Neue Schau im Berliner Gropius Bau : Der Strom kommt aus der Kunst

Der Gropius Bau erkundet mit seiner letzten Immersion-Ausstellung das Klima und zieht eine eigene Ökobilanz.

Sehnsucht im Blick. 2008 fotografierte Kader Atta junge Männer am Strand von Bab el Qued.
Sehnsucht im Blick. 2008 fotografierte Kader Atta junge Männer am Strand von Bab el Qued.Foto: Kader Attia/Galerie Nagel Draxler/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Im Gropius Bau geht es gerade anders zu: kein Licht, kein Strom, keine Klimaanlage. Sozusagen unplugged. Für ein Ausstellungshaus, in dem die richtige Raumtemperatur (20 Grad) und perfekt austarierte Luftfeuchtigkeit (50 Prozent) zu den Grundvoraussetzungen gehört, um Kunst zu zeigen, überhaupt erst welche ausgeliehen zu bekommen, ist das eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit.

Unter dem Titel „Down to Earth“ wagt der Gropius Bau trotzdem vier Wochen lang das Experiment mit Ausstellung, Konzerten, Talks, Workshops, Dinners. Länger geht es nicht, auch weil es ab September abends wieder früher dunkel wird und die Werke nur noch schlecht, irgendwann gar nicht mehr zu sehen sind.

Man braucht etwas Entdeckermühe

Manche Ausstellungsstücke sind allerdings bereits mitten am Tag nur mit Mühe zu entdecken. Erst ein an die Wand von Saal 9 gehefteter Brief an den „Lieben Martin Gropius Bau“ macht darauf aufmerksam, dass es in dem Raum noch etwas anderes zu sehen gibt. Den englischsprachigen Brief hat „Spider“ verfasst, eine Spinne, die in den letzten Monaten durch die erzwungene Schließung des Hauses wegen Corona ungestört ihr Netz ausbilden konnte, wie zu lesen ist.

Der Installationskünstler Tomás Saraceno hat ihr Werk zur Kunst erhoben. In seinem offenen Brief bittet „Spider“ nun die Besucher, über eine friedliche Koexistenz von Spinne und Mensch einmal nachzudenken. Schließlich gebe es von seiner Gattung sehr viel mehr Exemplare auf dem Planeten und lebe er mehrere Millionen Jahre länger auf der Erde.

Ein Witz? Nein, Saraceno gehört mit seinen Spinnennetzen nachempfunden Installationen in luftiger Höhe international zu den begehrtesten Künstlern. Sein für „Spider“ verfasstes Schreiben ist eine Aufforderung, anders, genauer: ganzheitlicher auf die Dinge zu sehen. Das ist auch das Credo von Thomas Oberender, seit 2012 Intendant der Berliner Festspiele, bei denen er vor vier Jahren die Programmreihe Immersion startete.

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Mit „Down to Earth“ – nach einem Buchtitel des französischen Philosophen Bruno Latour – endet bodenständig und bescheiden, was hochtechnologisch mit Virtual Reality begann. Bei Ed Atkins wurden noch künstliche Tränen vergossen, flogen Hamburger und kleine Figuren als Schimären durch die Luft. Jetzt sind die Stecker gezogen.

Grenzüberschreitend aber ist auch das jüngste Projekt angelegt, vor allem praktisch orientiert. Eine Heerschar von Teilnehmern wird im Programmheft aufgeführt: vom Turner-Preisträger Tino Sehgal bis zum Imker des Vereins „Berlin summt“. Ein Tiny-House soll gebaut, ein Repair-Café eingerichtet und zum Essen eingeladen werden, das ohne Strom zubereitet wird.

Der Zeitpunkt könnte nicht besser gewählt sein. Covid-19 hat die öffentliche Aufmerksamkeit für die Klimakatastrophe verdrängt. Die Fridays for Future-Kids können nicht mehr demonstrieren. Und an den Museen, wo junge Kuratoren sich zunehmend für Nachhaltigkeit engagieren, hat die Sorge angesichts geschrumpfter Budgets durch ausgebliebene Besucher ebenfalls das Nachdenken über einen umweltfreundlicheren Ausstellungsbetrieb ausgebremst.

Das Museum veröffentlicht die C02-Statistik

Der Gropius Bau geht mit gutem Beispiel voran, indem er für „Down to Earth“ seine C02-Statistik offenlegt: 2018 lag der Stromverbrauch bei 1706045 Kilowattstunden (3,5 Prozent liefert die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach), der Wasserverbrauch belief sich auf 6944000 Liter. Trotz dieser immensen Zahlen kann sich die Bilanz sehen lassen, der Gropius Bau hat wieder sein EMAS-Zertifikat erhalten. Kein Künstler wurde eingeflogen. Wer nicht ohnehin in Berlin wohnte, nahm den Zug.

Und doch sei das kein Grund stolz zu sein, sagt Tino Sehgal. Mit seiner ephemeren Kunst, die erst in dem Moment entsteht, wenn der Besucher den Raum betritt, legt er ohnehin die beste Umweltbilanz vor. Im Gropius Bau ist von ihm „Welcome to this situation“ zu sehen. Fünf Performer bewegen sich langsam auf eine andere Position, sobald ein neuer Besucher hinzukommt. Einer wirft dann ein Zitat aus Philosophie oder Wirtschaft – Jean-Jacques Rousseau oder Karl Marx – in die Runde, eine Diskussion beginnt. „Wir sind alle Teil des CO2-Problems“, sagt Segal – zugleich einer der Kuratoren – auf der Pressekonferenz. Es komme nicht darauf an, ein Bewusstsein zu schaffen, das gebe es bereits in Deutschland, sondern zu handeln, die eigenen Gewohnheiten zu ändern. Die Kunst habe bisher nicht allzu viel dazu beigetragen, kritisiert er. In den siebziger Jahren war die Umwelt stärker ein Thema.

Weizen in der Wallstreet

Daran erinnert der Beitrag von Agnes Denes, eine Mitbegründerin der Environmental Art. 1982 ließ sie nahe dem World Trade Center und der Wallstreet ein Weizenfeld anpflanzen, ein Anachronismus mitten in der Stadt. Zuvor hatten die Landartisten den Außenraum für die Kunst nobilitiert und Naturmaterialien ins Museum geholt.

Der Minimalist Walter de Maria erhöhte diesen profanen Werkstoff nochmals, indem er 1977 einen Galerieraum in New York einfach mit Erde füllte. An dieses ikonische Werk der Kunstgeschichte muss man auch bei Asad Razas Installation denken.

Nur ist die Aussage hier eine ganz andere. Auch Raza füllt einen Saal mit Erde, doch ist sie künstlich hergestellt aus geschredderten Paletten, Überbleibseln, die der Künstler in Berliner Parks fand. Jeweils zwei „Kultivatoren“ graben sie täglich um und wässern , ein Wissenschaftler überprüft den PH-Wert, damit die Erde auch Früchte tragen kann. Für die Besucher gibt es eigens Jutebeutel, in die man sich eine Portion zur Probe für den eigenen Garten schippen lassen kann. Praktischer geht es kaum.

[Gropius Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 13. 9.; Sa bis Mi 10 bis 19 Uhr, Do / Fr bis 21 Uhr. www.berlinerfestspiele.de]

Wie herrlich unnütz, frei von jeder Bestimmung ist da Kirsten Pieroths „Berliner Pfütze (Neukölln)“. In ihr schwimmen Zigarettenstummel, ertrunkene Insekten, sammelt sich Dreck. Sobald die Flüssigkeit verdunstet ist, wird aus Neukölln von der nächsten Pfütze Wasser abgepumpt und nachgeliefert. Das unregelmäßige Rund dieser ruppigen Großstadtode findet seine heroische Erwiderung in den Großaufnahmen von Andreas Gursky, der sich bei Satellitenbilder der Antarktis und der Weltmeere bediente.

Die Ausstellung mag zwar „Down to Earth“ heißen, aber ihre schönste Sektion hat sie doch in der von Stefanie Hessler eingerichteten Abteilung zum Thema Ozean. Auch hier – natürlich – geht es um eine Änderung des Perspektive. Viel zu lange haben wir die Erde (sic) vom Festland aus betrachtet, das soll sich ändern.

Kader Attia darf nicht fehlen

Durch das ansteigende Blau der Wände taucht der Besucher immer tiefer ein und stößt auf See-Anemonen, die Unterwasseraufnahmen von Jean Painlevé aus den 20er und 30er Jahren. Vor dem Fenster bewegt sich sanft ein Vorhang mit weiterem Seegetier. Die von Oberender hinzugeholte Gastkuratorin aus Trondheim versammelt ein knappes Dutzend Künstler, das sehnsüchtig, poetisch, spielerisch, wissenschaftlich-nüchtern auf das große Wasser blickt.

Da darf auch Kader Attia nicht fehlen. Der französisch-algerische Künstler mit Wohnsitz in Paris und Berlin machte 2008 Aufnahmen von jungen Algeriern, die am Strand von Bab el Oued auf meterhohen Betonblöcken hocken und auf ihre Gelegenheit zu warten scheinen, das Mittelmeer zu überqueren. Attia, der hier als Junge seine Sommer verbrachte und in der Banlieue von Paris aufwuchs, wusste genau, dass sie in Frankreich die gleichen Klötze erwarten würden.

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