Konferenz zur Raubkunst in Berlin : Die nächste Generation

Zwei Jahrzehnte Washingtoner Prinzipien: Eine Raubkunst-Konferenz in Berlin zieht Bilanz und blickt in die digitale Zukunft

Stuart Eizenstat, Sonderberater des US-Außenministeriums, und Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf der Berliner Konferenz.
Stuart Eizenstat, Sonderberater des US-Außenministeriums, und Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf der Berliner Konferenz.Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Viel Lob, viel Kritik gab es am Montag bei der internationalen Konferenz „20 Jahre Washingtoner Prinzipien“ im Haus der Kulturen der Welt. Das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (DZK) hatte eingeladen, um eine Bilanz von zwei Jahrzehnten Provenienzforschung und Restitution zu ziehen. Nachdem der Hausherr, Intendant Bernd Scherer, auf den Ort eingestimmt hatte, der ebenfalls mit Raub und Verfolgung belastet ist – auf dem Grundstück befanden sich jüdische Kliniken, auch die von Sexualforscher Magnus Hirschfeld –, eröffnete Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Tagung. Sie bekräftigte die Verpflichtung Deutschlands, verwies vor allem aber auf den Erfolg der vergangenen 20 Jahre: 5750 Kulturgüter wurden seit Unterzeichnung der Washingtoner Prinzipien restituiert, 31 Millionen Euro in Provenienzforschung gesteckt.
Und dennoch lassen sich erfolgte Restitutionen nur bedingt als Erfolgsgeschichte erzählen, geben sie doch nur ein Bruchteil dessen zurück, was den verfolgten Besitzern verloren ging. Das machte Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress, in seiner Rede deutlich. Anders als vor wenigen Monaten noch im Rahmen eines Berliner Festaktes zu „20 Jahren Washingtoner Prinzipien“ las er jedoch den Deutschen nicht allein die Leviten. Kritisch ging er auch mit Ungarn, Polen, der Schweiz und insbesondere den Niederlanden ins Gericht. Hatten sich die Holländer bislang vorbildlich bei der Restitution verhalten, so gibt es hier seit Neuestem einen Rückschritt durch eine gesetzliche Neuregelung. Fortan ist zu prüfen, wer ein größeres Interesse an dem Objekt besitzt: das öffentliche Museum oder der private Geschädigte. Die Entscheidung dürfte hier zugunsten der größeren Öffentlichkeit ausfallen.

Digitalisisierung soll in Zukunft bei der Suche helfen

Diesen Punkt griff Botschafter Stuart Eizenstat auf, einer der Architekten der Washingtoner Prinzipien. Er hatte vor 20 Jahren die Konferenz in der US-Hauptstadt vorbereitet. In seiner eindrucksvollen Rede mahnte er, diese Konferenz in Berlin sei eine der letzten Gelegenheiten, mit neuer Energie, neuem Schwung die damals gefassten Vorsätze zu verwirklichen. „Wir sollten den Überlebenden nicht den Rücken zuwenden“, so Eizenstat. Zur Besiegelung unterzeichnete er als Berater des US-Außenministeriums für Holocaust-Angelegenheiten mit Monika Grütters eine Erklärung zur Umsetzung der Washingtoner Prinzipien. Sie mahnt besonders an, die Digitalisierung voranzutreiben, um die Identifizierung geraubter Kulturgütern zu erleichtern.
Zu den Rednern gehörte auch Bénédicte Savoy, die Ende letzter Woche mit dem senegalesischen Wirtschaftsprofessor Felwine Sarr ihren Bericht an den französischen Staatspräsidenten abgegeben hatte, wie mit Raubkunst aus kolonialem Kontext umzugehen sei. Anders als erhofft, sprach sie jedoch nicht über ihre spektakuläre Empfehlung, die Kulturgüter ohne Prüfung aus den französischen Museen an afrikanische Länder zu restituieren. Die von Emmanuel Macron angekündigte Rückgabe von 26 Skulpturen an Benin hätte auch in ihr etwas beschleunigt, sodass sie noch nicht darüber reden könne, erklärte die Kunsthistorikerin. Stattdessen sprach sie über die Zukunft der Provenienzforschung, die nunmehr in den Händen einer jungen Generation liegt, der ihre ganze Hoffnung gilt.
Anders als damals in Washington stehen jetzt auch private Besitzer im Fokus. Besonders an Auktionshäuser und Händler wird appelliert, NS-verfolgungsbedingt entzogene Kunst als Ware zurückzuweisen. Eizenstat sprach deutliche Worte und lobte umso mehr, dass am DZK ein „Helpdesk“ für privat Suchende eingerichtet wird, um sich im Behördendschungel zurechtzufinden.
Und noch eine Aufgabe wächst dem Zentrum ab 2020 zu. Es wird Anlaufstelle für Raubkunst aus kolonialem Kontext. Erste Bedenken, dass sich Prioritäten ändern, NS- Raubkunst in den Hintergrund gedrängt werden könnte, will Gilbert Lupfer vom DZK entkräften: „Wir sind alle hier, um die Suche nach NS-Raubgut weiter zu verstetigen.“ In den nächsten Tagen soll weiter diskutiert werden, wie dies geschehen könnte.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben