• Müssen missliebige Denkmäler zerstört werden?: Kolumbus vom Sockel stürzen ist folgenlose Symbolik

Müssen missliebige Denkmäler zerstört werden? : Kolumbus vom Sockel stürzen ist folgenlose Symbolik

Gold und Sklaven, Kolumbus und Kant: Geschichte lässt sich nicht stürzen. Ohne die Aufklärung hätten wir heute unsere Freiheit nicht. Ein Essay.

Jetzt hat es auch ihn getroffen. Die Kolumbus-Statue in Boston, Massachusetts, im Juni 2020.
Jetzt hat es auch ihn getroffen. Die Kolumbus-Statue in Boston, Massachusetts, im Juni 2020.Foto: imago images

In Boston gibt es einen Columbus-Park, den Christopher Columbus Waterfront Park. Dort steht auch eine Kolumbus-Statue, nur hat sie jetzt keinen Kopf mehr. Das erzürnte Volk hat den Großadmiral des Ozeanischen Meeres unlängst enthauptet. In Richmond, Virginia, wurde er versenkt.

An manchen Orten zwischen Boston und Richmond ging es dem Entdecker Amerikas kaum besser. Es sind symbolische Ritualmorde. Nach einem halben Jahrtausend. Und der Denkmalsturz wird weitergehen, er trifft längst nicht mehr nur blutige Sklavenhändler. Zeiten des Bildersturms waren nie gute Zeiten.

Wie viele Kunstwerke des Mittelalters gingen für immer verloren, als kurz nach Kolumbus’ Tod die Anhänger einer neuen Frömmigkeit in die Kirchen eindrangen und Bilder von den Wänden schlugen, alles, was golden glänzte im falschen Glauben. Ein Professor von der Universität Wittenberg hatte 1522 eine Flugschrift veröffentlicht, die hieß „Von Abtuhung der Bylder“.

Das Himmelreich lasse sich nicht durch Kirchenprunk erkaufen, schrieb Andreas Karlstadt. Mögen die Reichen ihr Geld den Armen geben statt fromme Bildwerke zu stiften, das helfe zum Seelenheil. Weg mit dem Tand! Das Volk hört nur selten auf Professoren, diesmal war es anders.

Zeiten des Bildersturms waren nie gute Zeiten

Und als die revolutionären Massen von Paris Notre-Dame zum Pferdestall machten und die Grablege der Könige von Frankreich stürmten, die Särge öffneten und den zerfallenden, hochwohlgeborenen Inhalt in die Seine kippten, war das eben eine solche symbolische Beerdigung der Vergangenheit, aber schwerlich eine Sternstunde der Emanzipation des Volkes.

Mancipium war das römische Wort für den gekauften Sklaven. E-Manzipationen sind immer zwiespältige Angelegenheiten. Die Existenz von Sklaven machte die der Bürger erst möglich. 400 000 römische Sklaven standen einst 20 000 römischen Bürgern gegenüber. Und Sklave ist nicht nur der, der ausdrücklich so heißt. Sein modernerer Bruder war der Proletarier. Der, der nichts hat als seine Nachkommen.

Im 19. Jahrhundert riefen die Proletarier immer lauter: „I can’t breathe!“ Die DDR war eine Spätfolge dieser kollektiven Atemnot im 19. Jahrhundert.

Auch die Arbeiterbewegung war eine große Bilderstürmerin. Kolonialismus, glauben viele, ist eine Sache von gestern, darum können wir ihn gelassen verurteilen. Aber noch der Anschluss der DDR an die Bundesrepublik erfüllte viele Kriterien einer Kolonisierung.

Von der Kultur der Eingeborenen durfte nichts übrig bleiben, ihre Mitwirkung bei der Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse war nicht vorgesehen.

Die Eingeborenen haben ihre Kolonisierung frei gewählt

Es gab aber zwei Besonderheiten. Die erste: Gewöhnlich lassen Kolonialherren die alten Eliten an ihrem Platz, überformen sie nur. Hier mussten sie weg, das hatte verschiedene Gründe. Die zweite Besonderheit ist einmalig in der gesamten Kolonialgeschichte: Die Eingeborenen haben ihre Kolonisierung frei gewählt.

Zurück zu Kolumbus. Am 14. Februar 1493, der Großadmiral des Ozeanischen Meeres befand sich bereits auf dem Rückweg, herrschte ein schwerer Sturm auf dem Atlantik, so stark, dass niemand an Bord der beiden Schiffe Pinta und Nina mehr daran glaubte, Spanien wiederzusehen. Beinahe hätte die Nachricht von der Entdeckung Amerikas Europa nie erreicht.

Leichte Wetterbesserung am 15. Februar 1493, und Kolumbus schrieb auf hoher See einen Brief an Luis de Santàngel, den Schatzmeister des Königs und der Königin von Kastilien: „Auch Aloe und Sklaven werden von dort in jeder gewünschten Menge eingeführt werden können. Ich glaube, auch Rhabarber und Zimt gefunden zu haben“. Vom Gold hatte er bereits gesprochen, Gold, Sklaven und Rhabarber also.

Wie hier in St. Paul am Minnesota State Capitol wurden vielerorts in den letzten Tagen Kolumbus-Statuen umgestürzt.
Wie hier in St. Paul am Minnesota State Capitol wurden vielerorts in den letzten Tagen Kolumbus-Statuen umgestürzt.Foto: imago images/ZUMA Wire

Dieser mutige Seefahrer wollte nicht nur wissen, was hinterm Horizont lag. Er wollte nicht bloß den empirischen Beweis für eine große wissenschaftliche Hypothese. Er wollte nicht allein unter Einsatz von Leib und Leben nachschauen, ob er richtig gerechnet hatte. Er hatte nicht richtig gerechnet, sonst wäre er wohl kaum losgefahren.

Und dass das, was er da gefunden hatte, nicht der Archipel vor Hinterindien war, ist ihm bis zu seinem Tod kaum klar geworden. Sonst hieße der Erdteil heute wohl Columbia statt Amerika, und es würde den transatlantischen Uneinverstandenen kaum genügen, dem Entdecker nach einem halben Jahrtausend den Kopf abzuschlagen, sie müssten auch noch ihren Kontinent umbenennen.

So trägt er den Vornamen eines florentinischen Kaufmanns, der da klarer blickte, Amerigo Vespucci.

Mit Christoph Kolumbus beginnt vollends die Geschichte der Globalisierung

Wie kein Zweiter steht Christoph Kolumbus am Anfang unserer modernen Welt, in der wir immer noch leben: in der des modernen Kapitalismus. Er war der Unternehmer par excellence. Beabsichtigt war keine Atlantik-Kreuzfahrt mit unterhaltsamen Insel-Landgängen; er musste seinen Gläubigern beweisen, insbesondere dem kastilischen Königshaus, dass sie richtig investiert hatten: nämlich in ihn. So erreichte die Verwertungslogik Amerika, mit den allerersten Schiffen.

Mit Christoph Kolumbus beginnt vollends die Geschichte der Globalisierung. Wenn die Bilderstürmer seine Statuen stürzen, ist es in Wahrheit ein Widerruf der Globalisierung. Und dieser Widerruf ist nicht neu. Am 12. Oktober 1492 erscholl vom Mastkorb der Pinta der Ruf „Land!“, und zum ersten Mal war es keine Falschmeldung, keine Wolkenbank am Horizont, sondern wirklich Land.

Der 12. Oktober war stets ein Feiertag gewesen in den Ländern Lateinamerikas. Heute ist er oftmals gestrichen oder durch einen „Tag der Trauer“ ersetzt wie bei den Indigenen von Panama. Niemand könne von ihnen verlangen, dass sie tanzen auf den Gräbern ihrer Vorfahren.

[Mit dem Newsletter „Twenty/Twenty“ begleiten unsere US-Experten Sie jeden Donnerstag auf dem Weg zur Präsidentschaftswahl. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldungtagesspiegel.de/twentytwenty.]

Die allergrößte Zahl der Ureinwohner Amerikas hat die Ankunft der drei spanischen Schiffe nicht sehr lange überlebt. In Honduras wollte man dem Entdecker 1998 in Abwesenheit den Prozess machen. Aber gibt es ein Menschenrecht, nicht entdeckt zu werden?

Im Augenblick denkt Schwarz gegen Weiß. Und Bilderstürmer denken immer schwarz-weiß. Vielleicht befreit es für Augenblicke, wenn man die Geschichte symbolisch stürzt. Allein: Sie lässt sich nicht stürzen.

Fast alle alten Kulturen der Erde, sehr kleine und sehr große, kannten die Sklaverei. Auf den Sklavenmärkten des Orients zahlte man für Europäer Höchstpreise, und die Wikinger, die Gründer Russlands (der Kiewer Rus), sorgten für ein zuverlässiges Angebot.

Die Europäer kauften die Sklaven – es war monströs

Die Europäer fanden die Institution der Sklaverei überall in den neu entdeckten Ländern. Und in Afrika gehörte sie von alters her zu dem, was sich von selbst versteht: zur Kultur also. Natürlich darf man seine Feinde in die Sklaverei verkaufen, schließlich hat man sie besiegt. Und wer seine Schulden nicht mehr begleichen konnte, bekam keinen Insolvenzprozess, sondern wurde zum Sklaven.

Vielleicht muss man das heute eigens sagen: Die Europäer machten die Afrikaner üblicherweise nicht selbst zu Sklaven, sie kauften sie. Indem sie es in so großem Maßstab taten, so mit System und Methode, wie sie alles, was sie begannen, mit System und Methode machten, gewann es seine besondere Niedertracht. Es war monströs.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple-Geräte herunterladen können und hier für Android-Geräte]

Kolumbus kam aus einer tief ständischen Gesellschaft. Welten lagen zwischen einem Bauern und einem König. Schon beim Bauern waren sich viele nicht sicher, ob er nicht doch mehr zu den Tieren zähle. Die Existenz unmündigen Seins beunruhigte ihn nicht. Das wurde erst mit der Aufklärung anders. Soeben wurde Immanuel Kant als Rassist verdächtigt.

Man weiß nicht recht, ob man darüber weinen oder lachen soll. Der Mann war ein Aufklärer. Für einen Aufklärer steht die wahre Schöpfung der Menschheit am Ende, nicht am Anfang. Sie ist Arbeit, ist Entwicklung. Eine Existenzweise, die sich nie aus ihren Anfängen heraus entwickelt hat, durfte nicht mit seiner besonderen Wertschätzung rechnen.

Kant, der alte weiße Mann war es, der das Unhaltbare der Sklaverei begründete

Es klingt in der derzeitigen Situation vielleicht etwas deplatziert, darauf hinzuweisen, dass, nun ja, der alte weiße Mann es war, der das Unhaltbare der Sklaverei begründete, natürlich mit System und Methode. Kant und andere vor ihm. Der alte weiße Mann, der es plötzlich als Beleidigung des eigenen Menschseins, des Menschseins aller begriff, solange auch nur ein anderer in die Sklaverei gestoßen wird.

An diesem Punkt war der Mensch, egal welcher Hautfarbe, nur noch Mensch, auch für Kant. Man nennt diese Wahrnehmungsform auch Universalismus. Kein Stammesangehöriger, für den die Menschheit im strengen Sinn dort endet, wo das Gebiet des eigenen Volkes endet, wäre je auf eine solch skurrile Idee verfallen.

Die Aufklärung hat das „Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!“ erst möglich gemacht, unter dessen großem Schutzschirm immer neue Menschengruppen nun ihre Unabhängigkeitserklärung abgeben. Noch im Dezember 1492 gründete Kolumbus die erste europäische Siedlung auf der Insel Hispaniola, deren eine Hälfte Haiti heißt. 1791 befreiten sich die Sklaven Haitis im Namen der Französischen Revolution.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!