Kolumne Spiegelstrich : Wirklichkeiten in Zeiten der Krise

Wenn die Weltgemeinschaft mit globalisierten Krankheiten fertig werden will, muss sie integre Kommunikation üben.

Klaus Brinkbäumer
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU, und Bundesinnenminister Horst Seehofer, CSU, am 27. Februar bei der Bekanntgabe des gemeinsamen Krisenstabes BMI/BMG zum Coronavirus.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, CDU, und Bundesinnenminister Horst Seehofer, CSU, am 27. Februar bei der Bekanntgabe des...Foto: imago images/Reiner Zensen

Klaus Brinkbäumer war zuletzt Chefredakteur des „Spiegel“ und arbeitet heute als Autor unter anderem für „Die Zeit“. Sie erreichen ihn unter Klaus.Brinkbaeumer@extern.tagesspiegel.de oder auf Twitter unter @Brinkbaeumer.

Oft beklagen wir den deutschen Lärm, doch hin und wieder sollten wir uns umblicken, sollten sehen und eher noch hören, wie es anderswo zugeht. Und, ja wirklich: dankbar sein.

In Berlin gibt es noch Transparenz, zugleich Empathie, was in dieser Kombination zu etwas Kostbarem, nämlich Wahrhaftigkeit und Handlungsfähigkeit führt.

Gesundheitsminister Jens Spahn hörte auf Mediziner, warnte darum früh vor SARS-CoV-2, dem Coronavirus, und gab praktische Hinweise; seine Stimme blieb ruhig, als er vom „Anfang einer Epidemie in Deutschland“ sprach, und so angstfrei, genau, ehrlich sollte politische Sprache in aufgeklärten Zeiten sein.

Dass dies bemerkenswert, also die Ausnahme ist, wird zur Gefahr werden, da globalisierte Infektionen nach einem global funktionierenden Austausch von Informationen verlangen.

Lest Geschichtsbücher!

In Wuhan hätte das Virus mutmaßlich eingegrenzt werden können, aber die Polizei befahl dem Arzt, der es entdeckt hatte, die Verbreitung von „Gerüchten“ zu unterlassen. Li Wenliang, mein ganz privater Friedensnobelpreisträger 2020, ist nun tot; können wir die Opferzahlen aus China heute glauben? Wie soll eine Kommunikation funktionieren, die mit Lügen begann?

In Iran sagte die Regierung noch, dass es im ganzen Land zwölf Tote gebe, als ein Arzt in Qom meldete, dass in seiner Stadt 50 Menschen gestorben seien. Japan und Südkorea …  

So wird das nichts. Wenn die 193 vereinten Nationen zusammen mehr als die absurdeste Bürokratie der Erde sein wollen, also Vereinte Nationen mit einem durch Leistung verdienten großen V, brauchen sie den Mut, eine Notlage zu benennen, wie sie ist. 193 mal. Nein, undenkbar. Sagen wir: 150 mal. Lest Geschichtsbücher!

Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.
Tagesspiegel-Kolumnist Klaus Brinkbäumer.Foto: Tobias Everke

In den achtziger Jahren wurde HIV verharmlost, weltweit, und in den USA witzelte die Regierung Ronald Reagans über die „Schwulenpest“ – wie viele Menschen starben, weil es keine Aufklärung, stattdessen Ausgrenzung gab?

Als in der Endphase des Ersten Weltkriegs, 1917, die Spanische Grippe aufkam (die bis 1920 mehr Menschen tötete als der Krieg, nämlich geschätzte 50 Millionen), waren die einander bekämpfenden Nationen aus nachvollziehbaren Gründen nicht in der Lage, einander die Wahrheit zu sagen.

Um aber daheim den Kriegseinsatz zu stützen, unterschrieb der amerikanische Präsident Woodrow Wilson den „Sedition Act“, der „illoyale, profane, skurrile oder missbräuchliche Äußerungen“ unter Strafe stellte; das Weiße Haus bat die Bürger, jeden zu melden, der „pessimistische Geschichten verbreitet“.

Trump spricht von "Carona"

Es war eine mörderische Anweisung: Amerikanische Schiffe kamen zurück und brachten das Virus nach Philadelphia, doch Warnungen und Achtsamkeit waren untersagt.   

Ich schreibe diese Kolumne in New York City, und die USA jedenfalls haben nichts gelernt. Rush Limbaugh, ein Radiomoderator, auf den Donald Trump hört, sagt, „das Coronavirus ist wie eine normale Erkältung, Leute“.

Präsident Trump hat die Etats für Forschung und die Bekämpfung von Pandemien gekürzt, hat Wissenschaftler abgesetzt und sagt doch, alles, was er getan habe, sei perfekt, ideal, phantastisch, schreibt allerdings Corona vorne mit „a“: „Carona“.

Oh ja, sagt er dann, die Demokraten und die Medien würden mit ihrer Panikmache, ihrem „Schwindel“ die Börsen abstürzen lassen; „sie wollen den Präsidenten stürzen“, das sagt sein Stabschef.

Patrick J. Egan, Politologe der New York University, sagte mir: „Zuordnungen zu Gruppen oder Parteien sind hier zur Frage von Identität geworden.

Wer derart parteilich ist, weist alle Fakten zurück, die dem eigenen Glauben widersprechen.“ Beängstigend sind in Zeiten von Epidemien ja jene Pressekonferenzen, bei denen Wissenschaftler neben dem fehlerlosen Führer stehen und traurig gucken und sich nicht zu sagen trauen, was sie wissen – weil der fehlerlose Führer eine andere Wirklichkeit wünscht.

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