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Für Jane Gardams Helden gilt die Devise: „Failed in London - Try Hongkong“.

© Alex Hofford, dpa/picture-alliance

Roman "Eine treue Frau": Nur die Lüge lässt uns lieben

Freispruch für den Seitensprung: „Eine treue Frau“ ist der zweite Teil von Jane Gardams Ehepaar-Trilogie.

Achtung, Spoileralarm! Die Heldin von Jane Gardams Roman „Eine treue Frau“ wird bei der Gartenarbeit sterben. Als Betty der Schlag trifft, kniet sie auf dem Boden, damit beschäftigt, Pflanzlöcher für Tulpen auszuheben. Sie träumt von John Travolta, und ihre Perlenkette gleitet ihr vom Hals, direkt in ein Loch hinein. Mit diesen Perlen hat es eine besondere Bewandtnis, Betty nennt sie „Schandperlen“, denn sie sind ein Geschenk ihrer verkorksten Verlobung.

Das Letzte, was sie von der Welt sieht, sind – ein schönes Bild für den Aufstieg der Seele ins Jenseits – Winde über dem Rasen, „die sich in grünen Spiralen nach oben wanden und nach etwas suchten, an dem sie sich festhalten konnten“. Dann findet sie ihr Ehemann „im Blumenbeet liegen, ganz besonders still“.

Man verrät nicht zu viel über die Handlung von „Eine treue Frau“, wenn man dieses Ende vorwegnimmt. Denn erstens geht das Leben auch nach dem Ausscheiden der Heldin noch weiter. Spielende Nachbarskinder graben die Perlen aus, und es kommt auch sonst zu einigen überraschenden Enthüllungen. Und zweitens dürften die meisten Leser diesen Tod bereits aus Gardams überaus erfolgreichen Vorgängerband „Ein untadeliger Mann“ kennen, wo er etwas prosaischer geschildert wird, als ironische Schlusspointe einer slapstickhaft scheiternden Reise der Eheleute von ihrem Landhaus in Dorset aus nach London, wo sie vergeblich versuchen, ihre Testamente aufzusetzen.

Eine Meisterin der Multiperspektivität

Jane Gardam, Jahrgang 1928, ist eine Meisterin der Multiperspektivität. In England wurde sie bereits lange für ihre Kinderbücher, Kurzgeschichten und Romane gefeiert, bevor in Deutschland im letzten Jahr der erste Teil ihrer zwischen 2004 und 2013 entstandenen Filth-Trilogie herauskam. „Filth“, das ist der Spitzname des Anwalts Edward Feathers, der nach dem Krieg in der britischen Kronkolonie Hongkong zu höchsten juristischen Ehren aufsteigt. Eigentlich ist Filth, also Schmutz, eine unpassende Bezeichnung für einen Mann, der stets so aussieht, „als käme er gerade aus der Dusche eines Fünfsternehotels“. Andererseits steht es für die Abkürzung eines Ratschlags an alle Versager im Reiche Ihrer Majestät: „Failed in London, try Hongkong.“

Jane Gardam erzählt drei Mal dieselbe Geschichte, einmal aus der Sicht des Ehemanns, einmal aus der seiner Frau und einmal, die deutsche Ausgabe von „Last Friends“ ist für September angekündigt, aus der ihres Liebhabers Terry Veneering, eines Intimfeindes des Gatten. Doch der Plot ist Nebensache, der in ihrem lakonischen Sarkasmus überaus britisch wirkenden Autorin geht es um die Seelenzustände der Protagonisten. Die Bücher funktionieren wie ein Kaleidoskop, wenn man hineinschaut, ergibt sich immer wieder ein anderes, bunt schillerndes Bild.

Die Vernunftehe erweist sich als langlebige Liebe

In Bettys Perspektive erfährt man viel über Betty, vielleicht aber noch mehr über die anderen Figuren. Ihre bittere Erkenntnis über Edwards emotionalen Analphabetismus lautet: „Außerhalb des Gerichts kann er sich nicht ausdrücken.“ Die Titel mögen zunächst nach purer Ironie klingen, denn Betty ist, das erfährt der Leser nach wenigen Seiten, keineswegs treu, und auch der um moralische Festigkeit bemühte Edward verhält sich nicht immer untadelig. Aber am Ende erweist sich diese eher aus Raison zustande gekommene Ehe dann doch als große, den Wechsel der Jahrzehnte und Kontinente überdauernde Liebe.

Die Engländer bilden in Hongkong eine Oberschichtsblase

Für Jane Gardams Helden gilt die Devise: „Failed in London - Try Hongkong“.

© Alex Hofford, dpa/picture-alliance

Gerade die außerhalb des Kernterritoriums wohnenden Untertanen Ihrer Königin haben aus der britischen Maxime, stets die stiff upper lip zu bewahren, eine Lebenseinstellung gemacht. Fassade ist alles, wie es dahinter aussieht, geht niemanden etwas an. Während sich im Swingin’ London die Sitten bereits heftig lockern, verlieren die Hongkong-Briten beim High Tea um fünf Uhr noch immer kein Wort über ihre Gefühle. Von den sexuellen Ausschweifungen ganz zu schweigen. Aber natürlich gibt es sie, die Ausschweifungen. Aus Enttäuschung darüber, dass es nach ihrer Verlobung kein Festmahl gibt, nicht mal ein Dinner zu zweit, weil sich Edward stattdessen in die Vorbereitungen seines nächsten Prozesses stürzt, lässt sich Betty noch in derselben Nacht von Veneering verführen, der mit seiner Virilität und Vulgarität das genaue Gegenteil der Ärmelschonerhaftigkeit ihres künftigen Ehemanns verkörpert.

„Es wird nicht romantisch“, das hatte Betty bereits geahnt, nachdem ihr Edward seinen Heiratsantrag in Briefform gestellt hatte. Aber begehrt fühlen möchte sie sich trotzdem. Eine Liaison ist allein schon deshalb gefährlich, weil die Engländer in Hongkong wie auf einem „Stecknadelkopf“ leben, in einer europäischen Oberschichtblase, in der jeder jeden kennt. Es sind die Jahre, in denen das Empire zerfällt und auch die Kolonialherrschaft in der auf 99 Jahre gepachteten Kronkolonie langsam endet. Doch das kolonialistische Denken ist noch da. Die britischen Ehefrauen freuen sich über die Seidenkleider, die sie auf dem Markt kaufen. Ihre Männer betreiben in den Vororten unterdessen brutale Landnahme für den Bau eines Staudamms. Die Bewohner der todgeweihten Dörfer dürfen nicht einmal dagegen klagen.

Betty und Edward sind wurzellos

Unter dem Kolonialismus, das zeigt „Eine treue Frau“ in anrührenden Rückblenden, leiden die Kolonisatoren genauso wie die Kolonialisierten. Edward wächst bei Hausangestellten zwischen malayischen Kindern auf und wird dann zu Pflegefamilien und auf Internate in England abgeschoben. Betty verliert ihre Eltern in einem japanischen Internierungslager während des Kriegs. Beide sind traumatisiert, Betty nennt ihre Generation treffend die „Nachkriegs-Wirbellosen“.

Nichts wünschen sich diese Kulturwaisen mehr als Halt zu finden aneinander. Denn Wurzeln haben sie keine. Betty und Edward werden sich zwar in einem traumhaft schönen Haus in den südenglischen Donheads zur Ruhe setzen, aber wirklich ankommen auf der verregneten Insel tun sie nie. Edward, für den Arbeit Sex ersetzt, praktiziert noch mit über 70 als Kronanwalt, seinem Traum nachhängend, „in einer untergehenden Kolonie zu sitzen und Urteile zu fällen“. Mit juristischem Vokabular, das ist die Botschaft des Buches, lässt sich nicht über Lebensläufe richten. Jane Gardam plädiert bei den Lügen ihrer Helden auf Freispruch.

Jane Gardam: Eine treue Frau. Roman. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2016. 272 Seiten, 21,90 €.

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