Er organisierte das einzige Berlin-Konzert von Joy Division - ein Debakel

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Mit Musiker Mark Reeder in Schöneberg : Der Sound der Achtziger in West-Berlin
Musiker, Produzent, Schauspieler und Autor Mark Reeder kam 1978 von Manchester nach Berlin.
Musiker, Produzent, Schauspieler und Autor Mark Reeder kam 1978 von Manchester nach Berlin.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die TV-Bilder zeigen Reeder als Führer durch die Berliner Nacht. Mit der Moderatorin Muriel Gray besucht er etwa das Risiko, wo sie im Vorbeigehen ein Gespräch mit Christiane F. führen. Reeder vermittelt Gray herrliche Interviews mit dem jungen Farin Urlaub und dem schön mauligen Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten. Und natürlich kommt auch der Dschungel vor, laut Reeder damals der coolste Laden der Stadt. Mit dem Fahrrad sind es nur ein paar Minuten von seiner ersten Wohnung zu dem legendären Club in der Nürnberger Straße. Wir schauen durch die Scheiben des schicken Restaurants, das jetzt hier seinen Sitz hat. „Alles total umgebaut“, sagt Reeder und deutet in die Richtung, wo einst die Tanzfläche war. Ideal haben den Dschungel besungen und vor zwei Jahren auch David Bowie in seinem West-Berlin-Song „Where Are We Now“. Reeder erinnert sich, dass der Musiker gern in der oberen Etage Platz nahm. „Aber unten war es aufregender“.

Im armen Manchester war Punkrock ein Versuch der Misere zu entkommen

Aufregend – Mark Reeder benutzt das Wort häufig, um das Berlin der Achtziger zu beschreiben. In seinem nur von einem leichten Akzent angehauchten Deutsch erklärt er, was ihn an der eingemauerten Stadt so anzog, die zwar noch heruntergerockter aussah als Manchester, aber von einer ganz anderen Energie erfüllt war: „Bei uns machten die Fabriken zu, die die industrielle Revolution getragen hatten. Die Leute waren arbeitslos, Jugendliche bekamen keine Ausbildungsplätze.“ Punkrock sei der Versuch gewesen, dieser Misere zu entkommen. „Die Hoffnung war, vielleicht einen Hit zu schreiben und nach London ziehen. Ganz anders Berlin: Die Stadt war schon der Fluchtort. Deshalb konnten die Leute hier eine andere Art von Musik machen und sich ohne Rücksicht auf Erfolg einfach nur selbst ausdrücken.“ Das wirkte so reizvoll auf Reeder, dass er ständig ausging, weil er nichts verpassen wollte. In der kleinen Szene übernahm er bald diverse Jobs: Er wurde Sound-Mixer, spielte in Horrorfilmen von Jörg Buttgereit mit und war der Roadie, Manager und Mixer der Band Malaria. Reeder machte auch selbst Musik, unter anderem in der New-Wave-Band Shark Vegas, von der in „B-Movie“ einige schrille Videoszenen zu sehen sind.

Reeder spielte auch in der Technozeit eine wichtige Rolle in Berlin

Ein weiterer von Reeders Jobs bestand darin, das damals noch unbekannte Manchester-Label Factory Records in Deutschland zu repräsentieren, was erst mal nicht sonderlich gut funktionierte. So organisierte er im Januar 1980 das einzige Berlin-Konzert von Joy Division im Kant- Kino, das nicht mal halb voll war. „Zudem war der Sound schlecht, die Leute konnten Ian Curis’ Stimme nicht hören. Als ein Zuschauer ,lauter, lauter‘ rief, antwortete Bernard Sumner: ,Speak fucking English you german bastard‘. Ab diesem Moment war die Stimmung im Keller,“ so Reeder. Einige Monate später brachte sich Curtis um. Für Reeder, der ihn seit Teenagertagen kannte und Joy Division für die beste Band der Welt hielt, eine kaum zu verkraftende Horrormeldung. Von da an gab es überhaupt keinen Weg mehr zurück nach Manchester – sein letzter Hoffnungsschimmer dort war verschwunden.

Berlin wurde indes immer hipper, auch Nick Cave zog her und wohnte erst mal bei Reeder in Kreuzberg. Ein anstrengender Mitbewohner sei der Australier gewesen, erzählt er lachend. Und übrigens überhaupt nicht so ein Blixa-Schatten, als der er in Oskar Roehlers Berlin-Film „Tod den Hippies! Es lebe der Punk!“ erscheint. Dieses schiefe Bild habe ihn schon ein bisschen traurig gemacht, sagt Reeder, der nach wie vor Uniformen bevorzugt. Zum Gespräch ist er in hohen Stiefeln und einer Art Sternen-Flotten-Kapitänsoutfit erschienen. Seine mittlerweile grauen Haare trägt der 57-Jährige weiterhin streng gescheitelt. Und auch seine Meinung zu Berlin, dessen Ost-Teil er damals regelmäßig besuchte und mit Musik versorgte, ist unverändert positiv. Schließlich herrschten hier immer noch freies Denken, Toleranz und hohe Lebensqualität. „Berlin war schon immer eine grande illusion. Du kannst hier finden, was du willst,“ sagt er und gibt sich völlig unsentimental, was die Achtziger angeht.

Reeder, der auch in der Technozeit unter anderem mit einem eigenen Label kräftig mitgemischt hat, wohnt inzwischen am Südstern, geht noch gelegentlich aus und konzentriert sich derzeit auf seine eigne Musik. Mit freundlichen Gelassenheit schaut er auf die musikalische Zukunft der Stadt und hofft, dass „B-Movie“ die Berlin-Neuankömmlinge von heute inspiriert. Einfach mal machen und sehen, was passiert. Ohne Rücksicht auf Verluste oder Erfolge.

„B-Movie – Lust & Sound in West-Berlin“ läuft im Babylon Kreuzberg, Delphi, Filmrauschpalast und International.

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