"Saudi Runaway" im Panorama : Meine Waffe ist das Handy

Der brisante Dokumentarfilm „Saudi Runaway“ erzählt vom Aufbegehren einer jungen Frau gegen das repressivste Patriarchat der Welt.

Mutig. Muna lebt seit 2019 als Asylbewerberin in Deutschland.
Mutig. Muna lebt seit 2019 als Asylbewerberin in Deutschland.Foto: Christian Frei Filmproductions

Es sind Voicemails, die tief in die Magengrube schlagen. „Glaubst du wirklich, du kannst im Paradies leben und mich in der Hölle lassen?“ Diese Nachricht schickt Munas verzweifelte Mutter ihrer weinenden Tochter 2019 kurz nach deren Flucht aus Saudi-Arabien.

Es sind alltägliche Szenen, die bestürzen. „Du würdest das Auto doch nur kaputt fahren“, stänkert Munas kleiner Bruder Eyad, als die große Schwester mal wieder den Vater anbettelt, den Führerschein machen zu dürfen. Sagt der Vater zum sonst von ihm gern verprügelten Sohn: „Ignorier sie einfach, sie hat sowieso kein Geld.“

1000 Frauen flohen 2019 aus Saudi Arabien

Oder die Situation zu Beginn des brisanten Dokumentarfilms „Saudi Runaway“, der in der Sektion Panorama der Berlinale läuft. Da filmt Muna mit ihrem unter Niqab und Abaya verborgene Smartphone in einem verspiegelten Hotelfahrstuhl. Mit an Bord sind ein nur mit Handtuch und Schlappen bekleideter Mann, der aus dem Spa kommt, ein Junge in Jeans und Shirt und daneben ein schwarzes Gespenst – Muna. Eine rohes, absurdes, in Saudi-Arabien ein ganz normales Bild.

Die 26 Jahre alte Frau aus der Mittelschicht ist eine von 1000, die 2019 aus dem repressivsten Patriarchat der Welt fliehen. Die Schweizer Filmemacherin Susanne Regina Meurers hat Muna durch die Vermittlung von Menschrechtsaktivisten gefunden. Per wochenlangem Internetchat gewinnt sie ihr Vertrauen.

[27. 2., 14.30 Uhr (Colosseum 1), 28. 2., 16 Uhr (Cubix 9), 29. 2., 13.15 Uhr (Cubix 7)]

Schließlich filmt die mutige Frau heimlich den Familienalltag, dazu ihre Fluchtpläne und Gewissensnöte in Videotagebuch-Manier. Das Mobiltelefon wird zum Komplizen, zur Waffe. Meurers mailt sie das Material. Will Allah wirklich, dass wir Frauen wie Menschen zweiter Klasse leben müssen?, fragt Muna und kennt die Antwort.

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Von April bis Juni 2019 spielt sich ein – in dieser radikalen Subjektive nie gesehener – Krimi ab. „Saudi Runaway“ ist parteiisch, aber ja. Am Ende steht Munas arrangierte Hochzeit. In den Flitterwochen in Abu Dhabi klaut sie dem Ehemann ihren Pass und flieht. Saudische Männer kleben weiter an ihren Privilegien, sagt Muna, trotz der jüngsten Lockerungen für Frauen. Ihr reichen sie für ein freies Leben nicht.

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