Polnische Satire „Die Maske“ im Kino : Der Antichrist

Wut auf Polen: Malgorzata Szumowska verarbeitet in ihrer beißenden Satire „Die Maske“ die Zustände ihrer Heimat.

Fremd in der eigenen Haut. Metal-Fan Jacek (Mateusz Kosciukiewicz) überlebt einen Unfall dank Gesichtstransplantation.
Fremd in der eigenen Haut. Metal-Fan Jacek (Mateusz Kosciukiewicz) überlebt einen Unfall dank Gesichtstransplantation.Foto: Grandfilm

Die Wut klingt nach Heavy Metal. Die Anlage ist auf Anschlag gedreht, Magengruben-Bässe, Headbanging zu „Ride the Lightning“ von Metallica – und schon sieht die Landschaft, durch die der rote Klapper-Pkw rast, hochgetunt aus. Jacek (Mateusz Kosciukiewicz) dröhnt sich zu bei der Fahrt, anders ist es nicht auszuhalten in der polnischen Provinz, im katholischen Dorf, in der Familie. Die Bauern haben es schwer, der Hund läuft mit dem frisch geschlachteten Schweinskopf über den Hof und der Schwager erzählt an Weihnachten rassistische Witze.

Wut grundiert den Film der polnischen Regisseurin Malgorzata Szumowska, ein beißender schwarzer Humor. Anders hält sie es wohl in ihrem Land nicht mehr aus (sie dreht gerade in Irland). So fängt „Die Maske“ jedenfalls an, mit einer Attacke, einer wüsten Kriegsszene aus der Konsumgesellschaft. Gemeinsam mit Hunderten Provinzlern stürmt Jacek ein Billigkaufhaus. „Weihnachtsschnäppchen für Nackedeis“: eine Groteske in Slow Motion, bei der sich Menschen in Unterhosen mit verzerrten Gesichtern um XXL-Fernseher balgen.

Und so geht es weiter, mit Handkamera, surrealen Abendhimmeln und V-Effekten, mit denen die Bilder an den Rändern verwischen. Szumowskas Figurenarsenal trägt Züge eines Panoptikums, von der wasserstoffblondierten Punkbraut, Jaceks Verlobter Dagmara (Malgorzata Gorol), über den Suffkopf von Schwager bis zum bigotten Pfarrer, der Dagmara im Beichtstuhl Keuschheit predigt, nur um ihr gleichzeitig möglichst viele Details über ihr Sexleben zu entlocken. Bis Jacek selber zum Zombie wird.

Die höchste Jesus-Statue steht in Polen

Dies ist die Geschichte einer Verwandlung. Jacek, der coole Langhaar-Jesustyp mit Lederjacke und Auswandererplänen (nach London), dieser Bauernsohn, dem die Familie zu Weihnachten wünscht, dass er sich die Haare schneidet und endlich heiratet, er fällt vom Gerüst und verliert sein Gesicht. Nicht von irgendeinem Gerüst, sondern auf der Baustelle für die Christusstatue von Swiebodzin. Das ist jetzt keine Satire, sondern real: 2010 wurde hier an der polnisch-deutschen Grenze die mit 36 Metern höchste Christusstatue der Welt eingeweiht, höher als die von Rio, finanziert aus Spenden der Bevölkerung. Die Hybris der Frommen: Zuletzt gab es Gerichtsverfahren, weil der inzwischen verstorbene Initiator sein Pastorenherz am Fuß der Statue begraben ließ.

Wahr ist außerdem, dass 2013 einem Arbeiter in Gleiwitz per Gesichtstransplantation das Leben gerettet wurde. Auch Jacek bekommt eine neue Visage. Wie ein Frankenstein-Monster sieht er bald aus, vernarbte Wangen, triefendes Auge, schiefer Mund. So erklärt sich das oft eingeschränkte Gesichtsfeld des Films – es entspricht dem Blickwinkel eines dramatisch Versehrten, seiner Desorientierung. Schweinsgesicht, sagen die Kinder, und es ist nicht übertrieben. Dagmara will nichts mehr von ihm wissen.

Seine Stärke gewinnt „Die Maske“ aus dem Kontrast zwischen den Wutbildern und diesem verlorenen Sohn im Zentrum des Geschehens, dem einsamsten Menschen der Welt. Erst wird Jacek als medizinisches Wunder und Nationalheld gefeiert, ein Auferstandener – die Kollekte kommt nach Christus jetzt ihm zugute, wegen der teuren Immunsuppressiva. Dann mutiert er zur Horrorgestalt, zum Satan – seine Mutter bestellt einen Exorzisten. Nur Jaceks Schwester hält noch zu ihm. Und auch der Film entwickelt inmitten der gnadenlosen Abrechnung mit Kirche, Konsumwahn und asozialem Gesundheitswesen so etwas wie Gnade für seinen Protagonisten, diesen Antichrist, der sich der Verteufelung ebenso verweigert wie der Verzweiflung.

Die Regierung will die Filmindustrie zentralisieren

Apropos: Szumowska, Jahrgang 1973, hat bei Lars von Triers „Antichrist“ mitgewirkt, sie ist längst international unterwegs. Agnieszka Holland und Szumowska sind die bedeutendsten Regisseurinnen im heutigen Polen, wobei Szumowskas Filme von starker Körperlichkeit geprägt sind, sie buchstäblich Haut und Haar erkundet, etwa in ihrer Trauerstudie „Body“ oder bei „Im Namen des ...“ über einen homosexuellen Priester. Sie gewann dafür Preise auf der Berlinale, zuletzt einen Silbernen Bären für „Die Maske“.

Auch Hollands Film „Die Spur“ (2017) war von anarchischem Furor geprägt. Kein Wunder, Polens PiS-Regierung schikaniert die Kulturschaffenden des Landes: Gerade ist sie dabei, die Filmproduktion zu zentralisieren und unter staatliche Fittiche zu nehmen. Zwar lief „Die Maske“ in den polnischen Kinos, wenn auch nicht so erfolgreich wie das Drama „Kler“ über den Missbrauch in der katholischen Kirche. Aber ginge es nach Kulturminister Piotr Glinski, gäbe es bald nur noch Patrioten auf den Leinwänden des Landes. 40 Historienfilme sind in Arbeit, etliche spielen während des Zweiten Weltkriegs, erzählte Glinski kürzlich im TV-Interview. Auch mit der Gleichschaltung der Geschichte geht es offenbar voran. Helden wie Jacek können dann einpacken.

In den Kinos Acud (auch OmU), City Kino Wedding. OmU: fsk, Hackesche Höfe, Krokodil, Wolf. OmenglU: Rollberg

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