Religionskrimi „Die Erscheinung“ : Die Heilige der Schneekugel

In dem französischen Religionskrimi „Die Erscheinung“ spielt Vincent Lindon einen skeptischen Reporter, der ein Marienwunder untersucht.

Mit unerschütterlichem Gottvertrauen will die 15-jährige Novizin Anna (Galatea Bellugi) die Seelen der Pilger retten.
Mit unerschütterlichem Gottvertrauen will die 15-jährige Novizin Anna (Galatea Bellugi) die Seelen der Pilger retten.Foto: Filmperlen

Das von melancholischen Sorgenfalten zerfurchte Gesicht eines Vincent Lindon eignet sich perfekt für die Rolle des lebensmüden Skeptikers, der eine Marienerscheinung auf ihren Wahrheitsgehalt untersuchen soll. Lindons Figuren strahlen eine Belmondo-hafte Vitalität aus, doch seiner Körperhaltung fehlt dessen schelmische Nonchalance. Er ist am besten in den Rollen des schildkrötigen Grüblers, der sich misstrauisch aus seinem Körperpanzer hervorwagt. In „Die Erscheinung“ von Xavier Giannoli spielt Lindon den Investigativjournalisten Jacques Mayano, der gerade aus dem syrischen Bürgerkrieg zurückgekehrt ist.

Dort hat er bei einem Anschlag einen befreundeten Kollegen verloren – und ein Teil seines Gehörs. Die Rückkehr in den Alltag fällt ihm schwer, auch seine Frau kommt kaum an ihn heran. Tagsüber verdeckt er die Fenster mit Folien, der Krieg hat ihn gebrochen. Als ihn aus heiterem Himmel der Assistent eines französischen Kardinals nach Rom einlädt, um ihm einen Auftrag anzubieten, nimmt Mayano die Gelegenheit zur Flucht wahr. Der Fall, mit dem er betraut wird, ist für die katholische Kirche äußerst heikel.

Ein 15-jähriges Mädchen aus einem Dorf im ländlichen Süden Frankreichs behauptet, ihr sei die Jungfrau Maria erschienen. Der Vatikan bleibt misstrauisch: Eine Inflation von Heiligenerscheinungen könnte die Glaubwürdigkeit der Kirche erschüttern, gleichzeitig wagt der Klerus nicht, den Glauben der Menschen öffentlich infrage zu stellen. Widerwillig reist Mayano als Mitglied eines Untersuchungsauschusses mit mehreren Theologen und einer Psychologin in den Provinzort, der bereits von Pilgergruppen überschwemmt wird. Das Geschäft mit dem Wunder ist in vollem Gang: Der örtliche Priester Borrodine (Patrick d'Assumçao) versucht, die junge Novizin gegenüber dem Einfluss der Kirche abzuschirmen.

Gottvertrauen gegen Rationalismus

Regisseur Giannoli steht dem Konzept des Wunders nicht per se ablehnend gegenüber, umso mehr dafür den Instanzen der katholischen Kirche, die eigene Interessen verfolgt, dabei wenig Mitleid für die Bedürfnisse der Menschen aufbringt. Als Mayano erstmals Anna (Galatea Bellugi, deren klare Gesichtszüge einen frappierenden Kontrast zur verschlossenen Miene des Reporters darstellen) gegenübersitzt, erkennt er ein junges, sehr ernstes Mädchen mit einem unerschütterlichen Glauben. Gegen ihr Gottvertrauen kann sein Rationalismus wenig ausrichten, trotzdem bleibt er skeptisch.

Ein blutiges Leinentuch vom Ort des Wunders wird in der Kirche als Reliquie ausgestellt, die Pilger warten auf den Auftritt der „Seherin“. Borrodine hat sich mit einem Tross von Theologen und PR-Leuten umgeben, die von dem Wunder profitieren wollen. Der undurchsichtige Anton Meyer, von Anatole Taubman als mephistophelischer Heilsbringer gespielt, plant einen Internet-Auftritt Annas vor ihrer Fangemeinde. „Gott sei dank, die Leitung ist stabil“, ruft er, umgeben von Kameras.

Zurück an den Ort des Kriegstraumas

Gelegentlich stechen in „Die Erscheinung“ solche satirischen Spitzen durch, doch über weite Strecken bleibt der Tonfall von Giannolis Romanverfilmung trocken im Stil von Hardboiled- Detektiverzählungen. Mayano forscht in den Archiven des Vatikans, um mehr über den Umgang der Kirche mit Marienerscheinungen zu erfahren, aber auch mit dem sakralen Pulp eines Dan Brown hat „Die Erscheinung“ wenig Berührungspunkte. Es gibt keine klerikalen Geheimbünde, nur ein junges Mädchen, das sein Schicksal als Auserwählte erträgt und gleichzeitig von den Erwartungen ihres Umfelds überfordert ist. Ein Raum voller Heiligenfiguren wartet schon darauf, von ihr gesegnet zu werden. Der Preis für eine Schneekugel mit ihrem Motiv: 8 Euro. Jedes Wunder hat seinen Preis.

Worauf Giannoli mit seinem Film  letztlich aber abzielt, der weder als Thriller Tempo aufnimmt noch – wie etwa Jessica Hausners  „Lourdes“ – Glaubensfragen zu ergründen versucht wird, wird auch nach gut 140 Minuten nicht ganz klar. Der Film mäandert wie in Trance vor sich hin, irgendwann legt sich die Kindheit des Waisenmädchens Anna wie ein dunkles Geheimnis über die religiösen Motive. Es führt den Reporter schließlich zurück an den Ort seines Kriegstraumas. Wenigstens einer findet am Ende seinen Frieden.

In den Berliner Kinos b-ware!Ladenkino, Babylon, Brotfabrik, Filmkunst 66, IL Kino (alle OmU)

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