• Martina Gedeck und Ulrich Tukur im Gespräch: „Wenn man anfängt, über eine Beziehung zu diskutieren, ist sie am Ende“

Martina Gedeck und Ulrich Tukur im Gespräch : „Wenn man anfängt, über eine Beziehung zu diskutieren, ist sie am Ende“

Martina Gedeck und Ulrich Tukur spielen die Hauptrollen in der Scheidungskomödie „Und wer nimmt den Hund?“. Ein Gespräch über Eheprobleme und Quallen.

Jetzt noch mal von vorne. Doris (Martina Gedeck) hat die Nase voll. Georg (Ulrich Tukur) soll vor Zeugen sagen, was los ist.
Jetzt noch mal von vorne. Doris (Martina Gedeck) hat die Nase voll. Georg (Ulrich Tukur) soll vor Zeugen sagen, was los ist.Foto: Boris Laewen/Majestic Film

Frau Gedeck, Sie haben gerade erst 2016 in „Gleißendes Glück“ mit Ulrich Tukur gespielt. Jetzt liegen Sie schon wieder zusammen im Bett: Entwickeln Sie beide sich zum erotischen Traumpaar der Babyboomer-Generation?

MARTINA GEDECK: Bezogen auf „Gleißendes Glück“ ja, bei „Und wer nimmt den Hund?“ nein. Was da im Bett passiert, ist nicht unbedingt erstrebenswert.

ULRICH TUKUR: Wir sind bestimmt nicht Willy Fritsch und Lilian Harvey, wir drehen ja keine seichten Unterhaltungsfilme. Aber wir kennen einander schon sehr lange und haben großes Vertrauen zueinander. Wir haben in meinem ersten „Tatort“ zusammen gespielt. Dann trafen wir uns in „Das Leben der Anderen“ wieder. „Gleißendes Glück“ war die nächste Zusammenarbeit, ein hochkomplexes, abgründiges Partnerspiel. Nun hatten wir die Möglichkeit, eine Komödie miteinander zu spielen. Traumpaar wäre zu hoch gegriffen, aber wir sind ein gutes Paar.

Der Film macht aus der Klischeesituation Trennung eine Geschichte, die nicht in Stereotype mündet. Das gilt auch für Ihre Figuren Doris und Georg.

GEDECK: Georgs Bewegungen haben eine große Naivität, weil er sich Hoffnungen macht, dass etwas Neues beginnt. Es ist rührend zu sehen, wie er von seiner jungen Freundin begeistert ist und in eine Situation reinläuft, die nur schiefgehen kann. Und meine Doris bricht ja auch übers Knie, dass sie einen neuen Lover hat. Beiden dabei zuschauen, wie sie ins eigene Scheitern laufen, das ist das Interessante.

TUKUR: Zwischen Georg und seiner Neuen liegen 30 Jahre, das kann nicht gut gehen. Da lügt er sich was in die Tasche.

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Martina Gedeck, 57, und Ulrich Tukur, 62, gehören zu den profiliertesten deutschen Schauspielern ihrer Generation. In Rainer Kaufmanns kluger, mit viel Dialogwitz gespickter Scheidungsdramödie „Und wer nimmt den Hund?“ spielen sie ein gutsituiertes Hamburger Ehepaar.

Bei Doris und Heinz herrscht nach 25 Jahren Ehe zivilisierte Paarroutine. Die zwei Kinder sind aus dem Haus und machen ihr eigenes Ding. Sie ist Hausfrau und jobbt in einer Galerie, er ist Quallenforscher und Direktor des Aquariums. Als Georg eine Affäre mit seiner Doktorandin gesteht, schmeißt Doris ihn raus. Nun stehen sie – nach mehr als einem Vierteljahrhundert Ehe – vor dem Scherbenhaufen ihrer Beziehung. Doris schleppt den widerwilligen Georg zur Paartherapeutin. Wenn schon scheitern, dann doch wenigstens wissen warum!

„Und wer nimmt den Hund?“ startet am Donnerstag in 11 Berliner Kinos.

Sie meinen, so ein Altersunterschied funktioniert grundsätzlich nicht, Herr Tukur?

TUKUR: Es ist auf jeden Fall wahnsinnig schwierig. Zumal mein Charakter sich dem eigentlichen Problem nicht stellt. Er büchst ja vor dem Älterwerden aus. Es ist eine alte Woody-Allen-Weisheit, dass alternde Männer, die Affären mit Jüngeren anfangen, die Angst vor der Sterblichkeit sublimieren. Viele Männer wollen sich verjüngen, indem sie sich junge Gespielinnen zulegen.

In Georgs Alter geraten sie oft in eine gewaltige Krise, weil sie sich fragen, was noch kommen soll. Die großen Illusionen kann man sich abschminken. Es wird in Sachen Erotik und Beziehung zu Frauen nicht mehr viel Neues geben. In der Ehe haben sich die Dinge verfestigt, das macht unzufrieden. Man ist im Wartestand und hofft darauf, dass noch einmal etwas Unerhörtes passieren möge.

Dass man einfach weiter ausbauen kann, was man sich über Jahrzehnte erarbeitet hat, darauf kommen Männer wie Georg nicht. Sie laufen lieber vor sich selbst davon. Aber das ist eben keine Lösung, irgendwann kommt das Alter doch, und wenn du es nicht schaffst, damit deinen Frieden zu machen und klug damit umzugehen, wird es schiefgehen.

GEDECK: Doris erfährt dagegen am Ende eine Befreiung. Sie ist von Beginn an unabhängig. In der Situation der Betrogenen kämpft sie für sich selber und akzeptiert die Opferrolle nicht. Sie jammert nicht und sagt, mir geht es schlecht, ich werde alt, ich bin hässlich, mein Mann rennt weg. Sondern sie sagt: Freundchen, jetzt setzt du dich mal schön hier auf die Couch und erklärst vor Zeugen, was los ist. Dann wird der Konflikt ausgetragen.

Wie sublimiert die alternde Frau denn die Vergänglichkeitsangst, Frau Gedeck?

GEDECK: Doris holt den Teil ihres Lebens, den sie zugunsten der Kinder und des Mannes aufgegeben hat, wieder hervor. Sie wollte Künstlerin werden. Das ist immer eine Option. Da schlummert ja in jedem was.

TUKUR: Sie eröffnet sich ein ganz neues Feld, indem sie sich als Herausgeberin eines Kunstmagazins versucht. Er fängt eine Beziehung an, aber nichts geistig Bereicherndes.

GEDECK: Aber du hast als Aquariumsdirektor deine Quallen. Das darfst du nicht vergessen.

TUKUR: Die Quallen waren aber von Anfang an da, das ist nichts Neues.

Haben die Dreharbeiten im Aquarium Ihr Verhältnis zu Quallen befruchtet?

GEDECK: Massiv. Ich war außer mir vor Begeisterung über diese Tiere. Die sind so fein und haben eine wahnsinnige Magie.

TUKUR: Sie sind geheimnisvoll, von seltsamer, magischer Schönheit. Die Natur hat etwas Göttliches, eine stille, leuchtende Welt.

Apropos Stille. Georgs klassischer Satz „Ich habe jemanden kennengelernt“ wird von Doris zuerst regungslos zur Kenntnis genommen: weil es die Bombe ist, auf deren Einschlag jeder Mensch in einer langen Beziehung insgeheim wartet?

GEDECK: Als ob man einen Schlag kriegt und erst mal nichts spürt, und dann kommt erst der Schmerz. Bevor das Herz das erfasst, sagt erst mal der Kopf: Das war doch klar zwischen uns, dass das jedem passieren kann. Man hat sich vorgestellt, wie man damit umgeht, wenn das mal eintreten sollte. Aber du rechnest nicht mit der Wucht der Emotion. Doris auch nicht.

TUKUR: Georg kommt sich ganz toll vor, weil er so ehrlich ist. Ist ja eine beeindruckend klare Ansage für jemanden, der sich immer um alles herumdrückt und den Konflikten aus dem Weg geht.

Dann entscheidet sich die betrogene Doris aber doch, ihre Wut handgreiflich auszuleben: Gefällt Ihnen das, Frau Gedeck?

GEDECK: Ich persönlich wäre nicht handgreiflich. Aber ich erlebe Menschen, die es werden, und finde es immer toll. Dass man sich ein Ventil sucht und sich abreagiert. Nicht an einer Person, sondern an einem Gegenstand. Stellvertretend sozusagen. Mir selber ist es nur ein einziges Mal passiert, dass ich das Telefon vor Wut an die Wand geschmissen habe. Und selber völlig erstaunt war, dass ich dazu in der Lage war. Da war mein Verstand langsamer als mein Gefühl.

TUKUR: Da müsste bei mir etwas hochkochen, das ich sehr lange in mich hineingefressen habe. Ist auch schon passiert. Es war aber kein Akt der Befreiung, sondern totale Verzweiflung. Eine Emotionseruption, die auch gefährlich war. Ich finde so einen Kontrollverlust eher erschreckend.

Komödiantisch angehauchte Rosenkriege gerinnen im Kino häufig zum Klischee. Schließlich kennt jeder Mensch die bei einer Trennung greifenden Muster. Wie wird trotzdem keine Plotte aus einer Scheidungsgeschichte?

TUKUR: Ein gutes Drehbuch ist das A und O. Martin Rauhaus, der Autor, den ich vorher gar nicht kannte, verhandelt das Thema präzise und mit sehr amüsanten Dialogen. Dabei ist die Grundierung der Geschichte eher dunkel, denn die Trennung von Doris und Georg ist ja im Grunde todtraurig. Sie hat sich emanzipiert und befreit. Er hat alles kaputt gemacht. Freundin weg, Frau weg. Zwar ist er immer noch Quallenforscher, aber als Mensch hängt er belämmert in der Ecke. Von neuer Freiheit keine Spur.

GEDECK: Der Zuschauer denkt, das könnte mir auch passieren. Die Künstlichkeit der Komödie ist in Realismus eingebettet, deswegen fühlt man mit.

Würden Sie nach den im Film mit der Trennungstherapie gemachten Erfahrungen selber eine buchen?

GEDECK: Ja. Wenn ich mit meinem Partner in so einer völlig verfahrenen Situation wäre, fände ich so eine Form der Gesprächsführung gut.

TUKUR: Auch um die eigene Situation zu verstehen. Man ist ja völlig betriebsblind. Da ist Beratung überhaupt nichts Ehrenrühriges.

Am Ende des Films fragt man sich ernsthaft: Was ist nach 25 Jahren Ehe wertvoller – gehen oder bleiben?

TUKUR: Ich glaube, wenn man schon 25 Jahre durchgehalten hat, sollte man weitermachen, solange noch ein Fünkchen Hoffnung besteht.

Durchgehalten? Die Ehe ist doch kein Bootcamp.

TUKUR: Wenn man es hinkriegt, nicht aufzugeben, führt es am Ende vielleicht doch zu einem überraschenden Erfolg. Du hast immer Momente, wo es stillzustehen scheint, wo man sich gegenseitig nicht mehr so inspiriert. Aber darüber kommt man hinweg. Und wenn du diese Krise überwunden und gemeistert hast, wird die Beziehung größer.

GEDECK: Ich würde sagen: gehen und bleiben. Manchmal hilft es, Abstand zu gewinnen. Beispielsweise wenn die Menschen keine Achtung mehr voreinander haben. Ich habe in meinem Bekanntenkreis erlebt, dass Leute, die sich nach langen Ehen getrennt haben, trotzdem in Verbindung geblieben sind. Und Georg und Doris haben ja Kinder. Da hört die Beziehung nie auf.

TUKUR: Wenn man aber anfängt, über eine Beziehung zu diskutieren, ist sie eigentlich am Ende.

Steile These: Paare müssen sich also wie von selbst verstehen und dürfen nichts problematisieren?

TUKUR: Entweder stimmt die Grundenergie und die Charaktere sind kompatibel. Dann geht das ohne große Diskussion. Wenn aber Werte verhandelbar werden, bricht die Substanz weg. Das behaupte ich mal so schlankweg. Stellt man die Beziehung infrage, ist ein Knacks drin.

Aber Paare reden doch oft viel zu wenig, deswegen schleifen sich Muster ein.

GEDECK: Genau das, dass man nicht mehr richtig miteinander spricht. Gerade bei langjährigen Partnerschaften ist der Austausch wichtig. Auch wenn man glaubt, die Antwort auf gestellte Fragen schon zu kennen. Ich bin ja mit meinem Lebensgefährten schon lange zusammen. Der weiß natürlich, was ich gerade mache, fragt aber trotzdem immer: Wie geht’s dir, wie isses gerade?

TUKUR: Nervt dich diese permanente Fragerei nicht?

GEDECK: Nee. Miteinander sprechen ist wichtig. Und das haben Doris und Georg eben nicht getan.

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