Rechte Verschwörungstheorien : Perfide Mächte und satanische Geheimbünde

Flugschriften-Kolumne: Michael Butter geht den Ursprüngen von Verschwörungstheorien nach, Julia Ebner deckt die Parallelen von Islamismus und Rechtsextremismus auf.

"Merkel muss weg", Schlachtruf rechter Verschwörungstheoretiker.
"Merkel muss weg", Schlachtruf rechter Verschwörungstheoretiker.Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Auf einer Apfelsinenkiste stand er, sprach vernehmlich und holte weit aus. Vor sich hatte der der Redner ein Grüppchen Rechtsnationaler, als er am 19. März am Hamburger Dammtorbahnhof eine „Merkel muss weg“-Demonstration anfeuerte. Matthias Matussek, einst Feuilletonchef des „Spiegel“, heute Protagonist der Neuen Rechten, zählt zu den Erstunterzeichnern der „Gemeinsamen Erklärung 2018“.

Sie wendet sich gegen „illegale Masseneinwanderung“ und fordert die Wiederherstellung der „rechtsstaatlichen Ordnung“. Zynisch habe die Kanzlerin, so der Redner, „ihrem Volk“ über die Flüchtlinge mitgeteilt: „Jetzt sind sie halt da“, und ein Desaster angezettelt. Denn: „Seither fluten über zwei Millionen junge muslimische Bodybuilder das Land, die sich an den Tafeln im Nahkampf gegen die Rentnerinnen und Bedürftigen und armen Deutschen bestens bewähren.“ Vera Lengsfeld, Initiatorin der Erklärung, warnte Unterzeichner auf dem Blog freiewelt.net am 24. 3. 2018 davor, „dass unsere Liste unter schärfster Beobachtung der staatlich finanzierten Netz-Denunzianten steht“, ohne freilich preiszugeben, welche Behörden dahinterstecken.

Auch Eva Herman, einst „Tagesschau“-Sprecherin, gehört zu den prominenten Unterzeichnern der Erklärung, die eigentlich „Gemeinsame Behauptung 2018“ heißen müsste. Einen Text, den Herman im August 2015 im Magazin „Compact“ veröffentlichte, nimmt der Tübinger Kulturhistoriker Michael Butter zum Ausgangspunkt einer hochaktuellen Studie über Theorien der Verschwörung („Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien“, Suhrkamp Verlag, 217 Seiten, 18 €). Europa, hatte Eva Herman erklärt, werde „geflutet mit Afrikanern und Orientalen“, es seien „überwiegend junge starke Männer“, die als „Sprengstoff“ zur „Waffe gegen die einheimische Bevölkerung“ würden. Dahinter aber steckten „Machtmenschen“ aus dem „globalen Finanzsystem“, die das „Brüsseler Marionettentheater“ der Europäischen Union steuern.

Wichtiges Merkmal ist der Wunsch, Verbindungen zu entdecken

In diesem Konstrukt erkennt Michael Butter Kernelemente der Verschwörungstheorien, deren Metaphorik über die Jahrhunderte konstant geblieben ist. Mit der „Fragmentierung der Öffentlichkeit“ durch das Internet gewinnen derlei Theorien, denen zufolge geheime Mächte perfide Pläne verfolgen, lediglich neue Gestalt. Perfide Mächte, verdächtiger Schwefelgeruch, satanische Geheimbünde und konspirative Zeichen wie Schlangen – die symbolischen Systeme der Verschwörungsideen ziehen sich in Abwandlungen durch die Epochen – schon das zu erkennen ist hilfreich.

Butter begibt sich auf die Spur historischer Komplotte, greift jedoch nicht chronologisch, sondern thematisch nach dem Sujet. Ein Kapitel gilt etwa der Frage, warum Menschen, insbesondere in Phasen des Umbruchs, Thesen zu Konspirationen konstruieren, und wann und wie sich ihre Vorstellungen von klinischer Paranoia unterscheiden lassen. Wichtiges Merkmal des Phänomens ist der Wunsch, Verbindungen zu entdecken. Wer giftige Beeren isst oder von einer Spinne gebissen wird, erleidet Schaden, daraus ziehen andere in der Gruppe Konsequenzen.

Traditionelle Geschlechterrollen, Homophobie und Antisemitismus

Doch wessen Absichten stecken hinter Unglück oder Umbruch? Verschwörung suggeriert Intention hinter Ursache und Wirkung, sie gibt damit ein Versprechen mentaler Kontrolle. Auffällig ist derzeit zum Beispiel die neonationalistische Rede vom „Kontrollverlust im Inneren“, die den Blick auf die intrapsychische Dimension der Ängste öffnet. Ähnlich wie die rechten Verschwörungstheorien funktionieren – nicht nur strukturell – die der Islamisten und Salafisten, wonach geheime Mächte der „Ungläubigen“ und ihrer postkolonialen Finanzimperien „den Islam“ verfolgen. Inhaltlich haben beide Milieus, die einander aufheizen, vieles gemein, etwa ihre Homophobie, ihre Forderung nach traditionellen Geschlechterrollen und ihren Antisemitismus. Beiden Milieus widmet sich die brillante junge Londoner Extremismusforscherin Julia Ebner („Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“, Theiss Verlag, 320 Seiten, 19,95 €). Auch ihr Buch ist beim so notwendigen Ent-Konspirieren ein erstklassiger Assistent.

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