Robert Liebknecht im Kollwitz-Museum : So ungestüm wie Vater Karl

Schroffes Berlin: frühe Gemälde und Zeichnungen des Expressionisten Robert Liebknecht im Käthe-Kollwitz-Museum.

Zugig. Liebknechts „Straßenecke“ von 1931.
Zugig. Liebknechts „Straßenecke“ von 1931.Foto: Nachlass R. Liebknecht/VG Bild-Kunst Bonn 2019

Käthe Kollwitz war von dem 16-Jährigen beeindruckt, der ihr am 27. Januar 1919 seine Skizzenbücher vorlegte: „Der Junge ist sehr begabt. Von ungeheurem Temperament, Liebknechtschem Ungestüm sind seine Zeichnungen." Am Abend zuvor hatte seine Mutter die berühmte Künstlerin gebeten, die Ungeduld ihres Jungen zu bremsen. Sie müsse darauf bestehen, dass Robert erst einmal das Abitur mache, der Vater habe das so gewünscht.

Freikorpssoldaten hatten den Vater Karl Liebknecht keine zwei Wochen zuvor im Tiergarten ermordet. Auf Wunsch der Familie reihte sich Kollwitz in die vielen Trauernden ein, die im Leichenschauhaus an der Hannoverschen Straße an dem aufgebahrten Leichnam vorbeidefilierten und zeichnete den Kopf des Toten. Die Blätter gab sie dem Sohn, der auf sie nervös und gepeinigt wirkte, am Ende des Besuchs mit nach Hause.

Der Mord an den KPD-Gründern Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg empörte Kollwitz, obschon sie politisch eher den Mehrheitssozialisten zuneigte, die den Spartakusaufstand vom Januar 1919 mithilfe reaktionärer Soldaten brutal erstickten. Fast zwei Jahre arbeitete Kollwitz daran, der Trauer um die Opfer eine gültige künstlerische Form zu verleihen. Sie spiegelt sich in den Gesten und Gesichtern von gut einem Dutzend dunkler Figuren, die auf dem Holzschnitt „Die Lebenden dem Toten“ hinter dem leuchtenden Leichnam des Revolutionärs aufgereiht sind.

Den Vater hat Karl nach dessen Ermordung porträtiert

Das Kollwitz-Museum zeigt zum Jubiläum der Novemberrevolution fünf Blätter aus diesem Werkkomplex. Dies eine Studioausstellung zu nennen, wirkt ein bisschen vollmundig – wie leicht hätte man diese schmale Präsentation um Leihgaben aus Berliner Sammlungen zum Thema ergänzen können. Parallel ist im Obergeschoss des Museums ausgebreitet, was vom Frühwerk des Zeichners und Malers Robert Liebknecht erhalten blieb. Nach dem Abitur nahm er an einer privaten Kunstschule Unterricht bei Hans Baluschek, wurde an der Dresdner Kunstakademie angenommen und reiste auf Anraten von Käthe Kollwitz durch Frankreich. Von 1930 bis zur Flucht vor den Nationalsozialisten im Jahr 1933 hatte Liebknecht junior ein Atelier im Berliner Wedding und unterrichtete an der Volkshochschule Neukölln.

Das Temperament, das Kollwitz an ihm schätzte, schlägt einem aus allen rund 50 ausgestellten Zeichnungen und Gemälden entgegen. Mit schroffem, lebendigem Kohlestrich skizzierte Liebknecht Berliner Straßen, Typen und Kaffeehausszenen, mit breiten impressionistischen Pinselstrichen malte er Felder am Stadtrand Berlins oder einen Fensterausblick auf Laubenkolonien, die sich in buntes Geflacker auflösen. Das repräsentative und schreiende Berlin der späten zwanziger Jahre scheint ihn kaum interessiert zu haben, ebenso wenig die kühle Sachlichkeit, die damals bei Malern in Mode kam. Seine Porträts von Arbeiterfrauen und anonymen Arbeitslosen zeigen weder Elendsfiguren noch klassenbewusste Proletarier, sondern Menschen in der Ungewissheit des Wartens, alles in gedeckten Farben mit flirrender Pinselführung. Unspektakulär wirkt das alles, kommt der bleiernen Alltagsatmosphäre im Berlin jener Zeit aber näher als der schrille Mythos vom „Babylon Berlin“.

Den Vater Karl Liebknecht hat der Sohn zehn Jahre nach dessen Ermordung porträtiert, eindringlich dem Betrachter zugewandt und ganz ohne heroische Attitüde. Für den Maler mit dem prominenten Namen führte nach dem Exil in Frankreich und der Schweiz kein Weg nach Deutschland zurück. In der DDR sah er keinen Platz für sich und seine unideologische Malerei. 1956 wurde Liebknecht französischer Staatsbürger. Nach seinem Tod in Paris im Oktober 1994 wurde die Urne unweit der Grabstellen des Vaters und des Großvaters, des SPD-Führers Wilhelm Liebknecht, auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt.

Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstr. 24, bis 3. Februar, tgl. 11-18 Uhr

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