Netflix-Film mit Adam Sandler : Das Universum funkelt neongrün

Odyssee an der New Yorker Diamantenbörse: Adam Sandler steht in der Netflix-Produktion „Uncut Gems“ unter Dauerstrom.

Ein Gremlin als Geschmeide. Howard (Adam Sandler) ist ein Trickser und Spieler.
Ein Gremlin als Geschmeide. Howard (Adam Sandler) ist ein Trickser und Spieler.Foto: Netflix

Der Stein, der in Josh und Benny Safdies „Uncut Gems“, diesem ungeschliffenen Rohdiamanten von einem Actionfilm, die Leute auf Trab hält, schließt in seinem Inneren die Menschheitsgeschichte ein. „Es heißt, man sieht das ganze Universum in ihnen, so alt sind sie“, sagt Howard Ratner (Adam Sandler) andächtig über den schwarzen Opal, der in den Minen Äthiopiens zutage gefördert wurde.

Das neongrüne Glitzern des Steins, der am anderen Ende der Welt im New Yorker „Diamantendistrikt“ auf dem Tisch liegt, wirkt fast wie ein CGI-Effekt. Unwirklich. Magisch. Ein Fluch.

Hineingezogen in den morphenden Farbkosmos

Mit einem Computereffekt beginnt auch der Film der Safdie-Brüder, die seit ihrem Drama „Good Times“ (2017) mit Robert Pattinson unter Starkstrom als neue Regie-Hoffnung im US-Kino gelten. „Uncut Gems“, deutsch „Der schwarze Diamant“, beginnt mit einem Zoom in die Struktur des titelgebenden Steins. Sein psychedelisches Schimmern zieht einen immer tiefer hinein in einen ständig morphenden Farbkosmos.

Doch die Vorwärtsbewegung erweist sich auf halber Strecke als Finte, tatsächlich bewegt sich die Kamera schon wieder hinaus. Bis man schließlich zu den erklärenden Worten eines Proktologen buchstäblich durch den Enddarm von Adam Sandler in die Welt geworfen wird. „Juden und Darmkrebs", meint Sandler im Film einmal. „Ich dachte, wir wären das auserwählte Volk.“

Die Eröffnungssequenz von „Uncut Gems“ sucht in der Filmgeschichte ihresgleichen: Der signature shot verbindet die aberwitzige Mobilität der Safdie-Filme mit dem abgründigen Humor der Brüder. Die „Safdies“, wie sie von Fans nur genannt werden, machen ethnografische Filme über ein New York, das im Kino kaum zu sehen ist; die Filme von Noah Baumbach stehen am anderen Ende des gesellschaftlichen Spektrums.

Pfandleiher und Wettbürobetreiber werden zu Stars

Das Duo arbeitet bevorzugt mit Darstellerinnen und Darstellern aus den Milieus, in denen sie drehen – und stellen sie mit Stars vor die Kamera. Der Effekt ist in „Uncut Gems“ frappierend. Plötzlich scheint Adam Sandler nur noch sich selbst zu spielen, während die Pfandleiher und Schmuckhändler, die Wettbürobetreiber und Schlägertypen aus dem „Diamantendistrikt“ zu Stars werden.

Mit „Uncut Gems“ werden die Safdies persönlich. Ihr Vater, ein syrisch-jüdischer Ur-New-Yorker, arbeitete an der Diamantenbörse in der Nähe des Times Square, die fest in jüdischer Hand ist. In allen ihren Filmen verschwimmen dokumentarische Nähe und Fiktion, aber die Safdies suchen immer einen Fixpunkt, einen Türöffner in ihre Welt, der größer sein muss als das Leben.

In Adam Sandler haben sie diesen Typen gefunden. Sandlers Karriere ist frustrierend, aber er hat sich in den vergangenen 20 Jahren zu einem Auteur von eigenen Gnaden entwickelt: mit demonstrativ unambitionierten Stoner-Komödien, die ein Coming-of-Age der Sandler-Figur vom passiv-aggressiven Kindmann zum Familienvater im Zustand ewiger Adoleszenz nachzeichnen.

Sandlers kindliche Energie nimmt ein

Alle Jubeljahre gerät ein Film wie „Uncut Gems“ dazwischen, von Fans, die Sandlers brachliegendes Potential zu fördern verstehen: Paul Thomas Anderson mit „Punch-Drunk Love“, Noah Baumbach mit „The Meyerowitz Stories“. Im Mittelpunkt dieser Filme steht immer eine Ableitung der Sandler-Figur, sie legen deren Melancholie, die Autoaggressionen offen.

Howard Ratner ist kein sympathischer Typ, aber Sandlers kindliche Energie ist einnehmend, sie sprengt den Film. Man kann einfach nicht wegsehen, wie bei einem Autounfall.

Wenn Howard durch die Straßen New Yorks hetzt, sitzt ihm die Kamera von Darius Khondji, der schon mit Michael Haneke, aber auch mit David Fincher gearbeitet hat, ständig im Nacken. Die flirrende Nervosität eines Cassavetes-Film mischt sich mit der explosiven Gewalt Martin Scorseses. Pures New Yorker Adrenalin.

Immer hofft er auf's große Geschäft

Howard ist ein Spieler und Trickser, der seine Schulden von Wettbüro zu Wettbüro verschiebt, immer einen Schritt schneller als seine Gläubiger. Und er steht immer kurz vor einem Riesengeschäft, zu dem es natürlich nie kommt. Ein rücksichtsloser Träumer mit einem kindischen Gemüt.

Der Opal ist letztlich nur das narrative Schmiermittel für eine Odyssee durch New York. Basketball-Legende Kevin Garnett, der ebenfalls sich selbst spielt, will das Schmuckstück als Glücksbringer (die NBA-Playoffs stehen bevor), Howard braucht das Geld, um seine Schulden zu bezahlen – und seine Ehe zu retten, obwohl Dinah (Idina Menzel) ihn verachtet.

Zwei Schläger (direkt von der Straße: Keith Williams Richards und Tommy Kominik, Hackfressen vor dem Herrn) sind ihm zudem auf den Fersen. „Uncut Gems“ befindet sich in einer permanenten Fluchtbewegung. Auch Daniel Lopatins synthetischer Score, eine enervierende Klangtapete, lässt den Film kaum zur Ruhe kommen.

Dieser unorthodoxe Blick in eine sehr jüdische New Yorker Community steht vor allem Sandler gut zu Gesicht, der endlich mal die ganze jewishness seines Humors ausspielen kann.

„Uncut Gems“ gehörte dieses Jahr zu den drei Oscar-Filmen von Netflix, aber es war klar, dass der Guerilla-Stil der Safdies vor der Academy keine Chance gegen „The Irishman“ und „The Marriage Story“ haben würde. Dass er in Deutschland nicht mal im Kino läuft, ist trotzdem betrüblich. Seine manische immersive Wucht muss auf dem kleinen Screen verpuffen. Physischer kann Kino kaum sein.
"Uncut Gems" läuft jetzt auf Netflix.

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