Literaturnobelpreis : Im Zeitalter der Gekränkten

Nobelpreis-Skandal: In Schweden ist gerade Katarina Frostensons Abrechnungs- und Rechtfertigungsbuch „K“ erschienen.

Frank-Michael Kirsch
Wenig Einsicht. Katarina Frostenson, 66, war lange Mitglied der Schwedischen Akademie und wurde zum Rücktritt aufgefordert.
Wenig Einsicht. Katarina Frostenson, 66, war lange Mitglied der Schwedischen Akademie und wurde zum Rücktritt aufgefordert.Foto: AP

Das vorletzte Wort in Katarina Frostensons Tagebucherzählung „K“ hat Hölderlin: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“ Frostenson bemerkt abschließend: „Habe ich diese Worte nun verstanden? Ich habe sie erfahren.“

Damit endet ein literarisch bemerkenswerter, eindringlicher Text, für den die Bezeichnung Abrechnungs- oder Rechtfertigungsliteratur zu eng gefasst wäre. Wohl wider Willen der Autorin ist er aber auch das geworden. "K" wird in Schweden, da es am Donnerstag erschienen ist, für viele Diskussionen sorgen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass im Oktober zwei Literaturnobelpreise verliehen werden, der für 2018 und der für dieses Jahr.

Seit 1992 Mitglied der Schwedischen Akademie, stimmte die Lyrikerin Katarina Frostenson im Januar 2019 ihrem geforderten Ausscheiden zu, nachdem ein ökonomischer Vergleich erzielt und auf gegenseitige Gerichtsverfahren verzichtet worden war. Dem vorausgegangen waren die Vorwürfe von 18 Frauen, die im November 2017 in der Tageszeitung „Dagens Nyheter“ ihren Mann Jean-Claude Arnault sexueller Belästigung bezichtigt hatten. Arnault wurde im Dezember 2018 vom Landgericht Stockholm wegen Vergewaltigung in zwei Fällen zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Juristisch bezeugte Brüche der Schweigepflicht und ökonomische Ungereimtheiten des von Arnault und Frostenson betriebenen Stockholmer Kulturclubs Forum verschärften die Krise der Schwedischen Akademie und des Literatur-Nobelpreises, der 2018 nicht vergeben wurde.

„S steht heute für Schreckensherrschaft, für Sweden, Stortorget, Schwedische Akademie, Ständige Sekretärin. Abgekürzt SA, SS, SD.“

„K“ dokumentiert sechs Monate einer Landesflucht, „um Verfolgung und Verleumdung zu entkommen“. Der Buchstabe steht für Chaos (auf schwedisch: kaos), Krise, Katastrophe, Komplott, Konspiration, Kabale und Liebe (schwedisch: kärlek). Am Ende fügt Frostenson weitere K's hinzu: Kampf, Katharsis, Kunst, Kultur.

Das Szenario ist dramatisch. Frostenson und Arnault verlassen im November 2017 panikartig das Land S. „Raus aus Schweden. Raus aus dem engen Stiefel“. Wohin? Sie passieren Kopenhagen, Hamburg. Berlin scheint auf als Zufluchtsort, doch ihr Ziel ist Paris. „Niemals mehr das Land S, denke ich.“ Denn „S steht heute für Schreckensherrschaft, für Sweden, Stortorget, Schwedische Akademie, Ständige Sekretärin. Abgekürzt SA, SS, SD.“ (SD sind die Initialen von Frostensons Akademie-Kontrahentin Sara Danius).

Ursache der Landesflucht ist die mediale Jagd auf den ausgemachten Täter. Frostenson beharrt auf der Unschuld ihres Mannes. „Du warst nicht immer hinreichend sittsam, aber gewalttätig: nie“. In ihrer Lesart hat die Zeitung „Dagens Nyheter“, „die den Hass auf die Akademie, das äußerste Ziel des Angriffs, in ihrer DNA hat", alles arrangiert. Anonym bleibende Frauen sind für Frostenson nicht glaubwürdig, „vier oder fünf Erzählungen handeln von Sex, eine ist besonders gewaltsam, spektakulär“. Sie bemerkt Unterschiede, entdeckt Muster, groteske Übertreibungen, Lügen, Ränkespiele, Neid. Als Akademiemitglieder sich auf die Seite der Frauen schlagen, Vertraute sich abwenden, Sara Danius eine juristische Untersuchung anberaumt, verliert Frostenson den Halt. Wie ein Leitmotiv durchzieht das Buch der Satz über Freunde, die dem Paar das Leben retten.

Ihre Angriffe auf die Akademie und ihr Umfeld sind gallig

Das völlige Ausblenden einer Schuld ihres Mannes macht Teile dieses Buches schwer erträglich. Wie erging es denen, die seine Drohungen ängstigten, wenn sie nicht gefügig waren? Wie manche andere bekam die Journalistin und Schriftstellerin Lena Ten Hoopen zu hören, nachdem sie sich von ihm losgerissen hatte: „Ich werde dafür sorgen, dass deine Tage in der Branche gezählt sind. Weißt du nicht, mit wem ich verheiratet bin?“ Arnault, der auftrat wie ein 19. Mitglied der Akademie, beherrschte die Sprache der Macht. Und offensichtlich auch Frostenson. Peter Englund, früherer Ständiger Sekretär der Akademie, stellte sie wegen des durchgesickerten Namens des Nobelpreisträgers Modiano zur Rede: „Sie verteidigte ihn äußerst aggressiv, wie immer, wenn ein Schatten auf ihn fiel. Da ließ ich die Sache auf sich beruhen."

Frostenson gibt nur eine Tatsache zu, die sie belasten könnte: es versäumt zu haben, die Akademie über ihre Teilhaberschaft an der offenen Handelsgesellschaft im Kulturclub Forum zu informieren. Das war „ausschließlich fehlender Aufmerksamkeit“ geschuldet. An Entscheidungen über finanzielle Zuwendungen der Akademie an den Club sei sie nie beteiligt gewesen. Sollte dies stimmen, ist einer der Hauptvorwürfe gegen sie Schall und Rauch. Vehement wehrt die Lyrikerin sich gegen die „Lügengeschichte von der Hand auf dem Gesäß der Kronprinzessin“, die schwedische Zeitungen verbreiteten und die durch die Weltmedien ging. „Ich habe es miterlebt. Ich stand hinter dir und sah, als du an ihr vorübergingst, wie du deine Hand über ihren Arm legtest, und möglicherweise ihre Taille berührtest, denn du standst hinter ihr und wolltest vorbei, du hast ihr das bedeutet. /…/ Die Prinzessin lief weiter, wandte sich um und lachte.“

Frostenson folgt Ovids Rat, auf Verleumdungen nicht zu antworten, seien Verteidigungsreden doch selten ein Gegengift. Unter Berufung auf Kafka und andere behauptet sie, es sei unmöglich, sich gegen Falschanklagen zu wehren. Dies sei einem Menschen unwürdig. Sie, Katarina, was „Die Reine“ bedeute, ließe sich darauf nicht ein. Spukt hier unterbewusst die Furcht vor zu schwachen Argumenten?

Frostenson kennt die schönsten und unbekanntesten Winkel des Schwedischen

Ihre Angriffe auf die Akademie und ihr Umfeld sind umso galliger. Oder liegt alles am Zeitgeist? „Wir leben im goldenen Zeitalter der Gekränkten.“ Vor 50 Jahren war 1968: „Das war eine Zeit, die Hoffnung machte auf Veränderung. Auf Gemeinschaft. Auf Schöpfertum. Sie hatte wilde Seiten. Sie war naiv. Aber es gab nicht den Hass, in dem wir heute leben.“

Dies ist, wohl gemerkt, keine Rezension. Literarisch ist das Buch ein Kleinod, eine sprachlich filigrane Arbeit der Sonderklasse. Frostenson kennt die schönsten und unbekanntesten Winkel des Schwedischen. Als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen des Landes ist sie darin zuhause, zitiert aus ihrem breiten Œuvre, verwebt es mit dem Schicksal der Exilantin, als die sie sich empfindet.

Hinzu kommt eine Kenntnis der Weltliteratur, bei der die 25 Jahre in der Schwedischen Akademie Pate stehen. Deutschsprachige Autoren wie Rilke, Kafka, Thomas Bernhard, Peter Handke sind Frostenson im Original vertraut, von französischen Literaten und Philosophen ganz zu schweigen. Bachs Matthäus-Passion gibt ihr, wie die Literatur, neue Lebenskraft.

Überhaupt ist das Buch in vielen Facetten eine Hymne auf wiedergewonnenes Leben. Andersens Märchen „Der Reisekamerad“, das als Parallelhandlung den roten Faden bildet, lehrt sie, sich prüfend aus dem Griff des Bösen zu befreien.

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Es scheint, als würden die Scharmützel in der Akademie zwergenhaft klein werden angesichts des wieder pulsierenden Alltags. Selbst das Ausfüllen der Antragsformulare für die französische Staatsbürgerschaft nimmt sie, die Bürokratisches verabscheut, geduldig hin. „Ganz schwedisch kann ich niemals mehr sein.“ Manche der Wahrheiten über Schweden hat Frostenson im Zorn verfasst. Sie stimmen aber: Das rücksichtsvolle, aber auch das feige Schweigen. Das Verstecken hinter anderen. Konsens-Kultur in absurdum, stille Schadenfreude. Bei aller Rechtfertigung, aller fehlenden Einsicht, womöglich Schuld auf sich geladen zu haben: Dieses Buch ist in Bezug auf Schweden und die landläufigen Klischees über das Land ein erschütterndes Gegengewicht.

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