Kunstmesse in Genf : Letzte Chancen

Auf der Art Genève diskutieren Galeristen und Sammler nicht bloß über die Kunst. Auch der ökologische Fußabdruck der globalen Messen ist ein heißes Thema.

Eva Karcher
Blick in einen von Samuel Gross kuratierten Bereich der Messe
Blick in einen von Samuel Gross kuratierten Bereich der MesseFoto: Julien Gremaud

Sie stehen da wie Menetekel einer düsteren Botschaft. Bekleidet mit nachtblauen Pullovern, die bis zum Oberschenkelansatz reichen, posieren die 15 kopflosen Schaufensterpuppen des Schweizer Künstlers Tobias Kaspar vor einer monumentalen dreiteiligen Tapisserie, auf die ein Foto der NASA aufgedruckt wurde. Es zeigt unseren Planten Erde als flirrende Landkarte aus Leuchtpunkten, aus all den künstlichen Lichtern, die Urbanisierung und Fortschritt definieren. Diese „Light Pollution“ habe er mit seiner Installation „Epicenter“ thematisieren wollen, sagt der Künstler am Stand von Peter Kilchmann auf der Art Genève in Genf.

Kaspar, 1984 in Basel geboren, wurde mit Tintenstrahldrucken bekannt, die Motive aus St. Gallener Stoffmusterbüchern der dreißiger Jahre in aufwendiger Technik als delikate Tableaux des modischen Zeitgeists einer Ära inszenieren. „Mich interessiert das Bild, das eine Gesellschaft von sich zeichnet, die Ästhetik, mit der sie sich anderen Kulturen präsentiert“, so der Künstler. Zelebrieren seine früheren Fotoarbeiten das Flair der Nostalgie, das sich die westliche Gegenwart seit den nuller Jahren allzu lange leistete, so trifft Kaspar mit der neuen Arbeit (50 000 Euro) den Kern einer Gesellschaft in traumatischer Verfassung.

Gehäufte Absagen für die Art Basel in Hongkong

Der Klimawandel mit seinen Konsequenzen ist auf dieser neunten Ausgabe der Art Genève mit ihren rund 90, fast ausschließlich hochkarätigen Galerien in den Gesprächen allgegenwärtig. Meistdiskutiertes Thema waren nicht etwaige Rekordpreise (das durchschnittliche Niveau bewegt sich moderat zwischen 5000 und 80 000 Euro), sondern die sich spätestens seit der Verbreitung des Coronavirus häufenden Absagen von Händlern, an der Art Basel Hongkong im März teilzunehmen. Denn deren Sammler kommen nicht; die Angst vor Ansteckung ist nur ein Grund. Der andere, den man vermehrt von Kuratoren, Besuchern, Käufern wie Galeristen hört, ist der ökologische Fußabdruck, der Flugzeugreisen obsoleter macht.

„Deshalb konzentriere ich mich dieses Jahr mehr auf europäische Messen, darunter Köln“, meint Monia de Cardenas, die Standorte in Mailand, Lugano und Zuoz führt. „Wir alle müssen umdenken, zum Beispiel wieder mehr in der eigenen Region kaufen, wohin wir mit dem Zug fahren können. Oder eben die Transporte nach Übersee reduzieren.“ Das ist für Galeristen mit langjähriger Präsenz in China wie Urs Meile und seinen Sohn René nicht einfach. „Wir weichen deshalb auf Messen in Taipeh und Singapur aus“, erklärt Urs Meile. „Unsere Kontakte nach Asien zu pflegen, ist für uns essenziell.“

Die Genfer Messe expandiert nach Moskau

Am Genfer Standort laufen die Verkäufe für die Galerie gut, wie auch für nicht wenige Kollegen. Begehrt sind unter anderem die kleinformatigen Zeichnungen des Schweizer Künstlers Mirko Baselgia aus der Tinte des Schopf-Tintlings (um 4000 CHF). Auch für das Gemälde „Chance“ des Chinesen Wang Xingwei (um 250 000 CHF) gibt es Interessenten. Es sieht aus wie eine Studie von Winterbäumen im Schnee, erzählt aber auf verschlüsselte Weise von Menschen, die man umbrachte, um ihre Organe aus den Körpern herauszuschneiden. Auf die brutale Gewalt weisen zwei Risse im Bild hin, entstanden mit einem Sattelschlepper, den der Künstler über das Werk fuhr.

Als „Salon“ hat Direktor Thomas Hug die Messe konzipiert. Sein Modell, das großzügige Layout der Galerien in der Halle mit Präsentationen diverser Museen, Stiftungen, Privatsammler und Unternehmen zu rahmen, ist so erfolgreich, dass die Messe im Mai – vier Jahre nach der ebenfalls von ihr lancierten Art Monte Carlo – als „intime, kuratierte Ausstellung“ (Hug) auch nach Moskau expandiert. Dorthin, wo es vermögende Sammler, aber wenig bedeutende Galerien gibt und der Bedarf an Topqualität von globalen Händlern groß ist. Solche sind mit Hauser & Wirth, Gagosian oder Perrotin auch auf der Art Genève vor Ort; mit Preisen zwischen rund 35 000 und 65 0000 Euro haben sie die Auswahl ihrer Werke den Budgets der meisten Genfer Sammler angepasst.

Einiges ist geladenen Gästen vorbehalten

Städte wie München und Berlin könnten diese Sammler beneiden, fokussieren sie doch wie Suzanne und Eric Syz oder Caroline und Eric Freymond ebenso auf Schlüsselwerke bedeutender einheimischer Künstler wie Fischli/Weiss oder Ugo Rondinone als auch internationaler Stars wie Paul McCarthy und Olafur Eliasson. Ihre Sammlungen sind wie auch die der Banken Mirabaud oder Pictet nur geladenen Gästen zugänglich. Auf der Messe können sich Besucher immerhin Exponate aus der Sammlung von Michael Ringier, der Versicherung Die Mobiliar oder einem der nach wie vor sensationell aktuellen Iglus des italienischen Arte-Povera-Genies Mario Merz ansehen. Empfohlen sei die Messe auch deutschen Galeristen, denn mit Dittrich & Schlechtriem und Capitain Petzel waren nur zwei Händler vor Ort.

Die Art Genève ist, last but not least, auch die einzige Messe, die duftet: nach Sandelholz in Form einer Kerze am Stand des Spa- und Kosmetiklabels L. Raphael – und, in einer weit entfernten Ecke, nach Cannabis. Das Schweizer Label Holyweed produziert den Stoff: garantiert ökologisch wertvoll.

Mehr zum Thema

Art Genève, Palexpo, Genf. Bis 2. Februar, www.artgeneve.ch

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