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Für den Filmemacher Klaus Lemke war Kino ein "klassischer Jungssport".
© Imago

Kino aus der Hüfte geschossen: Regisseur Klaus Lemke ist tot

Klaus Lemke hat mit „Rocker“ und „Arabische Nächte“ deutsche Filmklassiker geschaffen, seine Stars fand er auf der Straße. Nun ist er mit 81 Jahren gestorben.

Von Andreas Busche

Der Anfang vom Ende des deutschen Kinos war für Klaus Lemke der Tag, an dem Alexander Kluge auf dem Filmfestival in Venedig für "Abschied von gestern" einen Silbernen Löwen gewann. 1966 war das, zwölf Jahre nach dem deutschen Fußball-Wunder von Bern, das symbolträchtig auch den Beginn des Wirtschaftswunders einleitete. Für Lemke hingegen war der “Oberhausener” Kluge, der 1962 mit Gleichgesinnten den Neuen Deutschen Film ausgerufen hatte, so etwas wie der Totengräber des deutschen Films – das wurde er in den folgenden knapp sechzig Jahren nicht müde zu betonen.

Kluge und die Filmbranche witterten nach dem Venedig-Erfolg ebenfalls ein Nachkriegswunder und sicherten sich taktisch klug “Staatsknete”, um sich auf lange Sicht “totfördern” zu lassen: raus “aus den Niederungen der Dienstleistung”, geadelt zur “Filmkunst”, wie Lemke es gern süffisant formulierte. Um markige Worte war er nie verlegen.

Eine alternative deutsche Filmgeschichte beginnt im Jahr 1964 im Schwabinger Kiezkino Türkendolch, wo der damals 24-Jährige Lemke – abgebrochenes Philosophiestudium, unter anderem bei Martin Heidegger (was vermutlich ebenfalls Teil der Selbstmythifizierung ist) – zusammen mit anderen "Münchnern" wie Rudolf Thome, Werner Enke und May Spils seine eigene Filmsozialisation betrieb: Französische Nouvelle Vague, amerikanische Klassiker und deutsche Schundfilme. Getreu dem Motto des Betreibers Fritz Falter, dass, wer Filmkunst wirklich liebt, ein Herz für Sex, Crime und Unterhaltung haben muss. Das wurde auch zu Lemkes Credo. Nachts torkelten sie dann aus dem dunklen Kino in die Nacht und zogen bis zum frühen Morgen durch die Kneipen in der Leopoldstraße.

Kaum zu glauben, dass dieser Klaus Lemke seine Mitmenschen nun nicht mehr mit seinen starken Meinungen nerven und mit seinen eigenwilligen, aus der Hüfte geschossenen Filmen verzaubern wird. Am Donnerstag verstarb der am 13. Oktober 1940 in Landsberg/Warthe geborene “König von Schwabing” im Alter von 81 Jahren überraschend nach kurzer Krankheit. Gedreht hatte er bis zuletzt. Erst vergangene Woche feierte sein jüngster Film „Champagner für die Augen – Gift für den Rest“, ein Liebesbrief an das München der Siebzigerjahre, seine Premiere auf dem Münchner Filmfestival. Danach ging es ganz schnell. Aber Ausreden ließ Lemke, wenn es um sein geliebtes Kino ging, nicht gelten, schon gar nicht seine eigene Gesundheit. Nun wird er mit seiner charakteristischen Nick-Knatterton-Schiebermütze, drahtig und voller Energie, nicht mehr in Tiefgaragen herumstehen und jedem, der ihn um seine Meinung bittet, ein Interview geben.

Lemke wollte echte Menschen vor der Kamera

Aber wenn es sich im deutschen Film aber jemand leisten konnte, Sprüche zu klopfen, dann war es Klaus Lemke, der ein einzigartiges Werk hinterlässt – weil er sich nie hat vereinnahmen lassen. Dafür lebte er bis ins hohe Alter in seiner Schwabinger Dachkammer: Es war ein geringes Opfer. Auf das große Geld hatte er es nie abgesehen, für Lemke bedeutete das Kino nicht Ruhm, sondern Wahrhaftigkeit.

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Seine Geschichten fand er auf der Leinwand und der Straße. Sein Debüt “48 Stunden Acapulco” von 1967 war inspiriert von amerikanischen Genrefilmen, in Hollywood hätte die Hauptrolle vermutlich Robert Mitchum gespielt. Die Stars seines bekanntesten Films, der Kiezkomödie “Rocker” von 1972, entdeckte er auf der Reeperbahn: die Bikergang Bloody Devils um ihren sagenhaften Anführer Gerd Kruskopf und den 15-jährigen Straßenjungen Hans-Jürgen Modschiedler. Nicht nur in Hamburg hat der Kultfilm mit seinem Szene-Kolorit bis heute eine große Anhängerschaft, Sätze wie “Mach dich mal gerade” gingen ins Vokabular der siebziger Jahre ein.

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München und Hamburg, das waren Lemkes Abenteuerspielplätze. Hier lernte er Ende der Sechziger auch die junge Iris Berben im LSD-Rausch kennen – und engagierte sie vom Fleck weg für seinen SDS-Film “Brandstifter”, inspiriert von einem kurzen Intermezzo mit Andreas Baader in einer gemeinsamen Studenten-WG. Baader, der sich gern zu einem Leinwandstar stilisierte, hat Lemke aber nie gecastet (“deswegen wurde er Terrorist”), dafür entdeckte er Rolf Zacher, Wolfgang Fierek, Cleo Kretschmer und Thomas Kretschmann für den deutschen Film. Den alten Aufreisserspruch “Baby, ich mach dich zum Star”, Klaus Lemke hat ihn tatsächlich ernst gemeint.

Er und Kretschmer waren am Übergang von den Siebzigern in die Achtziger das deutsche Komödien-Traumpaar schlechthin, mit “Amore” und “Arabische Nächte”. Nicht schlecht für einen “hässlichen Vogel”, der nach eigener Auskunft nur mit dem Filmemachen angefangen hat, um Mädchen aufzureißen. Was die Rollenbilder angeht, da war Lemke ein Macho. Das Kino bezeichnete er oft als “klassischen Jungssport”. Ein anderes Lemke-Bonmot, das auch seine Filme prägte, lautete: “Im Leben zählt wirklich nur eins: dass man kräftig auf die Fresse kriegt.” Aber unter seiner ruppigen Schale steckte ein empathischer Kern. Lemke hatte eben nur keine Lust auf Bullshit, er wollte echte Menschen vor der Kamera, keine Selbstdarsteller.

Und bei der Arbeit konnte er unendlich großzügig sein, auch darum gingen seine Darsteller dem charismatischen Sprücheklopfer so bereitwillig auf den Leim. In „Champagner für die Augen – Gift für den Rest“ sagt er über seine langjährige Partnerin Cleo Kretschmer: „Allein Cleo zuzuhören machte einen besseren Regisseur aus mir.”

Zu den heimlichen Triumphen, die Klaus Lemke nun niemand mehr wird nehmen können, gehört wohl auch, dass nie einer seiner Filme auf der Berlinale gelaufen ist – obwohl er es lange genug versucht hat. Seine Dauerfehde mit Festivalchef Dieter Kosslick ist legendär und gipfelte 2012 in einem nackten Hintern am Rande des roten Teppichs. Für das Establishment war Klaus Lemke, der deutsche Film wird es ihm auf ewig danken, einfach nicht domestizierbar.

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