• Molchat Doma aus Minsk: Eine der beliebtesten New-Wave-Bands aus Osteuropa kommt nach Berlin

Molchat Doma aus Minsk : Eine der beliebtesten New-Wave-Bands aus Osteuropa kommt nach Berlin

Ihr finsterer Sound erinnert an Joy Division. Populär wurden sie durch Youtube. Nun kommt die ungewöhnliche Band Molchat Doma nach Berlin. Ein Porträt.

Jean Dumler
Roman Komogortsev, Yegor Shkutko und Pavel Kozlov sind seit 2017 Molchat Doma.
Roman Komogortsev, Yegor Shkutko und Pavel Kozlov sind seit 2017 Molchat Doma.Foto: Promo

Kredibilität. Ein Begriff, der nicht nur im Rap, sondern auch in der Punk- und Post-Punkszene eine große Bedeutung hat. Die oft in schwierigen Verhältnissen aufgewachsenen Musiker litten an Traumata oder Unterdrückung. Zuflucht fanden sie in ihrer Kunst. Joy-Division-Sänger Ian Curtis etwa besaß diese Kredibilität, was zum Erfolg seiner Band außerhalb der ursprünglichen Szene beitrug.

Der Klang jener Zeit ist heute wieder allgegenwärtig. Es existieren zahlreiche Bands, die den Sound von Joy Division oder deren Nachfolgeband New Order imitieren. Innovationskraft und Authentizität fehlen den Bands häufig. Anders sieht das in Osteuropa aus. Die Plattenbauten der einst sowjetischen Großstädte dienen nicht nur als hervorragende Kulisse. Dort bildete sich in den letzten Jahren auch eine große und diverse New-Wave-Szene mit einer hohen 80er-Jahre-Affinität aus.

Die weißrussische Band Molchat Doma, was „die schweigenden Häuser“ bedeutet, passt perfekt zu den Plattenbau- Kulissen. Ihr düsterer Sound bewegt sich irgendwo zwischen Post- Punk, New Wave und Synth-Pop. Obwohl Sänger Yegor Shkutko, Roman Komogortsev (Gitarre, Synthesizer, Drummachines) und Pavel Kozlov (Bass, Synthesizer) erst im Jahr 2017 zueinanderfanden, ist ihr musikalisches Programm eine beispiellose Ostblock-Version von Joy Division.

„Unser Erfolg ist mit einem wachsenden Interesse an der osteuropäischen Szene verbunden. Wir haben viele gute Bands in der GUS. Wir denken, dass wir einfach Glück hatten“, sagt Roman Komogortsev im E-Mail-Interview.

Ihre Popularität verdankt die Band einem Youtube-Phänomen

Molchat Doma zählen zu den derzeit beliebtesten New-Wave-Bands aus Osteuropa. Unter Vertrag beim Berliner Independent-Label Detriti Records spielten sie im Sommer bereits auf dem Pop Kultur Festival, wo sie als Geheimtipp gehandelt wurden. Bei ihrem Auftritt in der Kulturbrauerei kam viel Nebel und Stroposkoplicht zum Einsatz. Yegor Shkutko tanzte beim Singen wie hypnotisiert und steckte damit das Publikum an. Seit September ist die Band auf Europatour.

Ihren Erfolg verdanken sie teilweise einem Internet-Phänomen. Unter dem Namen „Russian Doomer“ findet man auf Youtube zahlreiche, bereits hunderttausendfach geklickte Playlists mit Künstlern aus den GUS-Staaten, die auf einen dystopischen Sound setzen. Songs von Molchat Doma sind fast immer vertreten. Der Begriff Doomer bezeichnet Menschen, die glauben, dass der Zusammenbruch der Zivilisation und das Aussterben der Menschheit bevorstehen oder sogar schon begonnen haben. Hoffnungslos wenden sie sich von der Gesellschaft ab.

Geprägt von sowjetischen Bands wie Kino und Biokonstruktor

Denkt man an die politische Lage Weißrusslands, scheint es naheliegend, dass sich die aus der Hauptstadt Minsk stammende Band Molchat Doma für einen finsteren Sound entschieden hat. Weißrussland wird seit 1994 vom diktatorisch auftretenden Präsidenten Alexander Lukaschenko regiert, Meinungs- und Kunstfreiheit sind eingeschränkt, selbst die Todesstrafe wird weiterhin vollstreckt.

Doch Gitarrist Roman Komogortsev sagt, dass das Umfeld der Band für ihre Musik nur eine geringe Rolle spielt: „Was den Klang betrifft, wurden wir nicht so sehr von dem Land beeinflusst, in dem wir leben, sondern von den Bands, die wir hören.“ Seit ihrer Kindheit haben die Bandmitglieder die sowjetischen Bands Kino und Biokonstruktor gehört, aber auch Joy Division und Eurythmics. „Bereits meine Eltern haben solche Musik gehört, sie ist einfach zeitlos“, so Komogortsev.

Sie wollen die Musik ihrer Idole jedoch nicht einfach imitieren, sondern weiterentwickeln. Beispielsweise finden sie den Drumcomputer OB DMX, der etwa im New Order-Klassiker „Blue Monday“ verwendet wurde, gar nicht so gut wie dessen Ruf und verwenden stattdessen einen Linn Drum lm-1. Der ist eher bei A-ha, Michael Jackson und Queen zu hören.

[Molchat Doma spielen am 23. und 24.10. im Urban Spree. Beide Konzerte sind ausverkauft]

Die auf Weißrussisch gesungenen Texte vom Molchat Doma handeln von Ängsten, Liebeskummer, Bürokratie. Es gibt auch Anspielungen auf russische Autoren wie Iwan Turgenjew, etwa im Stück „Na dne“. In „Filmy“ singt Yegor Shkutko über Dramen, die er nur aus Filmen kennt. Passend dazu feuert die Drummachine schnelle pistolenähnliche Beats ab.

Ein sechsköpfiges Gremium vergibt Auftrittlizenzen

Trotz ihrer Bekanntheit spielen Molchat Doma in ihrer Heimat meist vor kleinerem Publikum als im Westen. Wie die gesamte weißrussische Musikszene leidet das Trio unter dem Regime. Denn um ein Konzert organisieren zu dürfen, muss man sich als Band oder Veranstalter ein sogenanntes Tour-Zertifikat ausstellen lassen.

Ein sechsköpfiges Gremium prüft, ob die Musik zu kritisch ist, wie die Musiker aussehen und wie die Musik klingt. Wenn Bands eine Absage erhalten, kommen Mitarbeiter des Amtes sogar zum Veranstaltungsort, um nachzuschauen, ob das Auftrittsverbot tatsächlich eingehalten wird. Auch Molchat Doma mussten schon solche willkürlichen Absagen hinnehmen.

Die Bandmitglieder sehen sich jedoch nicht als Provokateure, auch nicht als Doomer, sie wollen einfach die Musik machen, die sie schon ein Leben lang prägt und verarbeiten in ihren Texten ihre Gefühle und Erfahrungen. „Wir haben keine besonderen Probleme, wir leben, wie jeder andere einfach in Belarus“, sagt Roman Komogortsev. Ganz so einfach ist dieses Leben allerdings nicht.

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