„Robin Hood“ im Kino : Männer ohne Strumpfhosen

Vom Rebell zum Revolutionär: In Otto Bathursts „Robin Hood“ wird der Rächer der Enterbten zum Streetfighter.

Auf die Barrikaden. Das Vermummungsverbot gilt für Taron Egertons martialischen Robin Hood nicht.
Auf die Barrikaden. Das Vermummungsverbot gilt für Taron Egertons martialischen Robin Hood nicht.Foto: Studiocanal

Ach, du armes Abendland, so weit ist es gekommen: Jetzt muss Robin Hood, der englische Volksheld, ausgerechnet das Bogenschießen, seine Kardinaldisziplin im Waffenhandwerk, von einem Mauren aus dem Morgenland lernen!

Den nennt der vom Kreuzzugsgemetzel im Heiligen Land traumatisierte Lord of Locksley des unaussprechlichen arabischen Namens wegens kurzerhand John. Und fertig ist die neue Kombi klassischer Gefährten Robin und (Little) John. Wobei der Engländer seinen Beinamen „The Hood“ in Otto Bathursts „Robin Hood“ erst durch die Kapuzenmode erwirbt, die er bei seinen im Autonomenstil ausgeführten Anschläge auf die repressive Obrigkeit erwirbt. Und obwohl der Neuzugang der von Jamie Foxx verkörperten Figur des „guten Sarrazenen“ so originell nicht ist. Den edlen Muslim hat in den Achtzigern bereits die BBC-Serie „Robin of Sherwood“ etabliert. Und im Kino 1991 der Kevin-Costner-Knaller „Robin Hood – König der Diebe“. Morgan Freemans Charakter des weisen Heilers ist allerdings Lichtjahre von Jamie Foxx’ Kämpferattitüde entfernt. John treibt der Rachewunsch für den Tod seines Sohnes nach England und an Robins Seite.

Den spielt der 29-jährige Newcomer Taron Egerton als ziemlichen Milchbubi, was angesichts des athletischen, lässigen Jamie Foxx zu einem Kuriosum führt, das in der hundertjährigen Geschichte des Filmstoffs noch nie da war: Little John ist doppelt so cool wie Robin Hood. Und das durchgehend bis zum Ende des als actionreiches Popcornkino durchaus unterhaltsamen Films, der inhaltliche Tiefen konsequent meided, Sprünge im Plot aber großzügig toleriert.

Historische Sagengestalten besitzen kein Copyright

Nach den Hollywood-Klassikern der zwanziger und dreißiger Jahre, in denen Douglas Fairbanks und Errol Flynn den Gesetzlosen im Sherwood Forrest als galanten Herzensbrecher in Strumpfhosen und grünem Wams verkörperten, hat sich so ziemlich jede Dekade ihren eigenen Reim auf den Topos des romantischen Abenteurers gemacht. Das ist der Vorteil an historisch unverbürgten Sagengestalten, die mittelalterlichen Balladensammlungen entstiegen sind. Sie besitzen kein Copyright. Jeder hergelaufene Drehbuchautor kann mit ihnen anstellen, was er will. Es gilt das einträgliche Prinzip der Popkultur: ewige Wiederholung.

Musicals, Actionreißer, B-Filme, Persiflagen von Mel Brooks bis John Cleese, Zeichentrick – die Archetypen Robin, Maid Marian, Bruder Tuck, Little John, Will Scarlett und der Sheriff von Nottingham gibt es in allen Darreichungsformen. Als Technicolor-Traum in Michael Curtiz’ „König der Vagabunden“ (1938). Und als wunderbar wehmütige, jedem Kostümkitsch abholde Romanze von Richard Lester aus dem Jahr 1976. „Robin und Marian“ war genau wie Kevin Costners pausbäckiger Haudrauf – an den Feiertagen gerade wieder im Fernsehen zu sehen. Darin verzaubern Sean Connery und Audrey Hepburn im lichten Grün eines mittelenglischen Laubwalds als zärlich-lakonisches Altheldenpaar.

Klar, dass der Brite Otto Bathurst, der mit der düsteren Verbrechersaga „Peaky Blinders“ bekannt wurde, nun im Jahr 2018 dem Mythos vom edlen Räuber, der den Reichen nimmt, um den Armen zu geben, einen angemessen düsteren Look und einen schicken sozialrevolutionären Touch verpasst. Nottingham ist diesmal kein mittelalterlicher Marktflecken, sondern eine frühindustrielle Stadt mit Elendsquartier, Mine und Stahlhütte. Die von Klerus und Adel ausgesaugte Arbeiterschaft wird von einem frühen Sozialdemokraten namens Will Scarlett (Jamie Dornan) angeführt, dessen laue Appeasement-Politik den Einsatz Robin Hoods zum handgreiflichen Rächer der Entrechteten nötig macht. Und dann rangeln die beiden auch noch um Lady Marians Gunst. Sie wird von Eve Hewson so kreuzbrav und passiv gespielt, als hätte es 2010 nicht die Pferdehufe beschlagende und Schwerter schwingende Cate Blanchett in Ridley Scotts „Robin Hood“ gegeben.

Actionszenen für die Computerspiel-affine Kundschaft

Scott hatte die Legende in ein von einer Franzosen-Invasion bedrohtes England fantasiert. Als Mittelalterspektakel mit gewaltigen, an den D-Day in der Normandie erinnernden CGI-Strandschlachtformationen. Auch Otto Bathurst, sein Bruder im Geiste, verbraucht reichlich Menschen und Material für die sichtlich von der Streetfighter-Ästhetik der G20-Krawalle beeinflussten Darstellung des Volksaufstands in Nottingham.

Dazu passen die stylish modernisierten Kostüme, die man so ähnlich aber schon aus Jerry Zuckers König-Arthur-Adaption „Der erste Ritter“ kennt. Und das visuelle Besteck, das von Zeitraffern über Martial-Arts-Slowmotion und Jumpcuts jeden Schnickschnack nutzt, um die Erzählgeschwindigkeit den Sehgewohnheiten der Computerspiel-affinen Kundschaft anzupassen. In einem Punkt überzeugt „Robin Hood“ aber sogar psychologisch. Der in einen Naziledermantel gehüllte Sheriff von Nottingham (Ben Mendelssohn) ist nicht nur ein von Klerus wie Adel verachtender Machtmensch, sondern – ein geprügeltes Kind.

Mehr zum Thema

In 15 Berliner Kinos, OV: Cinestar Sony- Center, Eastgate, Zoo Palast, Colosseum

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!