vom Autor selbst finanziert, der Auftakt der „Recherche“ erschienen, dem ein Jahr später der zweite von drei geplanten Bänden folgen sollte. Da begann im Sommer 1914 der Krieg, und Prousts Verleger Bernard Grasset bat um Aufschub. Worauf die berühmten, kaum enden wollenden Fahnenkorrekturen und exponentiellen Erweiterungen den Roman bis zum posthumen Erscheinen des Finales im Jahr 1927 auf sieben Bände anwachsen ließen.

Seltene Hellsicht

Proust, der wegen seines Asthmas nicht zur Armee eingezogen wurde, hat das militärische Geschehen als Leser von täglich sieben Zeitungen sowie als Gesprächs- und Briefpartner von kämpfenden, auch sterbenden Angehörigen, Freunden und Bekannten akribisch und tief erschüttert verfolgt. Ganz abgesehen davon, dass sein an der Börse spekulativ angelegtes Privatvermögen in jenen Jahren dramatische Schwankungen erfuhr.

Schon am 2. August 1914 – einen Tag nach der französischen Mobilmachung und noch einen Tag vor der Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich – spricht Proust in einem Brief an seinen Bankier und entfernten Verwandten Lionel Hauser von „den schrecklichen Tagen, die wir durchleben“. Und er sagt, mit Anspielung auf H. G. Wells futuristischen Roman „War of the Worlds“ aus dem Jahr 1900, voraus: „dass bald Millionen Menschen in einem ,Krieg der Welten‘ (...) hingeschlachtet werden ...“ Stunden zuvor war da sein Bruder Robert gen Verdun gezogen, und Marcels Diktum zeugt von einer Hellsicht, wie sie Künstler und Autoren in jener Zeit der nationalen Berauschung auf allen Seiten sehr selten hatten.

Schonungslose Analyse im Moment der Trauer

Das erweisen nicht nur die vor zwei Jahren in zwei Bänden bei Suhrkamp auf Deutsch edierten Proust-Briefe. Man kann es nachlesen im siebten Band der „Recherche“, in der „Wiedergefundenen Zeit“, deren erstes Drittel Paris, Frankreich (und an einer Stelle Berlin) im Krieg beschreibt. Bei allem Patriotismus fehlt dabei jeder Hass auf die Deutschen. Die feindlichen Flugzeuge erscheinen am Nachthimmel wie „Feuerwerkskörper“ – doch Proust ästhetisiert den Krieg (den er sofort auch als mörderischen „Stellungskrieg“ begreift) so wenig wie die Krieger. Er analysiert, oft in Trauer um die Toten und zugleich schonungslos, was beispielsweise das Zusammenspiel männlicher Homosexualität und illusionistischer oder realer Gewaltbeziehungen angeht.

Jenseits der Originaltexte empfiehlt sich dazu der zusammen mit der Marcel-Proust-Gesellschaft von Wolfram Nitsch und Jürgen Ritte herausgegebene Aufsatzband „Marcel Proust und der Erste Weltkrieg“ (Suhrkamp Verlag, Berlin 2017, 270 Seiten, 27,- Euro). Darin spiegelt sich auch die internationale Rezeption, bis hin zum Blick auf Proust aus Japan.

Wer gar zur gleichnamigen Ausstellung Reiner Specks, des größten privaten Proust-Sammlers, 2015 in Köln noch das bebilderte Katalog-Taschenbuch von Speck und Alexis Eideneier mit dem Titel „Marcel Proust und der Krieg“ (in der Bibliotheca Proustiana Reiner Speck, Köln) antiquarisch ergattern kann, darf sich glücklich schätzen.

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