Nachruf auf den Filmhistoriker Gero Gandert : Brückenbauer, Sammler, Rechercheur

Er konnte nach Hollywood reisen und keinen einzigen Film sehen. Aber er sprach mit 50 Leuten. Der Filmhistoriker Gero Gandert war ein großer Kommunikator.

Hans Helmut Prinzler
Gero Gandert.
Gero Gandert.Foto: Deutsche Kinemathek

Wenn er sich einer Sache annahm, ein Projekt zueigen machte, tat er das mit einer nicht nachlassenden Beharrlichkeit, die an Obsession grenzte. „Da kann man doch nicht locker lassen“, war ein von ihm oft gehörter Satz. Der Filmhistoriker Gero Gandert war vor allem in zwei Bereichen unterwegs: im Kino der Weimarer Republik und im Filmexil.

In sein „Handbuch der zeitgenössischen Kritik“ über das Jahr 1929 hat er 25 Jahre Arbeit investiert, bis es 1993 als 900-Seiten-Publikation bei DeGruyter erscheinen konnte. Es ist das am intensivsten recherchierte Buch, das ich kenne. Und es hat seinen Herausgeber mit allen Namen und Filmtiteln vertraut gemacht, die beim Umgang mit den Filmexilanten eine Rolle spielten, wenn man von ihnen ernstgenommen werden wollte.

Seine erste Reise in die USA unternahm Gero Gandert 1978, im Gepäck das Caligari-Manuskript, das er der Witwe von Werner Krauß entlockt hatte. Er hielt Vorträge an Universitäten, besuchte in Los Angeles Emigranten und legte erste Grundsteine für das Exil-Archiv der Deutschen Kinemathek.

In jedem Jahr fuhr er künftig nach Amerika und kam meist schwer beladen wieder zurück. Er nannte das einen „Wettlauf gegen die Zeit“, denn der Tod riss Lücken in die Exil-Generation. Ganderts größte Erfolge sind mit den Namen Paul Kohner, Fritz Lang, Billy Wilder, Erich Pommer oder Wilhelm Dieterle verbunden. Sie vertrauten dem Gast aus Deutschland einzelne Stücke an oder vereinbarten mit ihm die Übernahme ihres gesamtes Archivs durch die Kinemathek.

Gandert wurde von der Stasi bespitzelt und in der DDR verhaftet

Gero Gandert war kein Filmarchivar. Er hat für sich das Sekundäre – die Dokumente, das Schriftliche, das Produktions- und Rezeptionsmaterial – zum Primären gemacht. Er konnte nach drei Wochen aus Los Angeles nach Berlin zurückkommen, ohne im Kino gewesen zu sein. Aber er hatte dort 30 Leute getroffen und mit 50 anderen telefoniert. Kommunikation gehörte für ihn zum Lebenselixier.

Geboren und aufgewachsen in Görlitz, in Oldenburg das Abitur gemacht, hat Gero Gandert zunächst in München und ab 1952 in Berlin studiert. Er wurde Programmberater der „Filmbühne am Steinplatz“, schrieb Kritiken am liebsten über osteuropäische Filme, berichtete über Festivals und wurde 1958 auf der Rückfahrt von Karlsbad in der DDR verhaftet.

Drei Jahre verbrachte er im Gefängnis wegen „schwerer staatsgefährdender Hetze und Propaganda“. Die Lektüre seiner Stasi-Akte nach dem Mauerfall war für ihn eine große Herausforderung, denn einige, die ihn bespitzelt hatten, waren noch am Leben. Er hat ihnen nicht verziehen.

Für die Kinemathek war Gero Gandert zunächst als freier Mitarbeiter tätig, ab 1972 als festangestellter „Kustos“, bis er 1994 pensioniert wurde. Aber auch danach hatte er ein Büro für seine diversen Tätigkeiten im Auftrag des Hauses und zog 2000 mit an den Potsdamer Platz.

Der Boulevard der Stars am Potsdamer Platz war seine Idee

Sein Blick auf die Straße inspirierte ihn zu einem neuen Projekt. Was in Los Angeles der „Walk of Fame“ ist, sollte vor dem Filmhaus der „Boulevard der Stars“ werden. Vor allem der ungenutzte Mittelstreifen der Potsdamer Straße hatte aus seiner Sicht eine Aufwertung verdient. Prominente aus der Welt des Films und Fernsehens sollten hier mit einem Stern geehrt werden.

Für die Gestaltung wurde nach langer Vorbereitung 2009 ein Wettbewerb ausgeschrieben, den die Berliner Büros Graft und ART+COM gewannen. Die Basisausstattung wurde aus EU-Mitteln finanziert, während der Berlinale 2010 konnte der Grundstein gelegt werden, den ersten Stern bekam Marlene Dietrich. Gero Ganderts Vision ging in Erfüllung, als der Boulevard im September 2010 mit 40 Sternen offiziell eröffnet wurde.

Die Journalistin Georgia Tornow engagierte sich in der Einwerbung privater Spenden. Mehrfach musste der verschmutzte Boulevard renoviert werden, seine Zukunft ist eher ungewiss. 105 Sterne sind inzwischen zu besichtigen, beginnend mit dem Szenenbildner Ken Adam, dessen Nachlass in der Kinemathek verwahrt wird, endend mit dem Komponisten Hans Zimmer, der noch in Hollywood tätig ist.

Er hatte eine sehr leise Stimme, die nun verstummt ist. Am vergangenen Donnerstag ist Gero Gandert im Alter von 90 Jahren in Berlin verstorben.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!