NBK erinnert an Neo-Avantgarde : Kicken mit Kasper König

Der Neue Berliner Kunstverein widmet dem legendären Antwerpener Künstlerkollektiv A37 90 89 eine Schau.

Ben Vautiers erstmals im Projektraum A 37 90 89 präsentierte Performance „7 Ideas of Ben“ in der Galerie René Block, Berlin, 1. Mai 1971.
Ben Vautiers erstmals im Projektraum A 37 90 89 präsentierte Performance „7 Ideas of Ben“ in der Galerie René Block, Berlin, 1....Fotos: Hermann Kiessling / Archiv René Block, Berlin

Che Guevara ist tot, der südamerikanische Befreiungskampf geht weiter. Bilder von besetzten Fabriken, Soldaten, die auf unbewaffnete Passanten einprügeln, Texttafeln. „Unser Krieg ist der Frieden, die Ordnung, der Normalzustand des Systems.“ Die geografischen Daten Argentiniens werden verlesen wie Posten eines Lagerbestands, ein Land im Ausverkauf. Als das Kollektiv Grupo Cine Liberación um Fernando Solanas und Octavio Getino 1968 den Film „La hora de los hornos“ (Die Stunde der Hochöfen) drehte, befand sich der Protektionist Juan Perón im spanischen Exil – die westlichen Industrienationen konnten ihre ökonomischen Interessen ungehindert durchsetzen.

„La hora de los hornos“, ein wichtiges Manifest des postkolonialen „Dritten Kinos“, fand damals in der europäischen Linken großen Anklang. Am 29. November 1969 lief der Film in einem Projektraum in der Beeldhouwersstraat 46 in Antwerpen, der vier Monate zuvor vom Kollektiv A 37 90 89 eröffnet worden war. Die Gruppe existierte knapp sieben Monate, bevor die Räumlichkeiten in einer feindlichen Übernahme ihrerseits okkupiert wurden. Zu den 16 Unterzeichnern des Gründungsmanifests, das am 21. Juli im Rahmen eines „Champagnerfrühstücks“ präsentiert wurde, gehörten unter anderem der Künstler Marcel Broodthaers, der Kunstmäzen Hubert Peeters, der Filmemacher Jef Cornelis, die Galeristin Anny de Decker, der Architekt Werner De Bondt, der Journalist Georges Adé und die Fotografin Maria Gilissen. Koordiniert wurde das Projekt von dem damals 25-jährigen Kasper König, der einer der wichtigsten deutschen Kuratoren werden sollte.

Sehen ist Partizipation

Die Ausstellung „A 37 90 89 – Die Erfindung der Neo-Avantgarde“ im Neuen Berliner Kunstverein erinnert an das kurzlebige Projekt, das die etablierten Formen von Repräsentationskunst herausfordern wollte. Die Kritik der Gruppe an Museen und Galerien fiel in eine Phase der allgemeinen Skepsis gegenüber hegemonialen Diskursen. Man brachte dem Reformwillen der Institutionen wenig Vertrauen entgegen, da „selbst die allerbesten Bemühungen auf den status quo“ zurückwiesen, wie es im Pamphlet heißt.

Das Haus in der Beeldhouwersstraat, unweit des Königlichen Museums der Schönen Künste, sollte als „Schutzraum“ für unterschiedlichste künstlerische Produktionen fungieren: Räume wurden kostenfrei bereit gestellt, sie dienten zum Wohnen und Arbeiten. Das Manifest von Grupo Cine Liberación zu „La hora de los hornos“, den das Kino Arsenal am Freitag zur Eröffnung einer begleitenden Filmreihe zeigt, bringt die Idee von A 37 90 89 auf den Punkt. „Sehen ist Partizipation. Wer an einer Vorführung teilnimmt, verletzt das Gesetz des Systems. Man ist nicht länger Zuschauer, sondern wird Teil der Erfahrung.“

Um Erfahrungsräume ging es auch bei der Aufführung von „Dream House“, einer Klang-/Licht-Installation der amerikanischen Minimalisten La Monte Young und Marian Zazeela, die sie als festes „Environment“ Mitte der Sechziger in ihrem New Yorker Loft eingerichtet hatten. Im NBK sind Fotos ihrer Performance in Antwerpen zu sehen. Die Ausstellung hat, wie bei ephemerer Kunst unvermeidlich, eher dokumentarischen Charakter.

An der Schwelle zu Fluxus und Dada

Was „A 37 90 89 – Die Erfindung der Neo-Avantgarde“ aber sehr gut vermittelt, sind der Netzwerkgedanke des Kollektivs und die Widerstände gegen traditionelle Kunstvorstellungen, stets an der Schwelle zu Fluxus und Dada. „Zeigen – Geben – Aufführen – Gute Leute einladen – Einige Biere – Vielleicht ein paar schöne Sekunden, Minuten, Stunden, Tage“ steht auf dem August-Flyer, er wirbt unter anderem für die Performance „7 Ideas of Ben“ des Fluxus-Künstlers Ben Vautier. Die Gruppe LIDL um Jörg Immendorff wurde im selben Monat zu einem sportlichen Wettkampf eingeladen, Radrennen und ein Fußballspiel zwischen A 37 90 89 und LIDL Sport standen auf den Programm.

Ein Highlight der Ausstellung sind Fotos der Mannschaftskapitäne König und Immendorff im Kicker-Outfit. Es ist geradezu eine Ironie, das der Projektraum am Ende nicht etwa einem Investor, sondern einem Mitglied zum Opfer fiel. Im Februar 1970 besetzte der Aktionskünstler Panamarenko die Beeldhouwersstraat 46 und baute dort seine Luftschiffe. Zwei Jahre später wurde er damit zur Documenta eingeladen.

Bis 27. Januar im NBK, Chausseestraße 128/129. Di–So 12–18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Die begleitende Filmreihe beginnt an diesem Freitag, den 12. Oktober, um 19 Uhr im Kino Arsenal.

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