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Hollywoods Allmächtige: Drehbuchautor Herman Mankiewicz (Gary Oldman), Studioboss Louis B. Mayer (Arliss Howard) und Regisseur Joe Mankiewicz (Tom Pelphrey, v. li.)
© Netflix

Netflix-Film über Hollywood: „Mank“ zeichnet ein düsteres Bild der Goldenen Ära

David Fincher erzählt in seinem bissigen Biopic vom legendären "Citizen Kane"-Streit zwischen Herman J. Mankiewicz und Orson Welles.

Von Andreas Busche

Für einen Trinker ist die kalifornische Mojave Wüste kein besonders gastfreundlicher Ort. Das Klima ist verdammt „trocken“, das meint auch die Versorgungslage mit Hochprozentigem. Ideale Voraussetzungen also für einen Entzug, vor allem aber für eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre. Der Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz kommt in David Finchers Biopic „Mank“ lädiert in seinem Wüstenrefugium an: Er hat sich ein Bein gebrochen, Sinnbild auch für eine Karriere im Zeichen der Selbstdemontage.

Mankiewicz gehörte zusammen mit befreundeten Autoren wie Ben Hecht und Charles Lederer zu den Edelfedern im klassischen Hollywood, im Auftrag der Studiomogule päppelten sie auch schon mal ein lahmes Skript mit ihren schnellen Dialogen auf. Ende der Dreißiger war Mankiewicz dann dank seiner Alkohol- und Spielsucht tief gefallen, MGM-Boss Louis B. Mayer hielt ihn sich noch als Maskottchen, in Erinnerung an alte Glanztaten.

Zwischen diesen Phasen springt Fincher in seinem ersten Netflix-Film, nach dem Drehbuch seines Vaters Jack. In seiner Blütezeit pitcht Mankiewicz, mit jovialem Säufersarkasmus von Gary Oldman gespielt, dem sichtlich indignierten „Joe“ von Sternberg absurde Drehbuchideen (ein Monster-B-Picture) und verkehrt in den gesellschaftlichen Kreisen von William Randolph Hearst (Charles Dance). Auf seinem Karrieretief kotzt er dem Zeitungsmagnaten die gewienerten Marmorfliesen voll.

Die Hausbar als Inspirationsquelle

Da ahnt niemand, dass Mankiewicz der Höhepunkt seiner Karriere noch bevorsteht. Am Krankenbett erscheint ihm wie in einem Fiebertraum das neue „Boy Wonder“ Hollywoods Orson Welles. Er soll dem Jung-Genie das Drehbuch für einen Film schreiben, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.

Filmproduzent John Houseman, wie Mankiewicz ein jüdischer Migrant aus Europa, schickt seinen bettlägerigen Schützling mitsamt einer deutschen Haushaltshilfe (Monika Gossmann) und einer resoluten britischen Sekretärin (Lily Collins) in die Wüste. In 60 Tagen soll das Drehbuch fertig sein, so lange hielt es nicht mal Jesus in der Wüste aus. Zur Inspiration lässt sich Mank erst mal heimlich die Hausbar auffüllen.

Fincher gilt nicht unbedingt als erste Adresse für Hollywood-Kintopp, in seinem kontrollierten Kino ist kaum Platz für nostalgische Effekte. Es wäre allerdings falsch, „Mank“ auf den legendären Streit zwischen Mankiewicz und Welles über die Autorenschaft von „Citizen Kane“ zu reduzieren. Welles geistert als sagenumwobene Gestalt durch den Film, meist nur als Stimme am Telefon. Der sardonische Tom Burke (angelehnt an die campe Welles-Inkarnation Arkadin aus „Herr Satan persönlich“) bekommt gerade so viel Zeit vor der Kamera, um es mit dem Mythos nicht aufnehmen zu müssen.

Hollywood-Bild ohne Sentimentalität

Die Entstehungsgeschichte von „Citizen Kane“ ist ohnehin oft genug erzählt worden: Anfang der Siebziger von der Kritikerin Pauline Kael, als Rehabilitierungsschrift für Mankiewicz, später auch im Kino (da gespielt von John Malkovich). Die Geschichte fand ein unversöhnliches Happy-end: 1942 teilten sich Welles und Mankiewicz den Drehbuch-Oscar, die Streithähne blieben der Verleihung fern.

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Durch den Rückgriff auf die dreißiger Jahre gibt Fincher der Randfigur Hearst in dem Konflikt eine zentralere Rolle. Die Flashbacks sickern durch den Alkoholnebel in den Schreibprozess ein, in dem Manks Erinnerungen an den Medienzar langsam mit seiner Figur Charles Foster Kane verschwimmen. Finchers Hollywood-Bild lässt trotz der klassizistischen Schwarz-Weiß-Kinematografie von Erik Messerschmidt jede Sentimentalität vermissen – aber auch den bösartigen Spott der Cohen-Brüder in „Hail Caesar“ (in dem der Untergang des Studiosystems allerdings schon besiegelt ist).

„Mank“ beobachtet zynische Granden wie Louis B. Mayer (Arliss Howard), David O. Selznick und Irving Thalberg mit indifferenter Neugier, doch als Bösewicht im Hintergrund erweist sich Hearst, der die Studiobosse wie Marionetten tanzen lässt.

Mit Fake-News in den Wahlkampf

Der Republikaner Hearst bedient sich der Suggestivkraft des Kinos, um im kalifornischen Gouverneurs-Wahlkampf 1934 eine schmutzige Kampagne gegen den Schriftsteller und Sozialisten Upton Sinclair zu führen. Der war kurz zuvor als Produzent von Eisensteins Revolutions-Agitprop „Qué viva México!“ krachend gescheitert.

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Die Propagandafilme gegen Sinclair entstehen bei Fincher auf dem Studiogelände, mit dem Segen der Bosse. Mankiewicz’ Prinzipienfestigkeit mag nur bis zum nächsten Tresen reichen, aber die Korruptheit der Filmindustrie wird ihn später dazu veranlassen, die Kane-Figur Hearst nachzuempfinden.

Die Idee, Hearst als eine Art Proto-Rupert-Murdoch ins Spiel zu bringen, ist natürlich wohlfeil. „Mank“ wird deswegen nicht zum politischen Film, der Tiefgründiges zum Verhältnis von Medien und Unterhaltungsindustrie zu sagen hat. Darum ging es Fincher allerdings schon in „The Social Network“ nicht.

(Jetzt auf Netflix)

An Mankiewicz interessiert ihn letztlich dasselbe, was ihn an Mark Zuckerberg fasziniert hat. Wie manövriert sich ein im Grunde sozial unverträglicher Charakter durch ein Feld gesellschaftlicher Konventionen – und wie kann er am Ende mit dem Monster leben, das er (mit)geschaffen hat?

Prestigeprojekt für Netflix

Der unschön außer Form geratene Oldman verleiht Mankiewicz einen ramponierten Charme, der noch in den abgründigsten Momenten eine Anziehungskraft besitzt. Diese Nonchalance, eine gewisse Nachlässigkeit gar, durchzieht auch den Film, bis in die ausgewaschenen Schwarzweiß-Bilder – nebenbei der größtmögliche Kontrast zur prächtigen Tiefenschärfe von „Citizen Kane“.

Fincher hinterlässt nicht den Eindruck, als versuche er sich für einen Oscar ins Gespräch zu bringen, obwohl Netflix „Mank“ als Prestigeprojekt in der Liga von „The Irishman“ bewirbt. Für einen Kontrollfreak wie Fincher wirkt er geradezu dahingejazzt.

In der schönsten Szene spazieren Mankiewicz und die junge Schauspielerin Marion Davies (Amanda Seyfried), Hearsts Gespielin, bei einem unschuldig-nächtlichen Tête-à-Tête durch den Privatzoo des Anwesens, ein surreales Szenario mit Serengeti-Tonspur. Die Tiere sind hinter den Gittern nur schemenhaft zu erkennen. Eine Vorahnung von Xanadu, dem goldenen Käfig von Mankiewicz’ krönender Schöpfung, liegt bereits in der Luft.

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