Kunstszene Mumbai : Der kleine Wirbel

Szene Mumbai: Die Kunstmesse Indian Art Fair und die Galerien der Stadt befeuern aktuelle indische Kunst.

Was könnte besser zur Bollywood-Stadt Mumbai passen als eine Ausstellung zum Thema Kino? Der Künstler Atul Dodiya, der dieser Tage in der Südmumbaier Galerie Chemould Prescott Road ausstellt, hat in 36 Ölgemälden eine Schlüsselszene aus dem Hitchcock-Klassiker „Erpressung“ nachgemalt, wohl das edelste Storyboard, das je gemacht wurde.

Indiens Kunstkalender ist zu Jahresbeginn vollgepackt mit Großereignissen. Mitte Januar fand in Mumbai das alljährliche Gallery Weekend nach Berliner und Londoner Vorbild statt. Am vergangenen Wochenende ging in Neu-Delhi die Kunstmesse „India Art Fair“ zu Ende. Im Süden des Landes läuft mit der Kochi-Muziris-Biennale Indiens größte Ausstellung für Gegenwartskunst. Erlebt die indische Kunst gerade ein neues Hoch? Die Zeichen stehen nicht schlecht. Nach der Bargeldentwertung, die Ministerpräsident Narendra Modi im Jahr 2016 anordnete und die auch den Kunstsektor schwächte, erwartet Indiens Wirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von sieben Prozent. Auch die Zahl der Superreichen, die sich Kunst leisten können, nimmt auf dem Subkontinent zu.

Nach dem Boom brach die Kunstszene 2008 zusammen

„Wir erholen uns eigentlich immer noch vom Hype der 2000er-Jahre“, sagt die in Mumbai angesiedelte Galeristin Shireen Gandhy. Ab 2003 erlebte die indische Gegenwartskunst einen Boom. Investoren und Spekulanten aus dem In- und Ausland kauften, was sie in den wenigen Galerien des Landes finden konnten, indische Kunst versprach hohe Renditen. Nach der Pleite von Lehman Brothers war der Rausch vorbei. „Heute sehen wir vermehrt Sammler, die es ernst meinen mit der Kunst“, sagt Gandhy. Und die gehen es wesentlich langsamer an.

Gandhys Galerie Chemould Prescott Road, die sie in zweiter Generation leitet, ist eine der ältesten in Mumbai. Die Eltern fingen 1941 mit einem Rahmengeschäft an, im Schaufenster promotete Vater Kekoo Gandhy die Bilder damals noch unbekannter Zeitgenossen wie K. H. Ara, K. K. Hebbar und M. F. Husain, die 1947 in Bombay die „Progressive Artists Group“ gründeten und deren Malereien heute für Millionen Euro gehandelt werden. 1988 übernahm Shireen Gandhy die Galerie und nahm Künstler mit interdisziplinären, experimentellen Arbeiten von Atul Dodiya, Mithu Sen oder der in Mumbai beheimateten Installationskünstler Jitish Kallat und Shilpa Gupta ins Programm. Alle stellen heute in Museen und bei Biennalen aus. Mithu Sens institutionskritische Arbeiten waren kürzlich in der Überblicksschau „Facing India“ in Wolfsburg zu sehen. „Die Preise, die bis 2008 für diese Künstler gezahlt wurden, sind heute unerreichbar“, sagt Gandhy. „Vielen Sammlern fehlt deshalb immer noch das Vertrauen in die aktuelle Kunst.“ Wer 70 000 bis 100 000 Dollar für eine Arbeit von Dodiya ausgibt, will sichergehen.

Die Stadt ist teuer, alle sind mit Geldverdienen beschäftigt

Doch in Indien wächst das Interesse für die zeitgenössische Kunst. In der 25-Millionen-Metropole Mumbai, dem Finanzzentrum des Landes, wird es zunehmend schick, sich mit Kunst zu umgeben. Die Eröffnungen, Art-Walks und Gesprächsrunden zum Mumbai Gallery Weekend waren bestens besucht. Es gibt etwa 22 Galerien, die professionell mit Künstlern arbeiten und drei öffentlich finanzierte Museen. „Das ist zu wenig für eine Millionenstadt wie Mumbai“, sagt Geetha Mehra, deren Sakshi Gallery ebenfalls zu den big playern im indischen Kunsthandel zählt. Nur mit vereinter Kraft können die Galerien den nötigen Wirbel erzeugen, den buzz, der in Bombay so wichtig ist. Die Stadt ist teuer, alle sind mit Geldverdienen beschäftigt, die kreative Elite braucht einen guten Grund, um nach Feierabend noch den weiten Weg ins Galerienviertel zu machen.

Die Galerien nutzen die Chance und zeigen progressive Kunst aus dem eigenen Land, etwa vom 1981 geborenen Künstler Shine Shivan. In der Galerie Chatterjee & Lal bringt der Künstler Sahej Rahal Kreaturen aufs Papier, die von der indischen Fauna genauso inspiriert sind wie von „Juggernaut“, einer Comic-Figur (ab 3000 Euro). Und bei Akara Art hat Kunsttheoretiker Ranjit Hoskote eine Gruppenausstellung kuratiert, die die Co-Existenz zwischen Mensch und Umwelt reflektiert. Man findet in Mumbai eine Bandbreite an junger Kunst aus dem eigenen Land – alles zu moderaten Preisen.

Was bei der bestens kuratierten India Art Fair in Neu-Delhi noch deutlicher wird: Viele indische Künstler, ob aufstrebende Positionen wie Shine Shivan und Sahej Rahal oder auch die etabliertere Mithu Sen, wechseln ganz selbstverständlich zwischen Performance, Malerei, Bildhauerei und Video. Das restriktive Denken in Genres, das in Europa mühsam abgebaut wird, ist hier kaum vorhanden. Während beim Mumbai Gallery Weekend fast nur lokale Sammler auftauchen, ist die Reichweite bei der India Art Fair größer. Die neue Messedirektorin Jagdip Jagpal, die zuvor an der Tate in London kuratierte, leistet ganze Arbeit, wenn es darum geht, den heimischen Galerien eine professionelle Plattform zu geben. Die Messeeigentümerin, die Baseler MCH Group, die unter anderem die berühmte Art Basel im Portfolio hat, gibt ihre Anteile an der India Art Fair im Zuge einer regionalen Konsolidierung indes ab.

Die wichtigen Impulse kommen von privater Seite

Von staatlicher Seite erfährt die Kunst in Indien zu wenig Unterstützung, sagen die Kulturschaffenden. Die wichtigen Impulse kommen von privater Seite. Kiran Nadar, verheiratet mit dem Gründer eines IT-Unternehmens, gilt als einflussreiche Sammlerin indischer Werke. 2018 eröffnete sie in Delhi das erste Privatmuseum für moderne und zeitgenössische Kunst. In Mumbai hat die Sammlerfamilie Piramal mehrere Showrooms in ihren Firmensitzen eröffnet und finanziert Residencies für Künstler. Daneben bildet sich eine junge Sammlerschicht heraus, die nicht wie ihre Eltern nur an der indischen Moderne interessiert ist. Architekten und Designer wie Rajiv Saini oder Ashiesh Shah aus Mumbai richten Restaurants, Boutiquen und Apartments von Bollywood-Stars ein und beraten ihre prominenten Kunden auch in Sachen Kunst. „Architekten sind wichtige Multiplikatoren für uns“, sagt Tara Lal von der Galerie Chatterjee & Lal.

„Es wird dauern bis sich das neue Interesse in den Verkaufszahlen widerspiegelt“, heißt es in einer Studie zum indischen Kunstmarkt der indische Wirtschaftskammer FICCI und KPMG. Nur vier Prozent der Kunstumsätze sollen 2017 der zeitgenössischen Kunst zuzurechnen sein. Vor zehn Jahren lag der Anteil bei 41 Prozent. Das Gros des Umsatzes würde nach wie vor mit indischer Moderne gemacht, das gelte für Galerien wie für Auktionshäuser. „90 Prozent der Lose in unseren Südasien-Auktionen sind Werke der Moderne“, sagt Sonal Singh, Leiterin der Indien-Repräsentanz von Christie’s. In einer Preview in den Mumbaier Räumen zeigt sie, was im März in New York unter den Hammer kommt.

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Viermal im Jahr versteigert Christie’s moderne und zeitgenössische Kunst aus Indien und Südasien, die Verkaufsplätze sind New York, London und Hongkong. „Bis 2016 haben wir eigene Auktionen in Mumbai veranstaltet. Die Umsätze waren sehr gut, aber die Kosten für Organisation und Logistik zu hoch“, meint Singh. Das Haus beschränkt sich nun darauf, Ausstellungen und Sammlerevents in Mumbais Galerienviertel zu veranstalten. Konkurrent Sotheby‘s nutzt die Lücke. Ende 2018 führte das Haus seine erste Auktion in Indien durch. Das Spitzenlos für umgerechnet 2,5 Millionen Euro war ein Gemälde des Modernisten Tyeb Mehta. Es zeigt die Hindu-Göttin Durga, die Dämonen-Zerstörerin. Es sieht ganz so aus, als wäre auch Indiens junge Kunstszene dabei, die Dämonen zu besiegen.

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