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Humboldt hatte gewaltigen Einfluss auf Dichter und Wissenschaftler in den USA. Seine Büste steht heute am Central Park.

© Alamy Stock Photo

250 Jahre Alexander von Humboldt: Leitfigur einer neuen Weltbetrachtung

Früher Denker der Globalisierung: Vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt in Berlin geboren. Ein Blick ins prall gefüllte Jubiläumsjahr.

Was für eine Wiederkehr! In diesem Jahr feiern wir den 250. Geburtstag Alexander von Humboldts, am 14. September. Es erscheint eine neue Ausgabe seiner Schriften. Das Humboldt Forum wird eröffnet, das größte und reichlich umstrittene Kulturprojekt der Bundesrepublik: Es steht vor der historischen Aufgabe, in der Frage kolonialer Raubkunst Gerechtigkeit zu schaffen – unter einem Namen, der für das Beste der deutsch-europäischen Geistesgeschichte steht. Das Deutsche Historische Museum Berlin bereitet eine Ausstellung über Alexander und Wilhelm vor, die famosen Humboldt-Brüder.

Mit Humboldt-Vorträgen, Symposien, Lesungen, Debatten ist 2019 prall gefüllt, zumal in Berlin. Die Humboldt-Universität lädt zur Konferenz „Navigating the Sustainability Transformation in the 21st Century“, es geht um Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Alexander von Humboldt (1769–1859) gilt als Vordenker der Ökologie, auch wenn dieser Begriff später erst von Ernst Haeckel geprägt wurde.

Weltweit existiert eine hochaktive Humboldt-Wissenschaft

So viel Humboldt war nie. Es dreht sich um ein einmaliges Phänomen. Eine Persönlichkeit, die im 18. Jahrhundert geboren wurde und die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts intellektuell dominierte, wird neu erkundet, neu bewertet und für viele Menschen überhaupt erst einmal angemessen dargestellt und gewürdigt. Weltweit existiert eine junge, hochaktive Humboldt-Wissenschaft. Humboldt überall, gehandelt als salvatorische Größe. Woran liegt das?

Seine Publikationsgeschichte ist chaotisch. Humboldt schrieb viele seiner Werke auf Französisch. Zu Lebzeiten international gefeiert, geriet er nach seinem Tod in Vergessenheit. Die Nationalsozialisten wollten ihn zu einem Herrenmenschen und Welteroberer stilisieren. Und dann trennte sich die Forschung in Ost und West, Humboldt war auch ein Opfer der deutschen Teilung.

Was jetzt mit Humboldt passiert, lässt sich als nachholende, überfällige Rezeption beschreiben. Dafür gibt es praktische Gründe. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften hat 2015 ein auf 18 Jahre angelegtes Langzeitprojekt gestartet mit dem Titel „Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung“. Ottmar Ette, führender Humboldt-Spezialist von der Universität Potsdam, leitet die gigantische Arbeit. Er verweist auch auf die außergewöhnliche Ausgangslage: „Seit wenigen Jahren sind wir überhaupt erst an dem Punkt der Verfügbarkeit des Nachlasses und damit an einer neuen, breiteren Auseinandersetzung, weil es plötzlich eine ganz andere Materialbasis gibt. “ Es geht um Tausende Dokumente. Sie sind, wie Ette sagt, „die Grundlage für viele Jahre Forschung“.

Unterwegs, immer. Und auf volles Risiko.

Das Interesse an dem frühen Denker der Globalisierung, dem „zweiten Entdecker Amerikas“, wie er häufig bezeichnet wird, wächst sprunghaft – und es nimmt in dem Maße zu, in dem die Weltordnung unter dem Einfluss disruptiver Mächte vor unseren Augen zerfällt. Humboldt hat die Welt als Ganzes gesehen, politisch, ökonomisch, kulturell. Es gab für ihn keine überlegenen Nationen, kein Recht der Europäer, andere Kontinente auszubeuten und zu versklaven. Humboldts Denken wirkt wie ein Antidotum in diesen neoautoritären Zeiten.

Viele Erkenntnisse hat er aus eigener Anschauung gewonnen. Darin unterscheidet er sich maximal von anderen großen Geistern seiner Zeit. Kant oder Goethe und auch Karl Marx, der 2018 sein Jubiläumsjahr hatte, erkundeten die Welt vom Schreibtisch aus, recht bequem und meist ohne Gefahr. Alexander von Humboldt versucht die Weltströme nicht nur theoretisch zu erklären, sondern er geht dahin, wo noch keiner war. Hier muss man an Georg Forster erinnern. Forster hat mit James Cook die Welt umsegelt, er wusste, wovon er sprach und schrieb. Forster war Alexanders großes Vorbild.

Unterwegs, immer. Und auf volles Risiko. Humboldt experimentiert mit dem eigenen Körper, wirft sein Leben in die Waagschale, als hätte er sechs oder sieben davon. Als junger preußischer Oberbergmeister in Franken, mit 24 Jahren, wäre er um ein Haar in einem Stollen erstickt. Wenige Jahre später, bei einer Flussfahrt auf dem Orinoco, droht das Boot des preußischen Kolumbus zu kentern. Humboldt kann nicht schwimmen, und im Wasser sind Krokodile. Mit knapper Not kommt er davon. Nicht anders, als bei einer Vulkanbesteigung in den Anden eine Schneewand unmittelbar neben ihm abbricht und in die Tiefe stürzt. Das lange Leben des Forschers und Schriftstellers steckt voller Beinahe-Fatalitäten und Unternehmungen, die jeder Vernunft zuwiderlaufen. Das war sein Treibstoff.

Eine Wissenschaft, die mit den Menschen kommuniziert

Humboldt hatte gewaltigen Einfluss auf Dichter und Wissenschaftler in den USA. Seine Büste steht heute am Central Park.

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Humboldt bringt Natur- und Geisteswissenschaft auf exemplarische Weise zusammen. Das entwickelt heute eine starke Anziehungskraft. Es inspiriert Künstler ebenso wie Wissenschaftler. Die Dschungel- und Hightech-Fotografien von Thomas Struth haben etwas Humboldtisches. Es geht ihm, wie er im ersten Band des „Kosmos“ schreibt, um die „tiefere Einsicht in das Wirken der physischen Kräfte“ – und darum, wie sie zusammenhängen. Schließlich: „Alles ist Wechselwirkung“. Er verbindet Emotion und Analyse.

Humboldt kultiviert die berechnende Bewunderung und die bewundernde Berechnung. Eine welterschütternde Theorie wie Charles Darwin, der ihn verehrte, hat Alexander von Humboldt nicht hinterlassen. Er bietet intellektuelle Werkzeuge, offene Denkformen, holistische Ansichten, die sich im Globalisierungsschub des frühen 21. Jahrhunderts als erstaunlich frisch und nützlich erweisen: Nennen wir es den Humboldt-Code.

Dabei gibt es nicht einen, sondern viele Humboldts, viele Projektionsflächen. Man sieht den deutschen Forscher und Denker, der in den spanischen Kolonien zu sich selbst findet, den in Berlin geborenen Autor, der am liebsten in Paris lebt und arbeitet. Man verfolgt den Europäer, der sich bis ins hohe Alter – nach eigenen Worten – als halber US-Amerikaner fühlt. Verwundert schaut man auf den Mann, der so wenig von seinem Privatleben preisgibt und dessen Nachlass noch lange nicht ausgewertet ist. Da sind in der Forschung noch Entdeckungen zu erwarten, wenn nicht Überraschungen.

Berlin mochte Humboldt nicht, er sehnte sich fort

Er soll nicht überhöht werden, aber manchmal ist es wirklich schwer zu vermeiden: weil sich dieser Preuße als globaler Vermittler anbietet und weil von seinem umfassenden Wissen und der Art, wie er es erwirbt, tatsächlich etwas Heilsames ausgeht. Mit seinem durchdringenden Gerechtigkeitsempfinden nimmt er eine historische Sonderrolle ein.

Humboldt verbindet Orte mit Menschen und Menschen mit Reisen, die Erledigung einer Sache geht einher mit zehn neuen Geschäften und Ideen, eine Entdeckung führt zur nächsten Serie von Experimenten. Vieles ist ihm auch missglückt, so viele Reisepläne hat er nicht realisiert. Er verharrt als Schriftsteller, Vortragskünstler und Herausgeber im permanenten Reisemodus. Im Humboldt-Strom.

Berlin mochte er nicht, er sehnte sich fort immerzu. Er galt hier vielen als Fremder und suspekt. Doch im Berliner Winter 1827/28 beginnt für die Wissenschaft und für Alexander von Humboldt eine neue Zeitrechnung. In wenigen Monaten hält er insgesamt 61 Vorlesungen an der Universität, die sein Bruder Wilhelm von Humboldt 1809 in Berlin mitgegründet hat. Anfang Dezember 1827 wechselt Alexander von Humboldt die Lokalität. Die neben der Universität gelegene Singakademie, das heutige Maxim Gorki Theater, wird zum Schauplatz eines einzigartigen Triumphs. Was sich in 16 Vorträgen in der Singakademie bis Ende März 1828 vollzieht, lässt sich als die Begründung der modernen Wissenskultur verstehen.

Humboldt ist Stadtgespräch, zieht Zuhörer aus allen Schichten

Der Saal platzt bei jedem Auftritt Humboldts aus allen Nähten. Der „Kosmos“-Zyklus schafft eine neue Form von Öffentlichkeit. Er zieht Zuhörer aus allen Schichten an, Männer wie Frauen. Humboldt ist Stadtgespräch. Reaktionäre Kräfte wittern öffentliche Gefahr, greifen seine freidenkerische Natur an.

Neu ist damals und faszinierend jetzt gerade wieder, wie Humboldt Zusammenhänge präsentiert, wie Geist und Materie, Natur und Geschichte, Wissenschaft und Kunst und die eigenen Reiseabenteuer in einen mitreißenden Vortrag einfließen. Alles ist erforschenswert. Alles hat seine Bedeutung, jeder Landstrich, jeder Zeitraum, jedes Volk. Flora und Fauna und Mensch kommunizieren miteinander. Und es ist eine Wissenschaft, die mit den Menschen kommuniziert. Das muss die Zukunft sein.

Neue Bücher zu Humboldts Kosmos:

Ottmar Ette: „Das Buch der Begegnungen: Menschen – Kulturen – Geschichten aus den amerikanischen Reisetagebüchern“, Manesse, 416 S., 45 Euro

Ottmar Ette (Hrsg.): Alexander von Humboldt-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung“. J. B. Metzler, 330 S., 99 Euro

Oliver Lubrich (Hrsg.): „Der Andere Kosmos: 70 Texte, 70 Orte – 70 Jahre “, dtv, 300 S., 30 Euro (März 2019)

Oliver Lubrich (Hrsg.): Alexander v. Humboldt, Sämtliche Schriften. dtv, 6320 S., 249 Euro (Juli 2019)

Rüdiger Schaper: „Alexander von Humboldt – Der Preuße und die neuen Welten“, Siedler Verlag, 280 S., 20 Euro.

Andrea Wulf: „Die Abenteuer des Alexander von Humboldt“, 266 S., 28 Euro (März 2019)

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